Ein Märchenschloss für russische Provinzschüler

Reportage31. August 2016, 09:00
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Die Schule in Joschkar-Ola hat Prestige. Doch eigentlich ist der märchenhafte Komplex die Liebeserklärung eines Geschäftsmannes an seine Frau

Nein, Harry Potter ist hier nicht zur Schule gegangen. Auch keine anderen Zauberlehrlinge oder Feen. Stattdessen gehen ganz gewöhnliche Buben und Mädchen in diesem kleckerburgähnlichen Palast ab dem 1. September wieder täglich ein und aus. Und doch grenzt es an ein Wunder, dass in der tiefsten russischen Provinz, irgendwo in der Mitte zwischen Moskau und dem Ural, ein Märchenschloss als Schule dient.

Die Geschichte dieser Schule in der Stadt Joschkar-Ola beginnt wie ein Märchen: Es waren einmal zwei junge Lehramtsstudenten, Sergej und Tatjana. Ausgerechnet in den für Russland wilden und rauen 1990er-Jahren träumten sie von einer Bildungsrevolution und einer neuen, humanen Erziehung. Dann wurde sie schwanger, er brach das Studium ab und hatte Glück. Sein Business, das er mit Filmvorführungen begann, war erfolgreich, inzwischen ist Sergej Mamajew Besitzer einer Baufirma und der größten Druckerei in der Region. Seine Frau wurde Lehrerin. Ein anständiger, aber anstrengender und keinesfalls einträglicher Beruf in Russland. Doch Liebe kann Berge versetzen – oder zumindest Schlösser.

Und so baute Sergej Mamajew seiner Frau ihre eigene Schule. Sie steht im Zentrum, aber etwas versteckt in einer der Hintergassen, eingerahmt von sowjetischen Standardbauten – quadratisch, praktisch, gut. Die Schule selbst jedoch fügt sich in keinen Standard und sprengt jedes quadratisch begrenzte Vorstellungsvermögen mit ihren Wendeltreppen und dem Glockenturm, den zahllosen Türmchen und Burgzinnen, den Säulen, Galerien und Torbögen.

Lehrerin wird Direktorin

"Gewöhnliches Wunder" nannten die Mamajews das Projekt nach einem sowjetischen Film- und Musical-Klassiker. "Vor gut 15 Jahren haben sie den Bau in Angriff genommen", erinnert sich Wachmann Alexander, der den Zugang zum Grundstück kontrolliert. Aus der jungen Lehrerin Tanja wurde somit die Direktorin Tatjana Wladimirowna. Inzwischen ist, was als Kindergarten mit Grundschule begann, ein Lehrkomplex mit vier Gebäuden geworden, der die Kinder von der Krippe bis zur Matura führt.

Wie viel Zeit und Überzeugungskraft es gekostet hat, allein dafür alle nötigen Genehmigungen zu bekommen, weiß allein Sergej Mamajew. Er übernahm das Klinkenputzen bei den Behörden selbst. Am Ende bekam Mamajew alle Papiere. Den Bau bezahlte er aus eigener Tasche, die Stadtverwaltung übernahm die Kosten für Lehrergehälter, Strom, Gas und Wasser. Freilich nur die gesetzlich festgesetzten Normen.

Den Rest zahlen die Schüler – vielmehr deren Eltern – selbst zu: 8.000 Rubel im Monat sind derzeit etwas mehr als 110 Euro. Für Joschkar-Ola mit Durchschnittsgehältern von knapp 300 Euro ist das keine Kleinigkeit. "Ich habe ein zweites Kind bekommen und denke ernsthaft an ein drittes, darum habe ich mich schweren Herzens entschlossen, meines nach Abschluss des 'Wunder'-Kindergartens in eine staatliche Schule zu geben. Bei elf Klassen plus vier Jahren Kindergarten für jedes deiner zwei, drei Kinder eine Summe auszugeben, die dem Mindestlohn entspricht, war mir zu riskant", beklagt Olga, die Mutter eines früheren "Wunder"-Zöglings.

Prestige für das Schloss

Und doch ist der Andrang riesig. Denn das "gewöhnliche Wunder" bietet nicht nur äußerlich eine Alternative zum grauen Schulalltag in Russland. Auch das Lehrprogramm ist individuell gestaltet. Es gibt ein Schwimmbecken und Werkstätten, wo sich die Kinder mit zahlreichen Aktivitäten beschäftigen, die sie sonst an keiner Schule finden, beispielsweise im Fotostudio, in der Designwerkstatt oder in der Druckerei für die Schulzeitung.

Die Kinder werden an der Schule nicht nur ärztlich, sondern auch psychologisch betreut. Viele Eltern sehen darin einen Grund für das "entspannte" Lernklima. Die Schule hat Prestige. Selbst die Kinder von Leonid Markelow, dem Gouverneur der Provinz, hätten hier gelernt, erzählt Wachmann Alexander nicht ohne Stolz.

Mehr Touristen

Und wer weiß, ob nicht die Märchenschule auch "schuld" an der wundersamen Verwandlung des Stadtzentrums in den letzten Jahren ist. Dort, an der Kleinen Kokschaga, einem Nebenfluss der Wolga, ist nämlich eine Uferpromenade entstanden, die ihresgleichen sucht: Die Häuserzeile am Ufer weist einen flämischen Stil auf, doch die Kremltürme auf dem Platz der Republik erinnern zweifellos an Moskau, die gerade erst von Patriarch Kyrill eingeweihte Verkündigungskathedrale der heiligen Gottesmutter wiederum an die farbenprächtige Auferstehungskirche in Sankt Petersburg. Das Gebäude der nationalen Kunstgalerie ist im venezianischen Stil gehalten, und das Puppentheater nimmt Anleihen beim Schloss Neuschwanstein.

Historisch hat das Bauensemble keinen Wert, es ist alles in den letzten zehn Jahren entstanden. "Kitsch" und "billige Kopie" sagen daher die einen, "interessant" finden es die anderen. Touristen jedenfalls hat Joschkar-Ola durch sein neues Aussehen gewonnen. "Wir machen jetzt mit allen unseren Gästen einen Tagesausflug hierher, so etwas haben die bei sich noch nie gesehen", sagt Natalja, Buchhalterin in der 60 Kilometer entfernten Großstadt Tscheboksary. (André Ballin, 31.8.2016)

  • Durch den Bau der Schule veränderte sich auch das Stadtbild von Joschkar-Ola und zieht nun mehr Touristen an.
    foto: andré ballin

    Durch den Bau der Schule veränderte sich auch das Stadtbild von Joschkar-Ola und zieht nun mehr Touristen an.

  • Vor gut 15 Jahren wurde der Bau des Märchenschlosses in Angriff genommen – Pläne gab es schon viel länger.
    foto: andré ballin

    Vor gut 15 Jahren wurde der Bau des Märchenschlosses in Angriff genommen – Pläne gab es schon viel länger.

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