Universitäten als Ort der Kritik?

Kommentar der anderen30. August 2016, 17:32
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Was in der sommerlichen Idylle in Alpbach nicht untergehen sollte: Die Unis leiden unter Verschulung und falschen Anreizen auf allen Ebenen. Sollen sie gesellschaftsrelevant sein, wie das Minister Mitterlehner fordert, braucht es echte Reformen

Der auch für Wissenschaft zuständige Vizekanzler Reinhold Mitterlehner hielt zur Eröffnung des Europäischen Forums in Alpbach eine eigentlich erfreulich kritische Rede: Laut ORF-Bericht sagte er, dass sich in den letzten Jahren in der Forschungsförderung zwar einiges bewegt habe, dass sich aber die Frage stelle, ob das auch genüge und – so der STANDARD vom 24. 8. – "ob die Hochschulen Orte seien, wo relevante Fragen diskutiert und Veränderungen angetrieben werden – oder Elfenbeintürme".

Für diese Frage erhält Herr Mitterlehner von meiner Seite als einem seit 33 Jahren an Universitäten Tätigen alle erdenkliche Sympathie. Auch dafür, dass er meinte, die Balance von wissenschaftlicher Bildung und beruflicher Bildung, von der schon der deutsche Bildungswissenschafter und Präsident der Uni Hamburg Dieter Lenzen meinte, sie sei eine der wichtigsten Fragen neuer universitärer Kultur, müsse kritisch hinterfragt werden. Denn, so meine ich, die veränderten Berufs- und Arbeitsbedingungen lassen es vielfach als nicht mehr ausreichend erscheinen, dass wir den "nur" wissenschaftlich gebildeten Absolventen – wie früher – gute Chancen am Arbeitsmarkt mitgeben können.

Meine Antworten auf Mitterlehners Fragen fallen allerdings ambivalent aus: Ja, Universitäten sind – ohne es verallgemeinern zu wollen – teilweise praxisferne Elfenbeintürme, die sich z. B. von den Fachhochschulen wegen deren Praxisbezug manchmal geradezu arrogant abgrenzen und eine Selbstherrlichkeit ausstrahlen, die oft Unverständnis hervorruft. Freilich gibt es – v. a. in Technik und Wirtschaft – auch positive Kooperationsbereiche, für die das nicht zutrifft. Bei einer Antwort auf des Vizekanzlers Zweifel wiederum, ob die Unis nach wie vor innovative, Neues vorantreibende und auch kritisch wirkende Kräfte seien, die sich zu gesellschaftlich relevanten Fragen zu Wort melden, muss ich den Ball auch an ihn selbst und seine Partei zurückspielen: Denn es war seine eigene Partei, die damals gemeinsam mit der Haider-FPÖ jene unselige Unireform durchgezogen hat, die zur weitgehenden Entdemokratisierung der Universitäten beigetragen und zusammen mit der Bologna-Reform zu einer denkbar ungünstigen Lehr-, Lern- und Leistungskultur geführt hat.

Studierende haben in dieser neuen "Kultur" vielfach gar nicht mehr die Zeit, sich über die unmittelbaren Lehrinhalte hinaus gesellschaftlich bedeutsamen Entwicklungen zu widmen. Dazu kommt, dass wir heute im Vergleich zu meiner und Mitterlehners Studienzeit in den 1970er-Jahren einen um ein Vielfaches höheren Anteil an teil- und vollerwerbstätigen Studierenden haben, deren Tag auch nur 24 Stunden hat und für die Österreichs Wissenschaftspolitik keinerlei unterstützendes Angebot (Fernstudienanteile, offizielles Teilzeitstudium etc.) bietet. Stattdessen tun wir im Rahmen des schon von Minister Töchterle als abschaffenswert bezeichneten ECTS-Punktesystems so, als hätten wir lauter 40-Stunden-Vollzeitstudierende.

Der Mittelbau wiederum ächzt vielfach unter einer gehetzten (Schein-) Leistungskultur in Form von Forschungsantragsdauerstress (bei geringer Erfolgswahrscheinlichkeit) und unter befristeten Knebelungsverträgen, die es – auf gut Österreichisch – klüger erscheinen lassen, "die Goschen zu halten", als sich kritisch und öffentlich mit gesellschaftlichen Missständen zu befassen. Wo soll hier die von Minister Mitterlehner genannte "moralische Komponente" für gesellschaftliche Diskussionen zur "Freiheit der Wissenschaft, wie jetzt in der Türkei" (Tiroler Tageszeitung vom 26. 4.), ihren Platz haben?

Und selbst die Professoren, wenn auch vom schwarz-blauen UG 2002 in den wenigen verbleibenden demokratischen Gremien wieder in die Mehrheit gehievt, sind durch die strukturellen Bedingungen dieses Gesetzes und die Bologna-Reform letztlich zu Befehlsempfängern degradiert, insofern sie – wollen sie "erfolgreich" sein – zu Projektmanagern mutieren müssen: Forschen sie nämlich selbst in ihrer Arbeitszeit etwas (einst ihre vornehme Aufgabe), dann scheint dies nicht als Drittmittelakquise auf und zählt in der und für die Uni bei den vom Wissenschaftsminister zu exekutierenden "Leistungsvereinbarungen" so gut wie nichts. Ein lieber Kollege hat wegen dieses tumben Starrens aufs Geld deshalb einmal treffend von "Trittmitteln" gesprochen. Und in der Lehre müssen sie rigide Studienpläne erfüllen, was an sich schon die "Freiheit der Lehre" schmerzhaft relativiert.

Dabei werden in höchst fragwürdigen Leistungsrankings immer wieder – beispielsweise im "Leiden-Ranking", das der netten niederländischen Stadt keine Ehre erweist – nur englischsprachige Beiträge in ganz bestimmten Journals gewertet: Kein noch so gutes wissenschaftliches Buch etwa (schon gar nicht in einer anderen als der anglo-imperialistischen Sprache), dessen "gesellschaftliche Relevanz" viel höher sein kann als Spezialistenaufsätze in amerikanischen Journals, zählt hier etwas. Diese Kriterien sind völlig einseitig naturwissenschaftlich orientiert, wo in erster Linie englische Aufsätze (und wenige Bücher) produziert werden. Und dennoch machen – bis auf ein paar lobenswerte kleine Universitäten in Europa – alle mit.

Das alles zusammen ist im Grunde von einer derartigen akademischen Unsinnigkeit gekennzeichnet, dass es als herrschende Normalität universitären Lebens heftig infrage zu stellen ist. Ich weiß mich in vielem davon auch mit Mitterlehners Vorgänger und meinem Ex-Rektor Karlheinz Töchterle und einigen anderen prominenten Universitätsleitern einig. Aber leider scheint es dafür weder im akademischen noch im politischen Bereich ausreichend Widerstand und Mehrheiten zu geben. Des Vizekanzlers Rede in Alpbach als zuständiger Minister in Ehren, aber Reden wird nicht reichen, damit die Unis wieder "Treiber für Neues" werden und innovativ in gesellschaftlich relevante (=verändernde) Diskurse eingreifen können, um auf die "gesellschaftliche Mitverantwortung für globale Krisen" (alles Mitterlehners Worte) aufmerksam zu machen. Dazu braucht es eine umfassende Uni-Neuaufstellung, die ja Thema eines nächsten Kongresses in Alpbach sein könnte. (Josef Christian Aigner, 30.8.2016)

Josef Christian Aigner ist Bildungswissenschafter und lehrt an der Universität Innsbruck.

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