Sven-Eric Bechtolf: "Ich habe die tröstliche Gewissheit, nie anzukommen"

Interview27. August 2016, 10:00
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Salzburgs scheidender Intendant verkörperte heuer den "Doktor" in Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige". Ein Interview als Spiel der Fragen nach Zitaten des Dichters

STANDARD: Von Bühnenwahnsinn ist in dem Stück "Der Ignorant und der Wahnsinnige" die Rede, von Genie und Verzweiflung, von Anspruch und Verletzung, von Frustration und Ärger über den Kulturjournalismus. Ich hatte oft das Gefühl, Bernhard würde Ihnen aus der Seele sprechen.

Bechtolf: Es ist eine sehr schöne, ambivalente, widersprüchliche und anspruchsvolle Figur, aber was die Identifikation mit ihr angeht, eine Rolle wie viele andere auch. Wahr ist aber, dass es, außer der Medizin, eine ziemlich große Schnittmenge von Themen zwischen ihr und mir gibt.

foto: apa/barbara gindl
Parallelen zwischen Spiel und Sein: Intendant Sven-Eric Bechtolf als "Doktor" in Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige".

STANDARD: "Zwei Stunden Schlaf in der vergangenen Nacht und den ganzen Tag überdurchschnittlich viel beschäftigt." Fördert Vielarbeit Ihre Kreativität?

Bechtolf: Ich habe eigentlich immer viel gearbeitet. Offensichtlich gehöre ich zu den Bedauernswerten, die ihre Selbstachtung aus Leistungen beziehen. Das ist ziemlich trostlos, aber nicht zu ändern. Ich habe den Theaterberuf ohnehin in Verdacht, dass er für Leute mit defizitärem Selbstbewusstsein ideal ist. Stellen Sie sich Kinder vor, die zu wenig angeschaut werden. Die entwickeln einen ähnlichen Aktionismus. Jetzt bin ich schon so alt und habe es immer so gemacht, ob es auch anders geht, weiß ich gar nicht. Aber unabhängig davon brauche ich mindestens sechs Stunden Schlaf pro Nacht – und die hole ich mir auch.

STANDARD: "Das Genie ist eine Krankheit, der ausübende Künstler, eine solche Entwicklung ist ein Krankheitsprozess, den die Öffentlichkeit mit der höchsten Aufmerksamkeit verfolgt."

Bechtolf: Ich persönlich bin noch keinem Genie begegnet, aber ich könnte mir vorstellen, dass eine geniale Begabung eine Last ist. Bedrängt zu sein von Einsichten, Ideen, Vorstellungen, die andere Menschen eben nicht teilen können und dazu den Drang und die Möglichkeit, diese Fähigkeiten umzusetzen, die ja zum Genie dazugehören. Eine solche psychische Disposition ist bestimmt kein sanftes Ruhekissen.

STANDARD: "Wäre sie dageblieben, ihre Kollegenschaft hätte sie zertrampelt, sie wäre in Intrigen erstickt." Sind Sie in Intrigen erstickt?

Bechtolf: Nein. Ich bin nicht in Intrigen erstickt. Die Kollegenschaft hat mich nicht zertrampelt. Hätte ich ein Motto, hieße es: Hold on tightly, let go lightly. Und so gehe ich auch. Auf den Schauspielberuf bezogen, glaube ich, dass alle Theatermenschen schon am "Apparat" gelitten haben. Die Schere zwischen Ideal und Realität, der natürliche Widerspruch zwischen den eigenen Ansprüchen und Befindlichkeiten und jenen der anderen ist anstrengend. Es ist ja nicht so, dass ihnen nach absolvierter Schauspielschule vom Theaterportier unter Umgehung der Probebühne die Pforten des Olymps geöffnet würden und die Kollegen klatschend Spalier bei ihrem Einzug stünden.

STANDARD: "Die Öffentlichkeit hält immer den Zeitpunkt für gekommen, wenn er längst vorbei ist."

Bechtolf: In Bezug auf unseren Beruf stimmt der Satz gelegentlich. Manche Karriere dauert tatsächlich an, obwohl sie vorbei ist. Ich glaube, dass das eine der größten Herausforderung für einen Künstler, eine Künstlerin ist, zu wissen, wann man zu gehen hat.

STANDARD: "Immer der gleiche Dreck. Einen Menschen wie mich ekelt noch immer vor dem tagtäglichen Empfindungsreichtum des Feuilletonismus."

Bechtolf: Ich habe das Lesen von Kritiken – guten oder schlechten – seit geraumer Zeit eingestellt, seitdem habe ich viel bessere Laune. Würde ich Kritiken noch immer lesen, würde ich dem Doktor wohl beipflichten.

STANDARD: Stimmt für Sie also: "Was wir lesen in den Zeitungen, ist von einer erschreckenden Einfalt, wie, was einer nicht studiert hat und also nicht kapiert hat, beschreibt diese Unverschämtheit"?

Bechtolf: Ich sage diesen Satz ohne Vergeltungsdrang. Trotz der erschreckenden Menge von Unflat, der über mich ergossen wird, ist mir die ungetrübte Freude kindlicher Rachsucht nicht gegeben.

STANDARD: "In den heutigen Opernhäusern ist andauernd Katastrophenstimmung. In den Theatern insgesamt funktioniert nichts." Oder: "Das Theater, insbesondere die Oper ist die Hölle."

Bechtolf: Naja. Wenn man die Sache ernst nimmt, wenn man sein Bestes geben will, wenn man an all den vergeblichen Aufwand, den Kummer und die Kränkung denkt, schon. Andererseits gibt es Glücksmomente, die vielleicht kein anderer Beruf bietet. "Die Hölle" ist vermutlich eindeutiger.

STANDARD: Gilt auch für Sie, "auf dem Höhepunkt zurückzutreten, Schluss zu machen auf dem Höhepunkt der Vitalität, der Kunst, des Ekels vor der Kunst"?

Bechtolf: Dieser Satz geht an eine der weltbesten Koloratursängerinnen, die immer wieder den Hochseilakt letzter Perfektion vollbringen muss. Bei mir handelt es sich um bescheidenere Bemühungen. Trotzdem, ein gewisser Berufsekel gehört zum Beruf. Der Verlust der Unschuld tritt irgendwann ein. Die Ermüdung über den Aufwand, den Fleiß, die Manie, etwas zu "schaffen", und die dürftigen Resultate. Das Bewusstsein der eigenen Begrenztheit, der Ekel vor der eigenen Erfolgsabhängigkeit, dem Buhlen um Aufmerksamkeit. Schließlich die Enttäuschung, wenn um einen herum die Frivolität die Seriosität verdrängt. Wenn sich nicht im Verlauf des Berufslebens eine Wandlung einstellt, eine "Vergeistigung", wenn Sie so wollen, ja, dann stimmt der Satz.

STANDARD: "Die Künstler existieren, glaube ich, in ständiger Angst vor dem augenblicklichen Verlust ihrer Künstlerschaft."

Bechtolf: Ja, natürlich erlebt man Momente der völligen Inspirationslosigkeit, in denen alles, was gestern wie selbstverständlich ging, plötzlich zur Arbeit wird. Man stemmt und drückt und macht und tut – und so sieht es dann auch aus. Schrecklich. Solche nicht zu verhindernden Abende sind zum Fürchten.

STANDARD: Hatten Sie je das Bedürfnis, einen "Skandal zu entfesseln, eine Vorstellung platzen zu lassen, die Zunge herauszustrecken und lachend abgehen"?

Bechtolf: Ich habe mit dem Gedanken gespielt, um mich selbst wieder auf der Bühne überraschen zu können. Unvorhersehbar sein, nicht für die Kollegen, sondern für sich selbst, ist ja das Schönste und Wichtigste. Manchmal muss man das anarchische Potenzial mit radikalen Phantasien beflügeln. Ich strecke nicht die Zunge heraus und ich gehe nicht lachend bei meinem Abgang von Salzburg. Ich fühle mich mit den Festspielen tief verbunden und habe den größten Respekt vor dieser Institution, den Künstlern, den Mitarbeitern, dem Publikum. Nein, ich gehe dankbar und mit einer Verbeugung. Zusammenfassend kann man sagen, dass Bernhard zwar polemisch, aber sehr hellsichtig unseren Beruf betrachtet. Die Forderung an sich selbst, die Forderungen und Erwartungen von außen, der Theaterbetrieb und seine Betreiber, die Kritik, das sinnlose Geschwätz um einen und über einen, das alles ist oft grauenvoll. Bernhard vollzieht mit diesem Text die exemplarische Zuspitzung einer Wahrheit, vor der ich in letzter Konsequenz die Augen verschließe, denn ich will und wollte nie einen anderen Beruf haben. Der Vater sagt im Stück: "Wer am Ziel ist, ist naturgemäß todunglücklich." Ich habe die tröstliche Gewissheit, nie anzukommen. (Andrea Schurian, 27.8.2016)

Sven-Eric Bechtolf (58) wurde 2012 Schauspielchef der Salzburger Festspiele. 2015/16 verantwortete sie der in Darmstadt geborene Schauspieler und Opernregisseur als Intendant.

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