Ian McEwans neuer Roman "Nutshell": Erholung für die Sinne

30. August 2016, 08:00
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Entgegen der Erwartung des Bestsellerautors sind die englischen Kritiker begeistert, die deutsche Übersetzung wird für Oktober bereits mit Spannung erwartet

Ein letztes verlängertes Wochenende hat das Land noch in der Sommerruhe verharrt, an diesem Dienstag beginnt für viele Briten der Alltag wieder. Die Kritiker hingegen feiern schon das erste Fest des literarischen Herbsts: Diese Woche erscheint auf der Insel der neue Roman von Ian McEwan. Den Besprechungen nach zu schließen, ist dem 68-jährigen Bestsellerautor (Abbitte, Saturday, zuletzt Kindeswohl) mit Nutshell ein neues Meisterwerk gelungen. Rechtzeitig zum Erscheinungstermin meldet sich der Autor auch erneut in der anhaltenden Gender-Debatte zu Wort: Statt stets nur über das eigene Wohlbefinden zu reden, sollten junge Leute lieber Probleme wie Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit und Nuklearwaffen diskutieren.

In einem ausführlichen Interview hat McEwan dem Guardian anvertraut, wie Nutshell (auf Deutsch erscheint Nussschale Ende Oktober bei Diogenes) in die Welt kam. Er habe so vor sich hingeträumt, da sei ihm plötzlich der Eröffnungssatz erschienen: "Here I am upside down in a woman" ("Da bin ich, kopfüber in einer Frau"). Dieser "unwiderstehlich albernen Idee" ging der Autor nach – herausgekommen sind 199 Seiten aus der Perspektive eines snobistischen, weingenießenden, angstbeladenen Embryos.

Dessen beachtliche Weltkenntnis rührt vom umfassenden Radio- und Hörbücherkonsum seiner Mutter Trudy her. Die junge Frau hat den Vater des Ungeborenen aus dem Haus gejagt, vergnügt sich mit dessen Bruder Claude bei wildem Sex, der dem Sohn in utero Angst einjagt, und plant gemeinsam mit dem geldgierigen Liebhaber, ihren Mann zu beseitigen. Eine hochmoderne Version von Shakespeares Hamlet also, ein Thriller mit vielen komödienhaften, ja grotesken Aspekten.

Im Interview berichtet McEwan, er habe beim Schreiben "enormen Spaß" gehabt, gerade weil das Buch nicht in der "plausiblen Welt" angesiedelt sei: "eine Art Erholung für die Sinne". Genau wegen dieser Abweichung von seinem sonstigen Stil des sozialen Realismus antizipiert der Autor "ordentlich Dresche" ("such a kicking") von den Kritikern – fälschlich, wie sich bei der Zeitungslektüre erweist. "Virtuose Unterhaltung", urteilt Tim Adams im Observer, von einem "bewusst elegischen Meisterwerk" schwärmt Guardian-Rezensentin Kate Clanchy. "Verspielt und todernst, wunderbar und frustrierend", findet Robert Douglas-Fairhurst (Times) das Buch.

Claire Lowdon fühlt sich in der Sunday Times an McEwans Wissenschaftssatire Solar (2010) erinnert, die bei Lesern und Kritikern ebenso extrem unterschiedliche Reaktionen hervorrief wie das anschließende Spionagebuch Honig (2012) und der Gesellschaftsroman Kindeswohl (2014). Für Diskussionen dürfte auch diesmal gesorgt sein.

Proteststurm

Neben seiner disziplinierten schriftstellerischen Arbeit hat sich McEwan, 68, immer wieder auch zu gesellschaftlichen Themen zu Wort gemeldet. Spätestens seit dem phänomenalen Erfolg von Abbitte (2001) dürfte er damit mehr Gehör finden als gleichaltrige, früher prominentere Autoren (und Freunde) wie Martin Amis, Julian Barnes oder Salman Rushdie. Kurz vor der EU-Volksabstimmung warnte er im Juni vergeblich vor dem Brexit, attestierte dem Land anschließend beängstigende Orientierungslosigkeit.

Einen Aufschrei der Empörung rief McEwan in diesem Jahr mit einer Bemerkung zur Transgender-Debatte hervor. Er sei ja vielleicht altmodisch, gab der Autor zu Protokoll, "aber die meisten Leute mit einem Penis sind Männer". Beim anschließenden Proteststurm habe er sich gefühlt, "als hätte ich Hitler gerechtfertigt", sagt McEwan. Dabei habe er überhaupt kein Problem mit einer Geschlechterneubestimmung. Hingegen steht McEwan der politischen Debatte an vielen amerikanischen und britischen Universitäten kritisch gegenüber, weil diese dort nur noch um das eigene Ich geführt werde. "Und das in einer Welt, in der wir mit mehr Problemen belastet sind als jemals in meinem Erwachsenenleben." (Sebastian Borger aus London, 30.8.2016)

  • Ian McEwan hatte für "Nutshell" eine "unwiderstehlich alberne Idee", herausgekommen ist eine Erzählung aus einer mehr als ungewöhnlichen Sicht: ein Thriller mit grotesken Aspekten.
    foto: corbis/francesco acerbis

    Ian McEwan hatte für "Nutshell" eine "unwiderstehlich alberne Idee", herausgekommen ist eine Erzählung aus einer mehr als ungewöhnlichen Sicht: ein Thriller mit grotesken Aspekten.

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