Kerns Orbánisierung

Kommentar30. August 2016, 13:47
197 Postings

Statt sich kritischen Journalistenfragen nach dem Ministerrat zu stellen, setzt der Kanzler auf Kommunikationsmanagement und Verlautbarungsjournalismus

Bundeskanzler Christian Kern vergleicht sich gern mit Bruno Kreisky – was von großem Selbstbewusstsein zeugt. Weniger selbstbewusst zeigt er sich jetzt, wo er unter Berufung auf Kreisky das Pressefoyer abschafft, mit dem Kreisky nach dem wöchentlichen Ministerrat die Nation über seine Sicht der Politik und gelegentlich auch über seine Absichten informiert hatte.

Kreisky wurde damit zum "Medienkanzler" – denn das damals Neue am Format des Pressefoyers war, dass Kreisky eben nicht nur seine Positionen verlautbarte. Er stand auch für allerhand Journalistenfragen, auf die er nicht immer vorbereitet war, zur Verfügung; beantwortete sie mal freundlich, mal in der ihm eigenen grantigen Art. Legendär, wie er eine Frage zu seinem Gesundheitszustand mit der Aufforderung beantwortete, der Redakteur sei herzlich eingeladen, seinen Puls zu fühlen. Oder auch, als er einen ORF-Redakteur (der sich zuvor aus seinem erlernten Beruf als Schriftsetzer zu einem Topjournalisten der "Arbeiter Zeitung" hochgearbeitet hatte) auf eine kritische Frage mit dem Hinweis abkanzelte: "Lernen S' a bisserl Geschichte, Herr Reporter!"

Der damalige Kanzler lieferte – im Unterschied zu seinem Vorgänger Josef Klaus, dessen ÖVP-Alleinregierung den verdienten, aber langweiligen Informationsstaatssekretär Karl Pisa vor die Presse geschickt hatte – jedenfalls verlässlich innenpolitische (manchmal auch außenpolitische) Schlagzeilen.

Kern hat natürlich recht, wenn er sagt, dass sich die Zeiten und die Medien seither geändert haben. Es hat sich aber auch die Politik geändert – und mit ihr die Qualität der politischen Spitzenakteure. Schon Kreiskys Nachfolger Sinowatz reichte nicht mehr an den Altmeister heran. Zwei Jahrzehnte später verschanzte sich Wolfgang Schüssel gemeinsam mit seinem längst vergessenen freiheitlichen Partner hinter einem massiven Tisch – und Schüssels sozialdemokratische Nachfolger traten frei stehend, aber ebenfalls mit großer Distanz vor die artig auf die Stil-Sessel des Kanzleramts gesetzten Journalisten. Aber da konnte man immerhin noch nachfragen.

Aus und vorbei. Der jetzige Kanzler schickt wieder einen Staatssekretär und einen Minister vor die Medien. Was er selbst zu sagen hat, will er offenbar lieber über soziale Medien verlautbaren, allenfalls ausgewählten Journalisten, die keine blöden Fragen stellen, kundtun. Viktor Orbán hält es so, etliche andere Regierungschefs, die gerne als "stark" wahrgenommen werden wollen, ebenso.

Professionelle, gar kritische Nachfragen – nein, danke. Es gibt ja ohnehin Diskussionen auf Facebook, Twitter und anderen Kanälen, wo eigens dafür abgestellte Mitarbeiter das "Kommunikationsmanagement" übernehmen. Kern verschleiert das in seinem Facebook-Video als ein "Bemühen, der Öffentlichkeit auch für kritische Fragen zur Verfügung zu stehen".

Christian Kern vergleicht sich in diesem Punkt mit Kreisky; er behauptet, dass dieser es heute wohl ähnlich machen würde. Das wird niemand bestätigen, der Kreiskys Pressefoyers noch miterlebt hat.

Der Vergleich geht nicht zu Kerns Gunsten aus. (Conrad Seidl, 30.8.2016)

Share if you care.