Saalfelden: Synkopen auf Zeitreise

29. August 2016, 18:49
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Das Internationale Jazzfestival Saalfelden ging mit herzhafter Swing-Simulation zu Ende

Saalfelden – Auf der Suche nach Trends und Tendenzen bleibt beim Jazzfestival Saalfelden zumeist die Erkenntnis, alles wäre möglich. Alles Stilvolle, so ehrwürdig es auch sein mag, weilt nach wie vor unter uns – vornehmlich als Objekt einer individuellen Überführung in die Gegenwart. Und erschallt dabei mutmaßlich Neues, so zumeist in der überraschenden Mixtur oder Übermalung von Bekanntem.

Der Befund vermag zum Jahrgang 2016 nicht anders ausfallen. Die Zeitreise von Steven Bernstein zu jenen swingenden Urformen, die zum Bebop und seinen kunstvollen Erweiterungen führen sollte, war allerdings von erstaunlicher Deutlichkeit. Wiewohl da E-Gitarre und Geige Teil der kleinen Big Band waren, Instrumente also, die nicht zur Kerntruppe solcher Formationen gezählt haben, wirkte alles, als wäre es der Werkstatt einer jazzigen Originalklangbewegung entsprungen.

Pianist und Sänger Henry Butler (Jahrgang 1949) war das muntere Zentrum einer Rundreise zu Ragtime, Stride-Piano und Swing; auch bezüglich Improvisation schien der Mann aus New Orleans Privilegien zu genießen. Er durfte ausgiebig seine stilvollen Exkurse einbringen, während Bernstein sich auf kurze Fills beschränkte und einen Teil der Energie dem exaltierten Dirigieren schenkte. Es wirkte Tradition hier wie ein altes buntes Kleid, das angelegt wird, um Spaß an historischer Verkleidung zu erfahren.

Sänger Andreas Schaerer und das Projekt A Novel Of Anomaly war das Hineinschlüpfen in ferne Stilwelten, sei es den Balkan oder Brasilien betreffend, ebenfalls ein Anliegen. Und mitunter klang es ein bisschen kitschig. Der Schweizer Vokalist ist allerdings ein flexibler Stilist, der den perkussiven Stimmeinsatz ebenso beherrscht wie irrwitzig hohe Töne und den Verfremdungseinsatz von Elektronik. Außerdem war impulsive Interaktion vordringlich, was den Kitsch einbremste. Mit markanten Ausdrucksvaleurs ausgestattet, war Schaerer ein quasi instrumental agierendes Bandmitglied, das auch aus dem Hintergrund spannende Beiträge lieferte.

Schaerer war einer der interessanten Künstler eines Festivals, dem heuer ohnedies ein echter Flop erspart geblieben war. (Ljubiša Tošić, 29.8.2016)

  • Trompeter  und Bandleader Steven Bernstein bescherte dem Jazzfest zum Finale charmante Eindrücke aus einer fernen Jazzzeit.
    foto: jazzfestival saalfelden

    Trompeter und Bandleader Steven Bernstein bescherte dem Jazzfest zum Finale charmante Eindrücke aus einer fernen Jazzzeit.

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