Im Schatten der hohen Feste

Rezension31. August 2016, 17:07
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Die Begebenheiten aus der Historie Salzburgs werfen Schlaglichter auf das Bundesland abseits des Bekannten

Oft sind es verborgene Orte, verschüttete, vergessene, verdrängte Begebenheiten und persönliche Schicksale, die die Geschichte eines Landes illustrieren. De facto ist die Sozialgeschichte denn auch der rote Faden, mit dem Barbara Brunner Salzburger Schicksalsorte verbindet und in Buchform präsentiert. Die von Brunner gesammelten und sorgsam edierten Reportagen und Berichte sind zuvor in den Salzburger Nachrichten erschienen. Die Begebenheiten aus der Historie Salzburgs, die in dieser Form kaum Eingang in die großen Annalen der Geschichtsschreibung gefunden hätten, werfen Schlaglichter auf das Bundesland abseits des Bekannten.

Anno 2016 feiert Salzburg nicht nur, wie sonst des Sommers üblich, sich selbst in Form der Festspiele – als Fixstern am Firmament der Kultur -, sondern auch noch den 200. Jahrestag seiner Zugehörigkeit zu Österreich, oder wie Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer junior witzelnd zu sagen pflegt: "Österreich ist 200 Jahre bei Salzburg." Mit diesem Bonmot befindet man sich auch schon inmitten eines ernsthaften Perspektivenwechsels. Denn erstens sieht Salzburg sich ohnehin selbst als zweite Hauptstadt Österreichs, und zweitens als geheime Kulturhauptstadt des Landes. Zumindest im Sommer mag das stimmen. Wien wird im Juli und August ob der zunehmend brütenden Hitze von einem Gros der Bevölkerung geflohen und den sintflutartig einfallenden Touristenhorden überlassen. Kunstinteressierte zieht es dann, nebst den klassischen Sommerfrische-Idyllen an den Seen im Land der Berge, auch ins Land der Äcker und der Dome – und der Kultur, zu den Festspielen, die Max Reinhardt vor mehr als neun Jahrzehnten gegründet hat.

Die Reportagen führen zur Großglockner Hochalpenstraße, zu okkulten Stollen im Imberg oder in Hallein. Die Zeitreise führt in die Zeit der Franzosenkriege und jene des Zweiten Weltkriegs, zu Kriegsgefangenen, zu streitbaren Tabakarbeiterinnen, zu Schmuggelrouten, zu Carl Zuckmayers Mühle und natürlich zur Trapp-Villa. Urkundlich erwähnt wurde Salzburg erstmals 696, als der fränkische Missionar Rupert aus Regensburg in der römischen Munizipalstadt Juvavum ein Missionskloster gründete. Katholische Fürsterzbischöfe regierten Salzburg als selbstständigen Teil des bajuwarischen Reiches, bis es, als Folge der napoleonischen Kriege und des Wiener Kongresses, 1816 im Vertrag von München Österreich angegliedert wurde. Aber – Achtung, Ironie! – nicht wenige Aborigines meinen, für das Salzburger Terrain bräuchte man eine "mozartkugelsichere Weste". (Gregor Auenhammer, 30.8.2016)

Barbara Brunner, "Salzburger Schicksalsorte". € 19,95 / 128 Seiten. Verlag Anton Pustet, 2016

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