Monica Bello: "Es geht um eine offenere Kultur des Denkens"

Interview3. September 2016, 09:00
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Physik trifft Kunst – das ist der Alltag am Cern, dem Kernforschungszentrum in Genf. Welche Impulse Kunstschaffende der Grundlagenforschung dabei geben können, erklärt Programmleiterin Monica Bello

STANDARD: Das Cern ist "die" Großforschungseinrichtung für physikalische Grundlagenforschung. Was erhofft sich das Kernforschungszentrum von der Einbindung von Künstlerinnen und Künstlern in die Forschung?

Bello: In erster Linie erhoffen wir uns, dass dadurch eine Diskussion zwischen Forschern und Kunstschaffenden eröffnet wird. Denn Künstlerinnen und Künstler haben in der Regel einen anderen Blick auf die Welt und auf Materie, sie durchlaufen andere Erkenntnisprozesse als Forschungstreibende. Der Austausch zwischen den beiden Gruppen kann sehr befruchtend sein für die Arbeit beider. Grundlagenforscher und Kunstschaffende sind intellektuell gewissermaßen aus demselben Holz geschnitzt. Beide streben in ihrer Arbeit im Grunde nicht konkrete und spezifische Ergebnisse an, sie sind vielmehr an der Erkundung und Erforschung von Ideen und Zusammenhängen interessiert. Das verbindet sie.

STANDARD: Geht es bei einer künstlerischen Beschäftigung mit der Welt nicht zentral um einen "Flow", der nicht zwingend zu etwas Konkretem führt? Forschung ist hingegen seit langem auch ein von Wettbewerb um Innovationen geprägtes Feld. Was also ist der konkrete Nutzen dieser Zusammenarbeit von Kunstschaffenden und Forschungstreibenden?

Bello: Ja, es gibt diesen Wettbewerb in der Wissenschaft, etwa wenn es um Forschungsfinanzierung geht. Das ist für die konkrete Genese von Erkenntnis aber gar nicht so relevant – und auf dieser Ebene ist es sehr wohl sinnvoll, künstlerische Zugänge einzubinden. Es gibt für uns bei Arts@Cern eigentlich keine konkrete Zielsetzung oder keinen klar definierten Nutzen, den wir uns aus der Verbindung von Kunst und Forschung erhoffen. Dieses Experiment ist offen. Wir sehen aber schon, was es bringt: Es entsteht eine offenere Kultur des Denkens, wenn man Künstler ins Labor holt.

STANDARD: An welchem Punkt des Forschungsprozesses werden Künstler und Wissenschafter am Cern zusammengespannt? Bei der Formulierung eines Erkenntnisinteresses? In der Phase des Experimentierens?

Bello: Wir haben mehrere Modelle für diese Zusammenarbeit. Die Vorgehensweise ist in jedem Fall klar geplant: Im Rahmen eines Wettbewerbs können Künstlerinnen und Künstler Projekte bei uns einreichen. Sie müssen begründen, auf welchen Ideen, Beweggründen ihre Motivation fußt, wonach sie suchen. Die Gewinnerin oder der Gewinner wird zwischen ein und drei Monaten am Cern aufgenommen, erhält Unterkunft und Geld. Allerdings ist diese Residency nicht autonom – der Künstler oder die Künstlerin ist für die Dauer des Aufenthalts beim Cern angedockt.

STANDARD: Kunst und Forschung sind beide von einer gewissen Fluidität gekennzeichnet, das heißt: Richtung und Ausgang des Schaffens- oder Forschungsprozesses können sich permanent ändern. Wie wird bei der Zusammenarbeit auf diesen Umstand reagiert?

Bello: Wir wissen natürlich, dass sich beide Seiten im Prozess gegenseitig beeinflussen – das ist auch Sinn der Sache. Der ursprünglich von den Kunstschaffenden gewählte Ansatz kann sich im Zuge der Auseinandersetzung mit einem Forschungsprojekt ändern, weil sie mit der Zeit besser verstehen, worum es darin geht. Die Grundlagenforschung am Cern ist wirklich sehr anspruchsvoll. Jemand Fachfremder kann kaum verstehen, wie mithilfe eines Teilchenbeschleunigers der Aufbau der Materie erforscht wird, wie es am Cern geschieht. Es ist für die Künstler nicht einfach, all das wirklich zu durchdringen. Daher begleiten wir sie sehr intensiv. In gewisser Weise müssen die Kunstschaffenden selbst Forscher werden.

STANDARD: Wie sieht dieser Prozess aus?

Bello: Es gibt jeweils einen Wissenschafter, der dem Kunstschaffenden als "Guide" zur Seite steht und ihn zu den Experimenten mitnimmt. Diese Vorgehensweise hat sich für uns bewährt. Die Forscher berichten uns von sehr wichtigen Impulsen und Gedankenanstößen, die sie auf diese Weise von den Künstlern bekommen. Sie motivieren sie durch ihre künstlerische Arbeit, anders über die Welt nachzudenken.

STANDARD: Es ist Aufgabe kritischer Kunst, bestehende Ordnungen radikal infrage zu stellen und Realitäten zu hinterfragen. Ist es das, was einen künstlerischen Zugang zu Wissenschaft und Forschung so fruchtbar macht?

Bello: Das ist der Kern der Sache. Kunst hilft uns, in Alternativen zum Bestehenden zu denken und mit anderen Augen auf die Welt zu schauen, abseits bestehender Logiken. Das verbindet Künstler mit Menschen, die experimentelle Physik betreiben. Auch gute Forscherinnen und Forscher müssen, um ein Schlagwort zu bemühen, Outside-the-Box-Thinking betreiben, also bereit sein, intellektuell neue Wege zu gehen. Das Higgs-Boson wurde nicht in der geistigen Komfortzone entdeckt. Aber auch die Künstler profitieren ungemein von der Zusammenarbeit. Wirklich zu verstehen, wie sich Licht durch die Luft bewegt, wie Schallwellen funktionieren, was beim Klimawandel genau passiert, all das ist für die Arbeit von Künstlern ungemein inspirierend.

STANDARD: Nicht alles, was wir uns in einem grenzenlos kreativen Prozess vorstellen können, ist zwangsläufig auch ein Fortschritt für die Menschheit – Stichwort künstliche Intelligenz. Wenn wir davon ausgehen, dass es ethische Grenzen bei der Umsetzung kreativer Ideen, die unser Leben beeinflussen, geben muss: Wer sollte der "Bedenkenträger" in der Zusammenarbeit zwischen Kunst und Forschung sein?

Bello: Sowohl Kunst als auch Wissenschaft und Forschung müssen ethischen Richtlinien, einem deontologischen Kodex, folgen. Kunst ist nicht autonom – sie steht im Verhältnis zur Welt, die uns umgibt. Auch Künstler müssen sich bewusst machen, welche Folgen ihr kreatives Handeln hat. Grundlagenforschung, wie sie am Cern betrieben wird, bezieht sich zwar weniger direkt auf unseren Körper als beispielsweise Genetik, dennoch muss auch sie ethisch agieren. Die Frage, welche gesellschaftlichen Folgen sein Wirken haben kann, sollte aber nicht nur den einzelnen Forscher beschäftigen, sondern die gesamte Forschungsgemeinschaft – zu der beim Cern eben auch Künstler gehören.

(Lisa Mayr, 3.9.2016)


Monica Bello, geboren 1973, leitet seit 2015 die Abteilung Arts@Cern am Cern, der Europäischen Organisation für Kernforschung in Genf. Die gebürtige Spanierin und studierte Kunsthistorikerin arbeitete zuvor als Kuratorin und richtete internationale Wettbewerbe zu Kunst und künstlicher Intelligenz aus. Beim diesjährigen Europäischen Forum Alpbach sprach Bello vergangene Woche über die Verbindung zwischen Kunst, Wissenschaft und Technologie.

Info: Alpbach 2017: Konflikt & Kooperation

Alle Jahre wieder treffen einander Wissenschafter, Rektoren, Forschungsmanager und Politiker zu den Hochschul- und zu den Technologiegesprächen im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach. Für Uni-Themen ist ein Tag reserviert, für Technologiethemen sind es deren drei.

Diskutiert wird vor allem im nun großzügig erweiterten Kongresszentrum und jeweils freitagnachmittags in den dichtbesetzten Klassenzimmern der Hauptschule, wo "Breakout-Sessions" stattfinden. Eine Gelegenheit für Agenturen und Forschungseinrichtungen, sich in Hinblick auf ein Thema Öffentlichkeit zu verschaffen.

Die Bandbreite der Diskussionen ging heuer von Cybersecurity über die Energiewende und radikale Innovationen bis zur Zukunftstechnologie Leichtbau. All das unter dem Generalthema "Neue Aufklärung". Die Technologiegespräche werden vom Austrian Institute of Technology (AIT) und von Ö1 veranstaltet, Sponsoren sind das Wissenschafts-, das Verkehrs- und das Bildungsministerium. Das Thema des nächsten Forums: "Konflikt und Kooperation" – 16. August bis 1. September 2017.

  • Monica Bello ist die Leiterin der Abteilung  Arts@Cern.
    foto: andrei pungovschi

    Monica Bello ist die Leiterin der Abteilung Arts@Cern.

  • Der "Quantum Dance" ist ein Projekt des Schweizer Choreografen Gilles Jobin und des deutschen Künstlers Julius von Bismarck, das durch Arts@Cern entstanden ist.
    foto: gregory batardon

    Der "Quantum Dance" ist ein Projekt des Schweizer Choreografen Gilles Jobin und des deutschen Künstlers Julius von Bismarck, das durch Arts@Cern entstanden ist.

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