Friedrich Dürrenmatt: Das Purgatorium zu Bern

26. August 2016, 17:24
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Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt bemalte als Student seine Dachmansarde – ein Blick in den Abgrund

Welches Erwachen! Wenn man morgens die Augen aufschlägt, blickt einem der Gekreuzigte mit Dornenkrone und blutüberströmtem Gesicht entgegen. Die Schräge der Wand, beinahe zur Gänze ausgemalt, lässt die in kräftigem Rot und Gelb gehaltene Grausamkeit noch näher rücken. Würde man sich im Bett aufrichten und den Arm ausstrecken, könnte man einen höhnisch grinsenden Soldaten an der Wange berühren.

Dreht man sich zur Seite, um dem Anblick zu entgehen, taucht mitten im Raum hinter einem wuchtigen Stützbalken eine karminrote, nackte Männerfigur auf – Prometheus möglicherweise, eine Gestalt, die unmittelbar ins Nichts zu stürzen droht. Das kleine, einfache Kreuz über der Holztüre, genau der Schlafstatt gegenüber, spottet Hohn: Es ist während einer durchzechten Nacht entstanden, als der damalige Bewohner dieser Mansarde mit Freunden einen Jux sich machen wollte und zu später Stunde einmal mehr Gott und die Welt infrage stellte.

foto: michael pekler
Nicht nur dieser rote Kapuzenmann kann einem den Aufenthalt in der Dürrenmatt-Mansarde zur Hölle machen.

Gegen die Idylle abgeschirmt

"Ich malte die Wände nach und nach aus, um mich gegen die Umwelt abzuschirmen, wie sich die Höhlenbewohner mit ihren Bildern gegen die Umwelt abgeschirmt hatten", schreibt Friedrich Dürrenmatt in einem Manuskript 1981 über seine Studienjahre in Bern, "doch war diese nicht friedlich wie die meine. (...) Ich setzte mich mit meiner Wandmalerei vielmehr gegen die Idylle zur Wehr, die mich umgab." Eine Idylle, die sich für den 21-jährigen Studenten der Philosophie, als er 1942 die Dachmansarde im Haus seiner Eltern bezog – die Familie war 1935 von Konolfingen, dem "Tor zum Emmental", nach Bern gezogen -, angefühlt haben muss wie ein Feindbild, dem er durch seine Malereien die bösen Geister auszutreiben versuchte.

Dürrenmatt musste in diesen Jahren, in denen er sich noch nicht zwischen der Schriftstellerei und der Malerei entschieden hatte – und diese Entscheidung auch nie wirklich treffen sollte – nicht lange überlegen, woher er die Ideen für die Ausgestaltung seiner Wohnhöhle nehmen sollte. Während die Mutter im Erdgeschoß kochte und ihm die Mahlzeiten über die steile Treppe nach oben brachte, malte er wie ein Besessener alles, was ihm in den Sinn kam – und solange noch Platz vorhanden war. Selbst der mitten im Raum aufragende Kaminzug – Dürrenmatt musste im kalten Berner Winter selbst einen kleinen Ofen befeuern – wurde nicht ausgelassen, im Gegenteil: Eine furchterregende rote Kapuzengestalt, die sich auch in Dürrenmatts frühen Schriften findet, blickt einen wie der Rote Tod herausfordernd an, so als müsse man froh sein, den Raum wieder lebendig verlassen zu dürfen.

foto: michael pekler

Bizarre Gestalten

Auf der einzigen geraden Wand neben der Türe versammeln sich unzählige bizarre Gestalten in einer Barke, an deren Ende Friedrich Nietzsche im Nachthemd die Hand zum Hitlergruß emporstreckt. Die großen Abenteuer der Menschheit nennt sich dieses wilde Durcheinander. Gegenüber scheint eine riesige Tondo-Komposition mit einem Verkrüppelten von der Schräge zu fallen, und hinter dem modernen Schreibtisch, an dem man heute als Besucher Platz nimmt, überwacht das giftgrüne Antlitz der Medusa die Arbeit. Auf der anderen Seite des Kamins prangt eine das Haupt des Johannes darbietende Salome als Willkommensgruß.

Dürrenmatt bewohnte die Mansarde bis zu seinem Umzug nach Basel 1946, die Bilder wurden übermalt, gerieten in Vergessenheit und wurden erst 1993, drei Jahre nach Dürrenmatts Tod, nach Hinweisen der Schwester wieder freigelegt und restauriert. Die Übermalung hat die Farben gut erhalten lassen, sie wirken so frisch, als wären sie eben erst aufgetragen.

foto: michael pekler

Heilvolle Wiederauferstehung

Heute wird der Raum im mehrstöckigen Haus in der Laubeggstraße 49, ein wenig außerhalb des Stadtzentrums auf einer Anhöhe namens Obstberg gelegen, vom Verein Dürrenmatt-Mansarde an Kulturwissenschafter und an Gäste diverser Kulturinstitutionen wie etwa dem nahegelegenen Zentrum Paul Klee vermietet.

Nach ein paar Tagen die Höhle wieder zu verlassen, noch einen letzten Blick auf den leidenden Christus zu werfen und sich der Berner Idylle hinzugeben, gleicht einer heilvollen Wiederauferstehung. Da wirkt dann ausnahmsweise sogar die Schweizer Aufgeräumtheit in den kleinen Gassen der Stadt wie eine Genesung. (Michael Pekler aus Bern, 26.8.2016)

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