Österreich 2016: 400 Millionen Quadratmeter Wohnfläche

29. August 2016, 16:12
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Neues "Österreichisches Wohnhandbuch 2016" von Klaus Lugger und Wolfgang Amann bringt Zahlen und Daten rund ums Wohnen

Die Mieten bei Neuabschlüssen sind in den österreichischen Ballungsräumen in den vergangenen fünf Jahren markant gestiegen; insbesondere in Wien, Salzburg und Innsbruck sollte es deshalb "zusätzliche Maßnahmen" zur Sicherstellung der Leistbarkeit des Wohnens geben, sagte Wohnbauforscher Wolfgang Amann am Montag auf einer Pressekonferenz in Wien. In der Bundeshauptstadt lagen die Netto-Marktmieten 2015 bei Neuvermietungen schon bei 9,2 Euro pro Quadratmeter und Monat. Samt Umsatzsteuer und Betriebskosten komme man auf zwölf Euro, so Amann.

18 Prozent im Schnitt

Generell sei das Wohnen in Österreich im EU-Vergleich aber noch günstig. Die Wohnkostenbelastung liege hierzulande bei lediglich 18 Prozent der verfügbaren Einkommen. Im EU-Schnitt seien es heute schon 24 Prozent. Der Anstieg entspreche dem Trend bei reifen Volkswirtschaften, in denen dafür zum Beispiel der Anteil für Nahrungsmittelausgaben rückläufig sei, so Amann.

Der Wohnbauforscher hat allerlei Zahlenmaterial über die österreichischen Wohnungsmärkte zusammengetragen und gemeinsam mit Co-Autor Klaus Lugger, Geschäftsführer des Bauträgers Neue Heimat Tirol (NHT) und bis vor kurzem Aufsichtsratschef des Verbands gemeinnütziger Bauvereinigungen, in der soeben erschienenen 8. Ausgabe des "Österreichischen Wohnhandbuchs" versammelt. Lugger hatte das erste "Wohnhandbuch" 1995 herausgebracht. Damals hatte er als wohnpolitischer Berater der ÖVP einen eklatanten Mangel festgestellt: "Ständig wurde ins Wohnrecht eingegriffen, ohne dass irgendjemand ordentliche Daten zur Verfügung hatte", sagt er heute dazu. Mit dem "Wohnhandbuch", seither fast immer in Drei-Jahres-Schritten neu herausgegeben, sollte Abhilfe geschaffen werden. Seit 2013 ist Amann Mit-Autor.

Starker Anstieg der Wohnfläche pro Person

Die neue, 80-seitige Publikation versammelt statistisches Material verschiedenster Quellen und gibt in vielen Tabellen und Diagrammen eine aktuelle Bestandsaufnahme über das Wohnen in Österreich. Als Grund für das auch hierzulande teurer werdende Wohnen wird da etwa auch der – abgesehen von Wien – in allen Bundesländern immer noch steigende Pro-Kopf-Wohnflächenverbrauch ausgemacht. Dieser hat seit 1990 um 50 Prozent zugelegt, seit den 1970er-Jahren sogar um 100 Prozent – auf nunmehr 44,7 m² pro Person.

Trotz dieses gewaltigen Anstiegs an gesamter Wohnfläche in Österreich seit den 1970er-Jahren auf mittlerweile rund 400 Millionen Quadratmeter sind die Treibhausgas-Emissionen im Gebäudesektor in den vergangenen 25 Jahren allerdings um 41 Prozent zurückgegangen. "Im Lauf der nächsten beiden Generationen" sollte ohnehin die Erreichung des Null-Emissions-Ziels möglich sein, meinte Amann – das sei "technisch und wirtschaftlich machbar und sozial zumutbar".

Rekorde beim mehrgeschoßigen Wohnbau

Wie schon kürzlich im STANDARD-Interview wies der Wohnbauforscher neuerlich auf die bedenkliche Entwicklung bezüglich des Förderungsdurchsatzes bei Einfamilienhäusern hin. Nur etwa 30 Prozent aller neu gebauten Eigenheime würden derzeit mit Förderung gebaut, wodurch wichtige Lenkungseffekte verloren gingen. Der Ressourcenverbrauch steige stark, "weil die neu gebauten Eigenheime zusehends größer werden", so Amann, und die Zahl der Baubewilligungen in diesem Segment bewege sich seit drei Jahrzehnten konstant zwischen 15.000 und 18.000.

Im großvolumigen Wohnbau erwartet Amann mit Fertigstellungen von jeweils rund 35.000 Einheiten 2017 und 2018 Rekordzahlen, wie sie zuletzt Mitte der 1990er-Jahre erreicht werden konnten. Das liege "nahe am Bedarf", allerdings mit großen regionalen Unterschieden. In den Ballungsräumen, allen voran Wien, werden in den nächsten Jahren weit mehr Wohnungen benötigt, als gebaut werden.

Herausforderung Familiennachzug

Christian Struber, Chef der Salzburg Wohnbau sowie Bundesobmann der "Arge Eigenheim", verwies bezüglich des künftigen Wohnungsbedarfs auf die demografische Entwicklung und den Zuzug. So sei davon auszugehen, dass es von den knapp 90.000 Asylanträgen des Jahres 2015 für rund 30.000 einen positiven Bescheid geben werde, samt Familiennachzug aber noch weit mehr als diese 30.000 Menschen zusätzlich Wohnraum benötigen werden, so Struber.

Die Finanzierungsfrage sei durch die aktuell niedrigen Zinsen in den Hintergrund getreten, sagte s-Bausparkassen-Chef Josef Schmidinger, in dessen neuem Firmensitz – dem Erste Campus – das "Wohnhandbuch" präsentiert wurde. "Wir sollten aber darauf achten, dass wir in drei oder fünf Jahren noch ähnlich günstig bauen können." Die Grundstücksbeschaffung und andere Kostenthemen könnten die Wohnungswirtschaft eventuell 2020 oder 2025 einholen, gab Schmidinger zu bedenken.

Eigentumsquote nimmt ab

Die Zahl der Haushalte in Österreich dürfte laut Statistik Austria von 3,8 Millionen in 2015 auf 4,5 Millionen bis zum Jahr 2050 ansteigen. Die Eigentums-Quote von derzeit 49 Prozent dürfte dabei interessanterweise demnächst eher wieder abnehmen, die Mieter-Quote von aktuell 41 Prozent (Rest: "Sonstige" Rechtsverhältnisse") steigen – wegen des weiterhin starken geförderten (Miet-)Wohnbaus, und weil die Kaufoption in diesem Segment nur von etwa einem Drittel aller Mieter angenommen werde, wie Struber erklärte.

Der Arge-Eigenheim-Obmann mahnte auch mehr "Taten" anstatt bloßer Lippenbekenntnisse ein, wenn es um das leistbare Wohnen geht. "Oft passiert nämlich genau das Gegenteil"; zu Jahresbeginn sei etwa die Grunderwerbssteuer bei Baurechtsgründen stark angehoben worden, sie wird nun vom Verkehrswert des Grundstücks berechnet. (mapu, 29.8.2016)

  • Wolfgang Amann, Klaus Lugger: Österreichisches Wohnhandbuch 2016,StudienVerlag, Innsbruck 2016ISBN 978-3-7065-5572-2
    cover: studienverlag

    Wolfgang Amann, Klaus Lugger:
    Österreichisches Wohnhandbuch 2016,
    StudienVerlag, Innsbruck 2016
    ISBN 978-3-7065-5572-2

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