Jazzfest Saalfelden: Improvisationstänze in der Crashtestzone

28. August 2016, 15:50
posten

Free Jazz, Jazzrock, europäischer Kammerjazz und südkoreanische Klagegesänge: In Saalfelden zeigte sich, dass verschiedenste Stile friedvoll aufeinanderprallen können

Saalfelden – Besorgte Rechtspopulisten und solche, die es werden wollen, wären womöglich alarmiert: Burkas wurden beim Jazzfestival in Saalfelden zwar nicht gesichtet. Aber hier, wo nicht nur der Herbst, vielmehr auch der Winter bisweilen Ende August
mit zarten Schneeflocken seine Machtübernahme ankündigt, führen aktuell höchst sommerliche Temperaturen zum verstärkten Aufkommen von Fächern. Deren Einsatz verschafft ja in Teilen der Welt, kaum jedoch im Alpenland, beiden Geschlechtern Kühlung.

Nun also bald eine Diskussion zum Fächerverbot für Männer? Hoffentlich zumindest nicht für deren kunstvollen Bühneneinsatz, keinesfalls also für Sänger Bae Il-Dong, der seine inbrünstigen Erzählungen mit dem Luftzugvehikel gestisch schmückte. Als Teil eines hitzigen Trios – mit Schlagzeuger Simon Baker und Trompeter Scott Tinkler – ist Bae Il-Dong der theatralisch seine Emotionen ausbreitende Rhapsode, der sich angesichts der Last seiner Wehklage auch auf den Boden wirft, um im Lotossitz Schmerzensarien zu absolvieren.

Derweil sorgen die Kollegen mit rasanter Improvisation für einen dramatischen Rahmen, dennoch ist der Fächer kein Instrument der Kühlung. Er fungiert als Verlängerung der Ausdruckshand, ist ein Zusatzrufzeichen, welches selbst das Ende einer Geschichte imposant symbolisiert. Nahen die finalen Klagetöne, gibt der Fächer seine stabförmige Verschlossenheit auf und weitet sich in Bae Il-Dongs Hand zu pfauprächtiger Grandezza. Das war von der Intensität her eine der stärkeren Performances der ersten beiden (guten) Tage.

Das Trio Krokofant etwa schien fast aus einem Jazzrockmuseum der 1970er-Jahre rübergebeamt worden zu sein; auf seiner Zeit reise muss es jedoch zusätzliche Energie getankt haben. Regelrecht putzig im Vergleich das Tomeka Reid Quartet. Die Cellistin wirkte wie eine verspielte Erinnerung an Django Reinhardts Geigenfreund, den eleganten Stéphane Grappelli. Obwohl die Combo auch schräge Momente bemühte, gemahnte sie doch vielfach an ferne Mainstream-Zeiten, die sie eher konventionell konservierte.

Bei der Saalfeldner Konzertfülle war das kein Problem. Hier geht es ohnedies um Vielfalt, hier wird transportiert, dass die improvisatorische Welt aus unterschied lichen Stilzeiten besteht, die friedvoll nebeneinander existieren können. Am dringlichsten tönt es allerdings, so diese Stile konzeptuell zueinanderfinden und für unerwartete Erhellungen und Bezüge sorgen.

Humorige Wechsel

Das Trio Edi Nulz setzt auf Verdichtung durch Überlagerung rhythmischer Komplexitäten. Zur Philosophie gehört jedoch auch der pointierte Stilwechsel. Zwischen harten Grooves und unschuldigen Melodien, an deren Crashtest lustvoll gearbeitet wird, passt kein Sekündchen.

Spannung entsteht natürlich auch, wenn es ein Musiker nicht rechtzeitig nach Saalfelden schafft, da auf irgendeinem Flughafen gestreikt wird. Dann gibt es mitunter originelle Lösungen. Beim Quintett von Saxofonist Émile Parisien warteten Könner wie Pianist Joachim Kühn und Klarinettist Michel Portal vergeblich auf Drummer Mário Costa.

Da allerdings Wolfgang Reisinger zufällig aus Wien zum Hörbesuch angereist war, konnte mit seiner spontanen Hilfe fulminant gestartet werden. Eine malerische und eine rasante Komposition später erschien Costa schließlich; Reisinger, der seine diskrete Meisterschaft aufgezeigt hatte, wechselte unter allseitigem Applaus wieder auf die Hörerseite. Es folgte edler Kammermusikjazz.

Großer Anfang

Das Festival hatte schon mit Bemerkenswertem auf der großen Bühne begonnen: Bassist Lukas Kranzelbinder zeigte mit seinem Septett – unter anderem Trom peter Mario Rom und Saxofonist Clemens Salesny –, wie sich Komponiertes und Improvisiertes zu eleganter Einheit fusionieren lassen. Stimmungen wurden smart einer langsamen Metamorphose unterzogen, Solisten elegant in ein atmosphärisch dichtes Klangbild eingehüllt.

Das konnte an eine Marching Band gemahnen und an freitonale Feste, wobei zwischendurch auch orientalische Skalenexkurse und bluesige Andeutungen farblich aufblitzten. Zwei Bässe, zwei Drummer, edles Bläsertrio. Es sorg te für eine ziemlich magische Er öffnungsstunde. Natürlich konnte nicht das gesamte von Kran zelbinder für die Uraufführung ersonnene Material zele briert werden. In der kommenden Saison ist diese Band, Shake Stew, aber Stagecombo im Wiener Porgy & Bess. Es wird sie also regelmäßig – mit weiterem neuen Material – zu hören geben. (Ljubiša Tošić, 28.8.2016)

  • Ein Virtuose der heiseren Wehklage im jazzigen Kontext: der impulsive süd koreanische Sänger Bae Il-Dong mit Fächer und Drummer Simon Baker beim Jazzfestival in Saalfelden.
    foto: manfred koppensteiner

    Ein Virtuose der heiseren Wehklage im jazzigen Kontext: der impulsive süd koreanische Sänger Bae Il-Dong mit Fächer und Drummer Simon Baker beim Jazzfestival in Saalfelden.

Share if you care.