"HAL": Das Netz spottet über den "Cyber-Tatort"

29. August 2016, 13:11
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Neueste Folge der Krimi-Serie fällt durch den Faktencheck – Belustigung auf Twitter und Kritik von Zusehern

Der Mord an einer Schauspielschülerin, die auch als Prostituierte arbeitete, beschäftigte am Sonntag die Ermittler im neuesten "Tatort", dessen Folge den Titel "HAL" trägt. In Verdacht gerät ein Entwickler namens David Bogmann, von dessen IP aus ein Video ins Netz gelangt ist, das die Frau mit einem Freier zeigt.

Doch der Fall nimmt ungeahnte Wendungen. Bogmann gerät nicht nur ins Visier der Ermittler, sondern auch eines von ihm für das Unternehmen Bluesky geschriebenen, gleichnamigen Software. Das mit hochentwickelter Computerintelligenz ausgestattete Programm spielt ein eigenes Spiel.

tatort

Virtuelle Unternehmensmitarbeiter, eine Software die fließend normale Sprache versteht und spricht, umfassende Überwachung und Anleihen an "2001 – Odyssee im Weltraum" bietet die Folge. Kritiker können der Folge allerdings nur wenig abgewinnen und im Faktencheck fällt der tech-gespickte "Tatort" – nicht zum ersten Mal – durch.

Faktencheck

Der Spiegel hat sich die Geschehnisse genauer angesehen. Beispielsweise manipuliert die gefährliche künstliche Intelligenz unter anderem in Echtzeit eine Wärmebildaufnahme, was tödliche Folgen hat. Jedoch reicht eine solche Kamera nur aus, um die Präsenz einer Person festzustellen. Dazu auch noch Name, Geschlecht und Alter anzuführen, wie es in der Serie passiert, ist nicht möglich.

Sehr wohl geht es allerdings schon, die Mimik einer Person auf das Gesicht einer anderen Person zu transferieren, auch bei Livewiedergabe, wie Forscher aus Stanford vor einiger Zeit demonstriert haben. Ebenso können auch Objekte entfernt werden, ein Konzept an dem man in Ilmenau arbeitet. Beide Projekte befinden sich jedoch mitten in der Entwicklung.

Zukunftsmusik, aber keine Realität

Nicht möglich ist es, ein abgeschaltetes Smartphone abzuhören, wie es im "Tatort" behauptet wird und weswegen Bluesky-Mitarbeiter ihre Handys in Metallbehältern transportieren. Jedoch gibt es Malware, die in der Lage ist, dem Nutzer vorzugaukeln, sein Gerät wäre abgedreht, während per Mikrofon die Umgebung belauscht wird.

Übertrieben dargestellt wird die Intelligenz von Bluesky, das gezielt Türen versperrt, Programmcode manipuliert und Fake-Videos erzeugt. Selbstlernende Computersysteme gibt es zwar bereits, von einem derartigen Kapazitätsumfang ist man allerdings noch weit entfernt. Derzeit benötigt man noch viel Rechenpower und imitierte Gehirnstrukturen (neuronale Netzwerke), um Maschinen ihre Umgebung wahrnehmen und interpretieren zu lassen.

foto: ard/zdf

Zum Einsatz kommt diese Technologie dementsprechend etwa schon im Bereich der Erkennung von Bildern oder Gesichtern. Ihr publikumswirksamster Erfolg bis dato ist jedoch der Sieg im komplexen Brettspiel "Go". Dort konnte die von Google entwickelte Software "AlphaGo" zuerst den besten europäischen Spieler Fan Hui und schließlich auch den an der Weltspitze stehenden Lee Sedol in die Schranken weisen.

"Diese Welten passen nicht zusammen"

"Hightech und ‘Tatort‘ – zumindest in Stuttgart passen diese Welten noch immer nicht zusammen", schreibt die Süddeutsche Zeitung in ihrer Kritik zu "HAL". "Nirgends sonst erlebe ich so eine Angst vor Neuem und vor Technologie wie hier in unseren Gefilden", heißt es beim Techportal Mobile Geeks. "Ein solcher Tatort bekräftigt all die Zweifler nun noch weiter in ihren Bedenken." Auf Netzpolitik.org veröffentlichte man bereits vorsorglich Buzzword-Bingospiel.

Die Stuttgarter Zeitung und Horizont sammelten Twitter-Reaktionen auf die neue Folge. Dort findet sich auch ein Eintrag der ARD, die die Serie mitproduziert. Deren Social Media-Abteilung stellte sich den großteils sarkastischen und wenig begeisterten Meldungen immerhin mit gepflegter Selbstironie.

(gpi, 29.08.2016)

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