"El Olivo": Das leise Wispern aus uralten Zeiten

30. August 2016, 10:00
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In ihrem Filmdrama macht die spanische Regisseurin Icíar Bollaín die Geschichte eines uralten Baums zu jener einer kämpferischen jungen Frau. Und erzählt vom Schmerz der Gegenwart

Wien – Die Löcher im Stamm sehen aus wie ein Gesicht. Das größere unten könnte ein offener Mund sein, die beiden oberhalb zwei weit aufgerissene Augen. Eigentlich erinnert diese Laune der Natur, die ihre Spuren in der Rinde hinterlassen hat, eher an eine höhnisch grinsende Fratze. "Monster" nennt das kleine Mädchen, das mit seinem Großvater hierher in den Olivenhain gekommen ist, das Baumgesicht.

Der Lieblingsbaum der beiden ist der älteste von allen, angeblich noch von den Römern gepflanzt, als diese in Spanien die Herren waren – zweitausend Jahre alt soll er sein. Das ist eine Dimension, mit der heute, da das unsichtbare Kapital von Konzernen und Banken regiert, niemand mehr etwas anfangen kann: Geplant wird nur bis zum nächsten Quartal oder bis zum Tag, an dem die nächste Kreditrate fällig wird.

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Was kostet ein solcher Baum, und wie viel ist er wert? Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Wenn der Alte und das Mädchen zu Beginn von El Olivo einen neuen Zweig in die Erde pflanzen, gehört dieses Bild als Rückblende bereits der Vergangenheit an: Die Söhne haben den Baum gerade um dreißigtausend Euro verkauft. Schmiergeld. Für das Mädchen Alma, mittlerweile eine junge Frau (Anna Castillo), ist der Baum unbezahlbar, denn er ist Teil der Familiengeschichte – mehr noch, er erzählt die Familiengeschichte. Ohne ihn gibt es keine Erzählung mehr, und der Großvater (Manuel Cucala) ist in Schweigen verfallen. Der alte Mann hätte sein Gedächtnis verloren, sagen alle, er könne sich an nichts mehr erinnern. Dabei ist, möchte man meinen, genau das Gegenteil der Fall: Er kann sich an alles erinnern.

Nervenbündel mit Sidecut

Ein einzelner Baum ist im Kino stets ein mächtiges Zeichen. Denn er trägt so viele Assoziationen wie Äste, so viele Bedeutungen wie Blätter. Er ist ein Symbol, das von der Verwandtschaft zum Menschen erzählt: die unsichtbaren Wurzeln, die nur einem selbst gehören; der für alle sichtbare Stamm in Augenhöhe, den man umrunden kann; und die Krone, die der Fantasie gehört und die man sich ausmalen muss.

Als der Baum abgeholt und nach Deutschland verkauft werden soll, klettert das Mädchen weinend auf ihn hinauf – eine Szene, die an Julie Bertuccellis Baumfilm The Tree erinnert, in dem für die Tochter der Geist des toten Vaters im Baum weiterlebt -, bis der Großvater sie eigenhändig herunterholt. Das ist ein Moment, in dem die Schwäche und die Stärke der beiden zusammenfallen. Einer von vielen einprägsam schönen Momenten in diesem Film, der sich, kaum ist der Baum dem Blickfeld entschwunden, seiner Protagonistin und deren unbändiger Willenskraft zuwendet.

Denn Alma treibt diesem Film den in ihm dezent angelegten magischen Realismus bald gehörig aus. Diese Frau ist ein Nervenbündel mit Sidecut. Wenn sie sich mit den Fingern durch die Haare fährt, schmerzt das bereits beim Zusehen. Alma ist eine Kämpferin, die den Baum aus Düsseldorf, wo er in der Lobby eines Energiekonzerns gelandet ist, zurückholen will. Doch ihr fehlt der Plan. Sie handelt impulsiv, erfindet eine Geschichte, weil sie an Geschichten glauben möchte, und überredet mit einer solchen ihren Onkel und ihren Kollegen, mit ihr die Fahrt in den Norden anzutreten. Eine solche Unternehmung bleibt den sozialen Medien nicht verborgen, und mit ihrer Unterstützung steigen die Chancen auf Rückführung. Doch das Ziel dieses Films ist ein anderes.

Dass das Drehbuch aus der Feder von Paul Laverty, dem langjährigen Autor von Ken Loach – zuletzt für dessen Cannes-Siegerfilm I, Daniel Blake – und Lebensgefährten von Regisseurin Icíar Bollaín, stammt, merkt man vor allem an den sozialrealistischen Einschüben. Sie sind so dosiert, dass sie der Erzählung zwar eine gewisse Bodenständigkeit verleihen, aber auch nicht so harsch gezeichnet, dass sie tatsächlich dem Glauben an ein modernes Märchen im Weg stünden.

Die Wälder schweigen

Beinahe beiläufig inszeniert sind deshalb auch jene Szenen, in denen sich die durch Immobilien- und Finanz-Crash verursachte Krise spiegelt: Das Öl der Bäume im Familienbesitz mag nach wie vor eines der besten sein, das billig aus Asien nach Europa importierte treibt die Bauern jedoch in die Schuldenfalle. Zu Beginn sieht man Alma mit Mundschutz in einem Stall tote Hennen entsorgen. Massenproduktion sticht Nachhaltigkeit. Schnelllebigkeit sticht Alter. Gegenwart sticht Geschichte.

"Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden und tauscht bei ihnen seine Seele um", heißt es bei Erich Kästner. "Die Wälder schweigen, doch sie sind nicht stumm." Auch in El Olivo geht es letztlich um einen solchen stummen Austausch, mithin um eine Art der Seelenwanderung, die sich erst mit der räumlichen Entfernung über tausende Kilometer hinweg einstellt.

Denn auch wenn das Gesicht des uralten Baums nicht sprechen kann, sollte man eines nicht vergessen: Manche Monster leben ewig. (Michael Pekler, 30.8.2016)

Ab Freitag im Kino

  • Aus dem Alten entsteht das Neue, so wie aus einem Zweig irgendwann ein Baum wird: Alma (Ines Ruiz) und ihr Großvater (Manuel Cucala) wissen in "El Olivo" um die Bedeutung des Weitergebens.
    foto: polyfilm

    Aus dem Alten entsteht das Neue, so wie aus einem Zweig irgendwann ein Baum wird: Alma (Ines Ruiz) und ihr Großvater (Manuel Cucala) wissen in "El Olivo" um die Bedeutung des Weitergebens.

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