Unruheherd Balkan

Kolumne29. August 2016, 17:39
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Weder die Kriege der Vierziger- noch der Neunzigerjahre sind bisher wahrhaft aufgearbeitet worden

Vor vielen Jahren habe ich in der damals südserbischen autonomen Provinz Kosovo die kleine Stadt Suva Reka besucht, um für die Financial Times über ein britisches Industrieprojekt zu berichten. Im Nachbardorf Mushtishti bewunderte ich das 1315 errichtete serbisch-orthodoxe Kloster Blagorodica Odapitija. Damals war jeder Fünfte der rund 6000 Einwohner Serbe. Nach dem Zerfall Jugoslawiens kam es während des vom Serbenführer Slobodan Milosevic entfesselten Kosovokrieges zu grauenhaften Ausschreitungen und Massendeportationen der Kosovo-Albaner. Erst Luftangriffe der Nato (März-Juni 1999) konnten das Schlimmste verhindern.

Der Kosovo wurde Anfang 2008 unabhängige Republik. Man darf auch nicht vergessen, dass sowohl während des Krieges als auch nachher von der Kosovo-Befreiungsarmee UÇK und von albanischen Extremisten massive Gewaltakte gegen die serbische Bevölkerung und ihre Institutionen begangen wurden. Auch für diese Zeit gilt die Feststellung des großen Schriftstellers Hermann Hesse: "Die Menschen sind Bestien, wenn kein Stern über ihnen steht, aber wir dürfen nicht einem einzelnen Volk ein Monopol auf Bestialität vorwerfen."

Das historische Kloster in Mushtishti wurde nach dem Abzug der serbischen Dorfbewohner ebenso zerstört wie ihre Häuser. Allerdings werden den Serben von albanischer Seite auch Zerstörungen angelastet. Wie dem auch sei, geriet das kleine Dorf paradoxerweise wegen einer positiven Aktion des kosovarischen Ministers für Flüchtlingsrückkehr, Dalibor Jevtic, jetzt in die Schlagzeilen. Er hatte im Juni die Rückkehr ehemaliger serbischer Dorfbewohner und den Wiederaufbau ihrer Häuser angekündigt. Wohl deshalb reisten anlässlich eines serbisch-orthodoxen Kirchentages rund 150 Serben in drei Bussen am Sonntag an, um einer Messe auf den Ruinen ihrer Kirche beizuwohnen. Viele Dorfbewohner wollten den Besuch mit Gewalt verhindern. Eine starke Sonderpolizeieinheit musste sogar Tränengas einsetzen und mehrere Demonstranten festnehmen, um die Messe zu ermöglichen.

Die Berichte über den Zwischenfall und die Folgen bestätigen die Warnung des israelischen Philosophen Avishai Margalit in seinen Vorlesungen über "Ethik der Erinnerung": "Aus Erinnerung erwächst Rache, nicht weniger als Versöhnung, und die Hoffnung, mittels entfesselter Erinnerungen zu einer Katharsis zu gelangen, könnte sich als Illusion erweisen." Auch bei den Gedenktagen anlässlich des 21. Jahrestages der Befreiung der Krajina durch kroatische Truppen und der Flucht von über 200.000 Serben dominierten die lautstarken Ressentiments gegen die jeweiligen Feindbilder.

Die postumen Rehabilitierungen des serbischen Tschetnikführers Draza Mihailovic in Belgrad und des umstrittenen Kardinals Alojzije Stepinac in Zagreb lösten wie die jüngsten absurden Versuche serbischer Politiker zur Rehabilitierung des 2006 im holländischen Gefängnis verstorbenen Milosevic eine Flut gegenseitiger Beschuldigungen aus. Weder die Kriege der Vierziger- noch der Neunzigerjahre sind bisher wahrhaft aufgearbeitet worden. Alle fühlen sich als Opfer, die Täter sind ausschließlich auf der anderen Seite. (Paul Lendvai, 29.8.2016)

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