Salzburg: Opernhafte Huldigung von Fanatismus und Vernunft

28. August 2016, 17:02
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Jubel für die konzertante Aufführung von Otto Nicolais "Il Templario" bei den Salzburger Festspielen

Salzburg – Walzerseligkeit und Zapfenstreich. Volkstheater und Sakralmusik. Es ist alles drin, was gut und "wienerisch" ist, und zugleich begeistert Il Templario als ausgewachsene Belcanto-Oper von betörender Italianità. Die Oper von Otto Nicolai, dem Gründer der Wiener Philharmoniker, basiert auf dem Walter-Scott-Roman Ivanhoe, das Libretto stammt von Girolamo Maria Marini. Ausgegraben wurde die Oper um den Tempelritter Briano – uraufgeführt in Turin, bejubelt 1841 in Wien – 2008 in Chemnitz.

Die Wiener Philharmoniker liefen bei der konzertanten Aufführung im Großen Festspielhaus, ihrem letzten Auftritt bei den diesjährigen Salzburger Festspielen, einmal mehr zur Höchstform auf. Unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada entrollten sie für das handverlesene Solistenensemble einen fein gewobenen Klangteppich von überwältigendem Farbenreichtum und stupender Plastizität und Transparenz.

Endlich ist einmal nicht der Tenor die Hauptfigur, sondern der Bariton! Der Tempelritter Briano vereint in seiner Brust alle Emotion von der heißen Liebe bis zum glühenden Hass. Er huldigt der Gewalt, hat die Gabe der Vernunft und erkennt sogar den religiösen Fanatismus seiner Kaste: "In den Blicken dieser fanatischen Schar erkenne ich schon das verhängnisvolle Urteil…"

Ritter von Welt

Der grandiose Gestalter der Rolle des Tempelritters Briano war bei der – im Wortsinn – Jahrhundertaufführung in Salzburg der Bariton Luca Salsi: Er hat allen Facetten dieser schillernden Figur mit gestalterischer Souveränität Farbe und Leben eingehaucht. Ein Leben, das die Hauptfigur freilich auszuhauchen hat – im ritterlichen Gotteskampf mit dem Tenor.

Diesem obliegt in Il Templario einzig die Ablieferung zahlreicher Spitzentöne. Außer einem spätpubertären Vater-Sohn-Konflikt hat Vilfredo d’Ivanhoe wenig auszustehen. Er besiegt als strahlender Held ohnehin alle, die sich ihm in den Weg stellen, und er freit das Fräulein seiner Gunst. Die Jüdin, die ihm im Heiligen Land das Leben gerettet hat und ihn dann aus Liebe bis Britannien folgt, schickt er fürsorglich ihrer Wege. Keine restlos sympathische Figur, aber als Heroengestalt wie geschaffen für Juan Diego Flórez, der die Spitzentöne mit virtuoser Technik genau so präzise anzusteuern weiß, wie der Ritter von Welt die Brust des Gegners mit der Lanze.

Kristiane Kaiser sang untadelig die undankbar kleine Rolle des etwas farblosen Fräuleins Rovena. Ein Erlebnis war dagegen die Begegnung mit Clémentine Margaine als Jüdin Rebecca, die von den Templern als Hexe diffamiert wird (es sollte sich wohl nicht herumsprechen, dass sich einer der ihren in eine Jüdin verliebt hat).

Weiters überzeugten Adrian Sâmpetrean als Ivanhoes Vater, Armando Piña als Chef der Tempelritter und Franz Supper als Rebeccas Vater. Der Salzburger Bachchor untermalte die martialischen Einwürfe der Templer ebenso homogen wie klangschön. (Heidemarie Klabacher, 28.8.2016)

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