Aus dem rechten Holz geschnitzt

Glosse29. August 2016, 14:03
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Wald, Holz, Holland: eine etymologische Wanderung durchs lexikalische Unterholz

"Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel." So beginnt eines der bekanntesten Grimm‘schen Märchen. Und da die Familie wenig zu beißen hatte und am Hungertuch nagte, überredete die Frau den guten Mann, seine Kinder, die ihre Stiefkinder waren, im Wald auszusetzen, wo sie sicherlich von wilden Tieren aufgefressen würden. So hoffte sie.

Der Wald ist in den Märchen meist ein unwirtlicher, gespenstischer Ort, wo man sich im Gestrüpp und Dickicht verirren kann, wo wilde Tiere hausen, Hexen und böse Geister ihr Unwesen treiben und wo man mit allerlei unliebsamen Überraschungen zu rechnen hat.

Wir klopfen auf Holz und kämpfen uns nun durchs lexikalische Unterholz und halten Ausschau nach einer Lichtung.

Das Wort Wald ist gemeingermanisch und nur im Gotischen nicht belegt: althochdeutsch/altfriesisch wald, mittelhochdeutsch walt, altenglisch weald "Wald, Gehölz, Busch". Die Herkunft des Wortes ist dunkel, aber es wird angenommen, dass Wald im Ablautverhältnis zu wild steht (gotisch wilþeis "wild", altenglisch wilde "wild, wüst", althochdeutsch wildi, mittelhochdeutsch wilde/wilt "unbewohnt, wüst, fremdartig, unheimlich"). Der Wald wäre demzufolge eine Wildnis, eine Wüstenei.

Diese Annahme wird gestützt durch folgende parallele Bedeutungsentwicklung: Aus vulgärlateinisch salvaticus (fernassimiliert aus silvaticus "den Wald betreffend" zu lateinisch silva "Holz, Baum, Wald") wird altfranzösisch sauvage/salvage "wild, ungezähmt, ungebärdig, befremdlich" (siehe französisch sauvage, italienisch selvaggio, spanisch salvaje, alle: "wild, urwüchsig"). Das altfranzösische Wort wandert um 1300 ins Mittelenglische, und im heutigen Englisch bedeutet savage "unzivilisiert, verwildert, wild".

Fast die Hälfte der Fläche von Österreich ist mit Wald bedeckt. Holz ist nicht nur einer der wichtigsten Werkstoffe, mit dem Menschen seit jeher ihre Behausungen gebaut und ausgestattet haben. Schon mittelhochdeutsch holz bezeichnete sowohl den Wald, das Gehölz, den Hain, als auch das geschlägerte Stück Holz, Holz als Baustoff.

Schön, wenn wir zu jemandem sagen können: "Wir sind aus dem gleichen Holz geschnitzt." Und so manche Frauen, von denen behauptet wird, sie hätten viel Holz vor der Hütte, erfreuen sich eines üppigen Dekolletés, und die, die ihnen schmeicheln und Komplimente machen, sind nicht immer nur Süßholzraspler1.

Das Wort Holz ist seit dem frühen Althochdeutschen belegt und leitet sich von der Schwundstufe (*kuld- aus *kḽd-) der indogermanischen Wurzel *keld- "schlagen, brechen, spalten" ab. Der Vokalwechsel zwischen mittelhochdeutsch holz und hülzen "Holz fällen und aus dem Walde führen" beziehungsweise hülzīn "hölzern" lässt sich auf den germanischen a-Umlaut und den späteren i-Umlaut2 zurückführen.

Dass Holland der Wortherkunft nach bewaldetes Land (mittelniederländisch holtland "Holzland") ist, spricht dafür, dass der Wald für die Besiedlungsgeschichte von fundamentaler Bedeutung war. Zahlreiche Familien- und Ortsnamen (zum Beispiel Holzmann, Holzmeister, Holzinger, Holzhausen, Holzkirchen, Holzschlag, Holzheim, Vornholz etc.) zeugen davon. Bei wem ruft Hinterholz 8 nicht Bilder hervor von einstürzendem Gemäuer und schlecht gezimmertem3 Gebälk und anderen Katastrophen, die einem zustoßen, wenn man ein sanierungsbedürftiges, altes Haus auf Vordermann bringen will.

Die niederdeutsche Form holt begegnet uns im Familiennamen Holt. Wer erinnert sich nicht gerne an die Fernsehserie der 80er-Jahre, "Der Leihopa", in der Hans Holt (1909-2001) an der Seite von Alfred Böhm einen kauzigen Alten spielte. Und allen, die sich für Etymologie interessieren, ist "der Holthausen" natürlich ein Begriff. Ferdinand Holthausen (1860 – 1956) ist der Herausgeber eines unverzichtbaren Nachschlagewerkes, des altenglischen etymologischen Wörterbuches.

In der Bedeutung von "Wäldchen" wurde altenglisch holt durch neuenglisch wood und in jener von "Bauholz" durch neuenglisch timber abgelöst, das wiederum unserem Zimmer entspricht, denn ein Zimmer ist dem Wortsinn nach holzgetäfelt.

Wir sind sicher nicht auf dem Holzweg, wenn wir im Althochdeutschen nach einer etymologischen Entsprechung für neuenglisch wood suchen (aus altenglisch wudu beziehungsweise älter: widu, ebenfalls in der Doppelbedeutung "Wäldchen" beziehungsweise "Holz als Material"). Wir werden fündig: Althochdeutsch witu "Brennholz" könnte heute noch im Vogelnamen Wiedehopf (aus mittelhochdeutsch witehopfe/widhopfe) fortleben, ein Vogel, der von Baum zu Baum hüpft und in Baumhöhlen nistet, denn der Vogelname ist sogar althochdeutsch bereits belegt als wituhopfa. Möglicherweise aber handelt es sich um eine volksetymologische Umdeutung, denn sowohl die lateinische als auch die griechische Gattungsbezeichnung ist lautmalend.

Übrigens trug der Monat September im Althochdeutschen den schönen Namen witu-mānōÞ "Holzmonat" und wies darauf hin, dass man sich dem Sammeln von Holz widmen solle, um für den Winter gerüstet zu sein. Die Bedeutung des Sammelns steckt auch in lateinisch līgnum (italienisch legno "Holz"), das mit legō 3 (ich sammle, wähle, lese) verwandt ist. Daher ist es kaum verwunderlich, dass unter lignum.at ein Institut für Holzbau und Holztechnologie zu finden ist.

Wenn wir jetzt den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen, kommen wir hoffentlich wieder zu einer Lichtung, einer Schneise4. Forstarbeiter "fahren ins Holz", um Bäume zu fällen und auf dem Boden liegende Stämme zu entasten, wanderfreudige Städter gehen am Wochenende in den Wienerwald, um sich zu entspannen, damit sie sich am Montag wieder so fit fühlen, dass sie Bäume ausreißen könnten.

Der lexikalische Streifzug durchs heimische Gehölz führt uns zu guter Letzt noch nach England, wo das Etymon von Wald (altenglisch weald "Gehölz, Busch") heute noch in der Bezeichnung von Landstrichen sichtbar ist. So zeugen die Yorkshire Wolds im Nordwesten und The Weald im Südosten Englands von einst dicht bewaldetem Gebiet.

Und wenn Sie heute noch kegeln gehen: Gut Holz! (Sonja Winkler, 29.8.2016)

Sonja Winkler beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit der Etymologie von Wörtern. Sie studierte Germanistik und Anglistik im Lehramt in Wien, übte mehr als 20 Jahre eine Lektorentätigkeit am Germanistischen und Anglistischen Institut der Uni Wien aus und war 18 Jahre im Schuldienst. Seit vier Jahren ist sie in Pension.

1 Die Verwendung von Süßholz als Heilpflanze ist vielfältig. Aus dem Saft ihrer Wurzel, der süßlich schmeckt, wird Lakritze gewonnen. Im 16. Jahrhundert nimmt "Süßholz raspeln" die Bedeutung von "einer Frau Schmeicheleien sagen, ihr schön tun" an.

2 a-Umlaut: u wird zu o; i-Umlaut: u wird zu ü; ebenso: Gold – gülden ...

3 Siehe Wortspur 4: Nur herein in die gute warme Stube!

4 Schneise leitet sich von derselben Wurzel wie "schneiden" ab und bezeichnet dem Wortsinn nach einen Streifen Waldboden, auf dem die Bäume gefällt (geschnitten) worden sind.

  • Tief im Märchenwald: Hänsel und Gretel.

    Tief im Märchenwald: Hänsel und Gretel.

  • Ein Häuslbauer-Märchen: "Hinterholz 8"
    foto: hoazl

    Ein Häuslbauer-Märchen: "Hinterholz 8"

  • Der Wald, eine Wildnis.
    foto: apa/helmut fohringer

    Der Wald, eine Wildnis.

  • Mittelhochdeutsch hülzen: "Holz fällen und aus dem Walde führen"
    foto: ap/hans punz

    Mittelhochdeutsch hülzen: "Holz fällen und aus dem Walde führen"

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