Diebstahlprozess mit den absurdesten Ausreden aller Zeiten

31. August 2016, 06:00
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Eine 31-Jährige soll eine Serientäterin sein. Sie bestreitet das – und will den Richter davon mit abstrusen Geschichten überzeugen

Wien – Magda V. kann sich glücklich schätzen, dass Christian Noe jener Richter ist, der darüber entscheiden muss, ob sie eine gewerbsmäßige Diebin ist. Im Wiener Straflandesgericht gibt es nämlich durchaus Richterinnen und Richter, die bei den Aussagen der 31-Jährigen gelinde gesagt ungehalten werden würden. Noe erträgt dagegen alles mit stoischer Ruhe.

Es beginnt schon bei der Überprüfung der Generalien. "Haben Sie Vorstrafen?", fragt der Richter die Slowakin. "Vor einem Jahr wollte man mich ausweisen, aber dazu ist es nicht gekommen", antwortet sie. Noe seufzt. "Na gut. Laut Strafregister sind Sie am 29. Oktober hier im Haus zu einem Jahr Haft, davon drei Monate unbedingt, verurteilt worden." – "Ah ja, ich habe die Frage nicht verstanden", lässt die Angeklagte übersetzen.

Einbruch, Drohung, Ladendiebstähle

Entlassen wurde sie im Dezember, Anfang Jänner soll sie laut Anklage schon wieder aktiv geworden sein. Ein Einbruch, eine gefährliche Drohung und zahlreiche Ladendiebstähle werden ihr vorgeworfen. Vorwürfe, die sie kategorisch abstreitet.

Nun muss gesagt werden, dass es manchmal vor Gericht durchaus abstrus klingende Verantwortungen gibt, die sich schlussendlich tatsächlich als Wahrheit herausstellen. In diesem Fall kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass es nicht so ist.

V.s Beteuerungen sind dermaßen absurd, dass selbst der Staatsanwalt gelegentlich erheitert schaut. Einige Beispiele: Ein Freund verspreche ihr immer wieder, im Supermarkt für sie zu zahlen. Leider möchte er nie hineingehen. Also muss sie ihm die Waren draußen zeigen. "Dann kommen die Leute heraus und sagen, ich habe etwas gestohlen!"

Beleidigte Angeklagte

Kurz darauf beschreibt sie den Vorfall so: "Ich bin im Geschäft geblieben und wurde nicht angehalten." – "Wollten Sie den Wein und die Lebensmittel noch bezahlen?" – "Ja, ich habe denen das Geld gezeigt." – "Warum haben Sie es dann nicht bezahlt?" – "Weil ich beleidigt war, dann wollten wir in dem Geschäft nichts mehr kaufen."

Einige Minuten später kommt eine dritte Erklärung: Ja, sie habe die Waren im Mantel gehabt. Aber: "Das war nur ein Spaß. Meinem Freund macht das Spaß." Auch der nächste Coup "war nur ein Spaß". Warum sie bei der Polizei noch gestanden habe? "Ich habe nicht verstanden, was ich unterschreibe."

Ein bei einem Büroeinbruch gestohlenes iPad will sie in einem Park gefunden haben. "Und warum haben Sie es nicht zu Fundamt gebracht?", interessiert Noe. "Ich habe es einem Freund gegeben, da ich es nicht brauchte. Aber irgendwie hat er es mir wieder zurückgegeben." Was also der Grund war, warum es fünf Tage nach dem Einbruch bei ihr gefunden wurde.

"Missverständnisse" und "Dummheit"

Zu anderen Fällen erzählt sie, sie, Verwandte oder Freunde würden Mitarbeiter der Geschäfte kennen. "Die haben mir erlaubt, dass ich mir Sachen nehme." Namen der freigiebigen Angestellten kann sie leider nicht nennen, nur "Mahmoud" fällt ihr ein. Warum sie dennoch festgehalten und angezeigt worden sei? Es seien entweder Missverständnisse gewesen, in einem Fall "wollte die Verkäuferin das Geld nicht nehmen". Die Polizei protokollierte damals noch, sie habe "Dummheit" als Motiv angegeben.

Und überhaupt: "Wenn ich hätte stehlen wollen, hätte ich das geschafft. Ich wäre einfach schnell weggelaufen!", argumentiert sie. Interessant ist auch, dass eine Zeugin, die von der Angeklagten mit den Worten "Ich weiß, wo Du wohnst. Ich komme mit meinem Mann wieder, und dann schlag ich Dir den Schädel ein" bedroht wurde, aussagt, V. habe Deutsch gesprochen. Erst als die Polizei erschien, seien die Sprachkenntnisse verschwunden gewesen.

Wohnung, Zelt oder Wochenendhaus

"Wo wohnen Sie eigentlich, wenn Sie in Wien sind?", will der Richter wissen. "Bei Kollegen in Liesing." – "Bei der Verhängung der Untersuchungshaft haben Sie noch gesagt, Sie zelten an der Donau?" – "Dort hat jemand ein Wochenendhaus."

Verteidiger Bernhard Eder, der wohl wegen völliger Aussichtslosigkeit auf ein Eröffnungsplädoyer verzichtet hat, klammert sich an einen Strohhalm und regt ein psychiatrisches Gutachten an. Noe und der Ankläger geben aber zu bedenken, dass die Angeklagte kaum an einer "geistigen oder seelischen Abartigkeit höheren Grades" leide, die für eine Zurechnungsunfähigkeit nötig wäre.

V. bleibt trotz aller belastenden Zeugenaussage bis zum Schluss bei ihrer Darstellung. Die Folge: Sie wird rechtskräftig zu eineinhalb Jahren unbedingter Haft verurteilt. (Michael Möseneder, 31.8.2016)

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