Tante Vanjas Heimkehr

Glosse30. August 2016, 06:00
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Alle Mühe ist vergebens. Tante Vanja beginnt zu welken. Man verpflanzt eben keine alten Oliven in einen fremden Garten

Zwei lange Jahre verbringt Tante Vanja in Neuseeland. Heute sehe ich sie auf dem kleinen Gemüsemarkt neben dem Gemeindeamt von Sutivan. In ihrem Gesicht ist ein Rufzeichen, das nur Migranten sehen können. Es sagt: "Ich bin wieder zu Hause!"

Mutter hat zwei Söhne

Tante Vanjas Söhne sind verschieden geraten. Dinko, der jünger ist und – wie man so sagt – "einfach gestrickt", findet das Migrantenglück ohne viele Umwege. Josip, älter und von einigen Musen geküsst, bleibt ein Treibholz im Pazifik.

Dinko hat viel Glück: Josip holt ihn einst aus der Nachkriegstristesse Kroatiens nach Neuseeland. Bald hat Dinko eine Freundin, ein Mädchen, dessen Eltern Kroaten sind und zwei Supermärkte mit dalmatinischen und mediterranen Köstlichkeiten betreiben. Ihre Eltern schenken dem jungen Ehepaar ein großes Haus samt Grundstück. So beginnt der Rest des Lebens für Dinko, der, wie ich heute weiß, ein langer, ruhiger Fluß ist. Und bleibt.

Es sei ein Brauch und ein gutes Omen, so meinen Dinkos Schwiegereltern, wenn das erste Kind auf der Heimatinsel gezeugt wird. Bloß, auf wessen? Die Entscheidung fällt salomonisch aus: Einen Monat lang wird auf Brač gefickt und einen Monat lang auf Korčula. Reise und Aufenthalt finanzieren die Schwiegereltern. Und weil das so gut gelingt, folgt zwei Jahre später noch eine (erfolgreiche) Babymaking-Mission.

Josip hingegen gerät in jeden Taifun, der seinen Weg kreuzt. Seine Ehefrau kündigt ihm eines verregneten Morgens die Ehe. Rinku, die indische Göttin, fällt einer indischen Scheidung zum Opfer. Dieser Sturm fegt Josip von Neuseeland nach Australien, wo ihm eine Philippinin die Vaterschaft mit einem wahrscheinlich gemieteten blonden Mädchen vorgaukelt, um samt Kind zu verschwinden, sobald sie die Arbeitsgenehmigung erhält und Josips Konto leer ist. Vor wenigen Monaten bekommt Josip einen Herzschrittmacher. Als die OP-Wunde halbwegs verheilt ist, wirft ihn seine italienisch-mexikanisch-australische Freundin aus dem Haus. Der Polizei sagt sie, ihr frisch operierter Freund sei ein Gewalttäter.

Die einsamen Oliven

Im Garten des Hauses, das Dinko und seine Frau bewohnen, wachsen nun zwei Olivenbäume. So ist es im ganzen Mediterran ein Brauch: Wenn ein Kind geboren wird, pflanzt man einen Olivenbaum. Auch im fernen Auckland.

Diese zwei Oliven sind für Tante Vanja zwei Jahre lang alles, was Sutivan ist: ihre Sippe, der Maestral, die Tamarisken am Strand, die Gajeta vom alten Ivo Sila und alle Trabakuli und Bracere, die in ihrer Kindheit in Sutivan anlegen, alle warmen Regen, die der Jugo mitbringt, und das Flüstern der Zypressen am alten Friedhof auf dem Hügel des heiligen Rochus. Tante Vanja – so scheint es – wird zur dritten Olive in diesem fernen Garten.

Morgens macht eine Maschine ihren Kaffee. Nicht Jovo, der Kellner in Kekos Konditorei beim Gemüsemarkt am Ende der Palmenallee. Die Adria sieht sie nur via Satellitenschüssel. Sohn Dinko richtet mehrere kroatische Kanäle ein. Damit Mutter Vanja nicht so nostalgisch ist, während sie im leeren Haus darauf wartet, dass ihre Enkel aus der Schule kommen, dass ihr Sohn und ihre Schwiegertochter nach Hause kommen, dass man gemeinsam zu Abend isst, schlafen geht und dass ein neuer, einsamer Tag für Vanja und die zwei Oliven beginnt.

Nur neunzig Meilen Strand

Sohn und Schwiegertochter geben sich große Mühe. Man fährt mit Vanja nach Rotorua, wo die Neuseeländer Rohre in den Boden rammen, bis Dampf daraus faucht. Anschließend bauen sie eine Heizung und dann ein Haus um das Rohr und die Heizung. Vanja sieht bunte, kochende Seen, steht am Fuß des Mount Ruapehu, der immer noch Feuer und Dampf speit, und sie badet im Pazifik am 90-mile beach bei Auckland.

Weil ihr Englisch nicht werden will, fährt Dinko seine Mutter oft zu einer befreundeten kroatischen Familie. Hier plaudert Vanja dann auf Kroatisch mit einer anderen Version ihrer selbst. Aber diese "andere Vanja" stammt aus dem Norden Kroatiens, kennt die Adria nicht und weiß auch nicht so genau, was eine Tamariske ist. Oder eine Gajeta. Sie vermisst die Maisfelder rund um den Papuk in Slawonien, den guten Kulen im Herbst, wenn die Schweine geschlachtet werden, und die Polenta, die dazu so gut schmeckt. Aber Kulen ist Tante Vanja zu scharf, sie mag Prosciutto. Und der 90-Meilen-Strand ist auch nur 55 Meilen lang.

Alle Mühe ist vergebens. Tante Vanja beginnt zu welken. Man verpflanzt eben keine alten Oliven in einen fremden Garten. Auch wenn man es nur gut meint. Nach zwei Jahren will Tante Vanja zurück nach Sutivan. Man gibt ihr trotzdem ein Rückflugticket nach Neuseeland, das ein Jahr lang gültig ist.

Das Glück ist ein Cappuccino

Der Autobus aus Supetar ist an der langen Geraden vor dem ersten Ortsschild von Sutivan angelangt, und Tante Vanja sieht die Zisterne, die hier schon steht, als ihre Urgroßmutter noch ein kleines Mädchen ist. Hier und nicht erst beim Ortsschild, so ist es ebenfalls seit Urzeiten, beginnt das Konfin* von Sutivan. Und hier rollen zum ersten Mal Tränen aus den alten Augen der Tante Vanja. Sie ist zu Hause.

Vielleicht weint sie auch ein wenig um die zwei Olivenbäume in Auckland. Vielleicht auch ein wenig um ihren Sohn und die Enkel, die sie erst in zwei Jahren wiedersehen wird, wenn sie hier ihren Urlaub verbringen. Ganz bestimmt sind auch einige Tränen für Josip darunter, der sich in einem schäbigen Motel in Australien auf eine einsame Nacht vorbereitet, gerade als Vanja an der Zisterne vorbeifährt.

Schon auf dem kurzen Weg von der Autobushaltestelle bis zu ihrem Haus lachen sie vertraute Gesichter an, und ihres lacht zurück. Tante Vanja stellt ihre Koffer in die Küche, alle Müdigkeit, die ihr die lange Reise in die Knochen treibt, verdampft plötzlich, und sie eilt zu Kekos Konditorei, um einen Cappuccino zu trinken. Kellner Jovo sieht Tante Vanja an, als ob nicht zwei Jahre, sondern zwei Stunden seit ihrem letzten Kaffee vergangen sind. Er fragt nur: "Šjora* Vanja ... Cappuccino, verlängert, zwei Stück Zucker?"

Und Tante Vanja nickt.

Wenn der Maestral kommt

Ich lasse eine Woche verstreichen, bevor ich Tante Vanja besuche. Ihr Gesicht strahlt noch immer die Aura der Heimgekehrten aus. Zwei Jahre Staub sind von allen Möbeln gewischt, vor mir sind ein bićerin* Nussschnaps und ein Glas Wasser. Tante Vanja erzählt von den einsamen Tagen in Auckland, die ihr wie ein Leben im Wartesaal vorkommen. Warten auf kleine und größere Freuden, die nicht kommen wollen, weil sie woanders zurückgeblieben sind.

Aber nun ist Tante Vanja wieder dort, wo es morgens nach Pinienharz riecht, immer stärker, je näher die Mittagshitze kommt. Bis der Maestral alle Steine abkühlt, die Katzen aus ihren schattigen Verstecken huschen und Tante Vanja unter dem roten Leuchtturm auf der großen Mole steht, wo man ganz Sutivan mit einem Blick erfassen kann. Sie macht ihr Haar auf und lässt es im Wind fliegen.

So wie damals, als sie noch ein junges Mädchen ist und der Maestral aufregend nach fernen Reisen riecht. (Bogumil Balkansky, 30.8.2016)

* Ausgeliehen aus dem Italienischen

Konfin von "confine", bedeutet: Gemeindegebiet

Šjora von "signora", bedeutet: Frau, gnädige Frau

Bićerin von "bicchierino", bedeutet: Schnapsglas, Stamperl

  • Der Hafen von Auckland. Doch ein wenig anders als der von Sutivan.
    foto: ap

    Der Hafen von Auckland. Doch ein wenig anders als der von Sutivan.

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