Türkisch-kurdische Konfrontation: Ein neuer Krieg im Krieg

Kommentar28. August 2016, 16:53
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Die türkisch-kurdische Konfrontation verdrängt den Kampf gegen den IS

In der New York Times führt Max Fisher in seiner Kolumne die jüngste türkische militärische Intervention in Syrien als Beispiel dafür an, welche Mechanismen diesen Krieg am Leben erhalten: Die disparaten Akteure von außen, mit ihren völlig unterschiedlichen Interessen, verhindern, dass es zu einer Entscheidung im Inneren kommt. In diesem Fall: Die USA haben die syrische Kurdenpartei PYD und ihre Milizen, die YPG, stark gemacht, indem sie sie gegen den "Islamischen Staat" aufgebaut haben. Nun sind sie jedoch so stark, dass sich die Türkei bemüßigt fühlt, die PYD, immerhin Schwesterpartei der PKK, militärisch zu stoppen.

Dass die USA nicht nur Partner der Kurden sind – man erinnere sich an die Fotos von US-Soldaten mit kurdischen Abzeichen -, sondern auch türkische Verbündete, ist eine der Paradoxien des Syrien-Krieges. In diesem Sumpf verliert man die Orientierung.

Klar ist kurz nach Beginn der Türkei-Intervention nur Folgendes: Es gibt einen neuen Krieg im Krieg in Syrien – und bisher ist das nicht der türkische Krieg gegen den "Islamischen Staat". Die Kampflinien verliefen am Wochenende zwischen Türken und Rebellengruppen auf der einen Seite und den SDF, den Syrischen Demokratischen Kräften, bei denen die kurdischen YPG tonangebend sind, auf der anderen. Der Kampf gegen den IS ist einmal mehr nicht das Allerwichtigste – und jener gegen das Assad-Regime, Schuldiger am Aufstand, der zum Krieg geworden ist, schon gar nicht.

Weil es Syrien ist, gibt es eben nicht nur einen lachenden Dritten, sondern auch einen Vierten und etliche andere Parteien mit ihren jeweils eigenen Agenden. Da fordert etwa der Chef des Syrischen Turkmenischen Rats, Amir Bozoghlian, die Türkei auf, ihren Syrien-Feldzug noch zu intensivieren und Richtung Aleppo zu marschieren. Die Turkmenen haben keine Bedenken gegen eine türkische Präsenz, aber damit stehen sie ziemlich allein da. Man braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um zu prognostizieren, dass auch die diversen Rebellengruppen der Freien Syrischen Armee (FSA) die türkische Protektion, die ihnen derzeit zum Vormarsch verhilft, einmal abschütteln wollen werden.

Der Schuss vor den Bug, den die syrischen Kurden militärisch von Ankara, politisch jedoch von Washington bekommen, ist nichts weniger als brutal: US-Außenminister John Kerry benutzte Freitagnacht in Genf zweimal das Wort "beschränkt" für die US-kurdische Zusammenarbeit, also den "Empfindlichkeiten unserer Freunde in der Türkei" klar untergeordnet. So egal das vielen in Europa zu sein scheint – oder zumindest in Österreich -, so panisch reagieren die USA auf die Vorstellung, dass die Türkei in Richtung ihres wiedergewonnenen Freundes Russland abdriften könnte.

Aber auch die US-russische Arbeit daran, zu einer Formel für eine belastbare Waffenruhe zu kommen – im Krieg zwischen Regime und Rebellen, nicht für die diversen anderen -, geht weiter. Die Quadratur des Kreises ist ein Kinderspiel gegen den Versuch, "gute" und "böse" Rebellen zu trennen: Washington und Moskau sind sich einig, dass die Nusra-Front, auch wenn sie sich nominell von Al-Kaida getrennt und einen neuen Namen gegeben hat, noch immer eine Terrororganisation ist. Aber was sind die Rebellen, die mit ihr kooperieren – und wie verhindert man, dass Assad und die Russen mit dieser Rechtfertigung weiter Zivilisten bombardieren? (Gudrun Harrer, 28.8.2016)

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