Bhutan: Land der Berge und Trachtenträger

2. September 2016, 05:30
21 Postings

Zum Geburtstag des früheren Königs von Bhutan führen die Untertanen ihre schönsten Kleider aus. Das Tragen von Tracht gehört in dem Land am Himalaya zur Staatsdoktrin und ist für viele Pflicht

Männer im Rock – das kennt man ja schon von den Schotten. Trotzdem kleben jetzt die Augen an den Männern Bhutans. Auch am staatlichen Reiseführer Sonam Phuntsho, der eine Art knielangen Bademantel anhat mit Armstulpen, die bis zu den Waden hinunterreichen und dort wie in Stützstrümpfe eingezwängt über den Schuhen hängenbleiben. Sonam trägt dazu die blankpolierten Slipper eines englischen Gentleman.

Wer hat sich diese Mode nur ausgedacht? In Bhutan hat sozusagen niemand die Hosen an. Männer tragen den vertikal gestreiften Gho und Frauen die horizontal gestreifte Kira, einen Wickelrock, der bis zu den Knöcheln reicht.

foto: reuters / cathal mcnaughton
Wer hat sich diese Mode nur ausgedacht? In Bhutan hat sozusagen niemand die Hosen an. Männer tragen den vertikal gestreiften Gho und Frauen die horizontal gestreifte Kira, einen Wickelrock, der bis zu den Knöcheln reicht.

Im Königreich mit dem Donnerdrachen auf der Nationalflagge sind Gho und Kira nicht einfach Kleidungsstücke. Sie sind Teile der Staatsphilosophie. Deren oberster Grundsatz lautet: Das Wohlbefinden des Volkes ist wichtiger als das Wirtschaftswachstum. Der König schickte in den 1980er-Jahren Beamtenhorden durchs Land, um die Bevölkerung nach ihrer Befindlichkeit zu fragen. Aus den Antworten entwickelte er den Leitfaden "Grundpfeiler des Glücks".

Dazu gehören eine gerechte Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen, Umweltschutz (60 Prozent des Landes müssen heute bewaldet sein) und die Bewahrung des kulturellen Erbes wie etwa des alten Baustils mit seinen kunstvoll geschnitzten Fensterstürzen oder eben der bhutanischen Tracht. Für Personen mit staatlichen Berufen wie beispielsweise Reiseleiter ist sie sogar Pflicht.

Feiertag für die Tracht

Am 11. November tragen fast alle Bhutaner Tracht. Der vierte König Jigme Singye Wangchuck feiert seinen Geburtstag. Obwohl dieser das Amt bereits an seinen Sohn Jigme Khesar Namgyel abgegeben hat, wird er noch im ganzen Land verehrt. Sein Konterfei und jenes seines Sohnes schauen gemeinsam von Fahnen, die überall aus den Fenstern gehalten werden, sie prangen auf Straßenschildern und auf Stickern am Gho. Sonam hat sein bestes, graues Feiertagsgewand angezogen und dazu – Wanderschuhe. Er fährt mit seinen Leuten nach Thimphu.

foto: imago / all canada photos
Ein Phallus mit Donnerdrache als Glücksbringer auf einer Hausfassade in der Hauptstadt Thimphu.

In der Hauptstadt sind bereits viele Häuser mit blinkenden Lichtern geschmückt – die auf Wände gepinselten Phalli sind hingegen das ganze Jahr über zu bewundern. Die Symbole werden überall in Bhutan zur Hauseinweihung angebracht, um böse Geister und Gedanken von der Familie fernzuhalten. Auf einer Bühne auf dem Uhrturmplatz tanzt unterdessen eine Gruppe, die Schneeleopardenmasken trägt.

Kinder halten voller Stolz Luftballons mit der Aufschrift "Long live his majesty". An jeder Ecke riecht es anders, an einer nach gebratenem Hendl, schon an der nächsten nach Mottenkugeln, und fast überall steigt einem der strenge Geruch zerkauter Betelnüsse in die Nase. Mönche in roten Roben und mit Einkaufssackerln sowie Smartphones in den Händen schlurfen über die Straße, die an diesem Tag für Autos gesperrt ist.

foto: apa / afp / roberto schmidt
Der Dzong von Thimpu, ein buddhistischer Tempel und heute Sitz der Regierung von Bhutan.

Auf dem großen Sportplatz der 80.000-Einwohner-Stadt auf 2320 Meter Seehöhe beginnt die große Parade, Studenten marschieren auf. Mit demonstrativ patriotischer Begeisterung schwenken sie Nationalflaggen und Banner mit Geburtstagsgrüßen. Der verordnete bhutanische Nationalstolz – gepaart mit einer undeutlichen Angst vor allem Fremden – ging in den 1990er-Jahren schon so weit, dass nepalesische Flüchtlinge, die sich weigerten, bhutanische Kleidung zu tragen, aus dem Land vertrieben wurden.

Vorsichtige Öffnung

Erst 1974 öffnete sich Bhutan überhaupt für Fremde – man will nachhaltigen, limitierten Tourismus fördern. Reisende können ausschließlich mit Guide das Land erkunden und zahlen einen festgelegten Mindestbetrag von zurzeit 225 Euro pro Tag inklusive Vollpension. Zum Programm gehört immer der Besuch des Tigernestes.

Diese Tempelanlage wurde auf 3120 Meter Seehöhe über dem Paro-Tal im westlichen Teil des Landes in eine steile Felswand gezimmert und ist eines der bedeutendsten Pilgerziele im Himalaja. Ebenso wichtig, aber weniger bekannt ist der Punakha Dzong, die ehemalige Winterresidenz bhutanischer Könige im malerischen Punakha-Tal.

Für den Besuch der 21 Tempel mit filigran verzierten Giebeln legt sich Sonam einen weißen Schal mit Fransen um, wie es bei offiziellen und religiösen Anlässen Sitte ist. Die Farbe der Zeremonienschals kennzeichnet den Rang einer Person in der Gesellschaft: Orange für Minister, Grün für Richter, Safrangelb trägt nur der König.

Großer Rucksack vor dem Bauch

Spätestens jetzt wird klar, warum Sonam zu seinem besten Feiertagsgewand Wanderschuhe trägt. Es soll noch weiter hinaufgehen zum Khamsum Yulley Namgyal Chorten, einer vierstöckigen Tempelanlage hoch über dem Punakha-Tal. Zunächst aber schält Sonam seinen Oberkörper aus dem Gho, streift die Ärmel herunter und stopft sie sich in den Schoß. In die so entstandene Stofffalte vor dem Bauch hat man früher einen Dolch gesteckt. Heute bringt Sonam darin seinen Tabletcomputer unter. "Es ist der größte Rucksack der Welt", scherzt er.

Die Wanderung führt zuerst über eine Hängebrücke, später durch Reisfelder und steil bergauf durch Kiefernwald. Oben hat man ein sagenhaftes Panorama. Im Tal schlängelt sich der Fluß Pho vor bewaldeten Bergkämmen, die wie Dinosaurierrücken aus dem Dunst ragen, und am Horizont lugt die Spitze des 7194 Meter hohen Masang Gang im östlichen Himalaja hervor.

foto: reuters / cathal mcnaughton
Die berühmte Tempelanlage "Tigernest".

Auf dem Rasen vor dem Stupa hocken Schulkinder im Kreis und essen ihren Pausenreis. Sie haben einen Ausflug zu Ehren des Königs unternommen. "Bist du glücklich?", will ein Mädchen in grüner Schuluniform von einem Wanderer wissen. Eine Frage, die man hier so beiläufig stellt, als meinte man "Wie geht's?".

Auf dem Rückweg begegnen die Wanderer Bauer Gomchen, der aus Tibet nach Bhutan kam. Einmal im Jahr fährt er über die Grenze nach Indien, nur um dort Erdäpfel zu verkaufen – natürlich im buntgestreiften Gho. Mittlerweile hat er sich an das bhutanische Outfit gewöhnt, so sehr, dass ihm die jungen Bhutaner neben ihm merkwürdig auffallen: Sie tragen Jeans und T-Shirt. Zum Glück rückt einer von ihnen das Bild schnell wieder zurecht. "Klar trage ich auch gerne Trachten. Zu Hause hängen dreißig verschiedene in meinem Kleiderschrank". (Monika Hippe, RONDO, 2.9.2016)

Anreise & Unterkunft

Anreise
z. B. von Wien mit Austrian nach Delhi und mit Bhutan Air nach Thimphu. Die Einreise ist nur als Gast der Regierung möglich. Reisen müssen daher über registrierte Unternehmen gebucht werden.

Veranstalter
Unter anderen bietet Weltweitwandern eine 18-tägige Reise durch Bhutan, Sikkim und Darjeeling ab 4190 Euro an.

Die Reise wurde von Weltweitwandern unterstützt.

  • Ein Besucher der bhutanischen Tempelfestung Rinpung Dzong  in seinem Gho, dem traditionellen Wickelrock der Männer.
    foto: picturedesk / imagebroker / matthias graben

    Ein Besucher der bhutanischen Tempelfestung Rinpung Dzong in seinem Gho, dem traditionellen Wickelrock der Männer.

Share if you care.