Das Vokabular der Asylkritiker

6. September 2016, 14:00
1095 Postings

Der Flüchtlingskrise sind neue Wörter entsprungen, die unterschwellig oder offenkundig mit Hass erfüllt sind

Gutmensch, Bessermensch, Welcome-Klatscher – das ist nur eine kleine Auswahl jener Bezeichnungen, die in von Ressentiments geprägten Debatten über die Flüchtlingspolitik als Kampfbegriffe verwendet werden. Aber wie prägen diese Wörter den Diskurs? Anhand von 37.000 Postings im STANDARD-Forum seit Jahresbeginn 2015, in denen sechs spezifische Wörter vorkommen, versuchen wir uns einer Begriffsbestimmung anzunähern.

Gutmensch, der:

In Deutschland zum Unwort des Jahres 2015 gekürt, aber auch in Österreich oft gebraucht. Der Artikel, in dessen Forum das Wort am öftesten verwendet wurde, ist zwar jener über die Unwort-Kürung, aber allgemein wurde es vermehrt am Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Spätsommer 2015 verwendet. Meist als Abgrenzung zu den Weniger-gut-Menschen verwendet, mit denen sich die Autoren identifizieren. Dem Gutmenschen wird oft die Schuld an negativen Ereignissen gegeben, aber manchmal gibt es auch User, die versuchen, den Begriff positiv zu besetzen.

Wirtschaftsflüchtlinge, die:

Personen, denen unterstellt wird, nicht vor Krieg oder Verfolgung zu fliehen, sondern vor wirtschaftlicher Not. Kommt zwar auch in sachlichen Diskussionen vor, wird aber oft polemisch verwendet. Mit steigender Zahl ankommender Flüchtlinge mehrten sich die Stimmen, dass darunter viele ausschließlich aus wirtschaftlichen Gründen und nicht vor Verfolgung aus ihrem Heimatland fliehen würden. Es wurden aber auch Behauptungen gesichtet, alle Asylanträge in Österreich würden von Wirtschaftsflüchtlingen kommen.

"Wirtschaftsflüchtling" kam im Forum am öftesten in den Kommentaren zu einem Interview eines Flüchtlings, der es mit 500 Euro von Pakistan nach Österreich geschafft hat, vor.

Asylindustrie, die:

Abschätzige Bezeichnung für NGOs, die in der Flüchtlingshilfe aktiv sind, beispielsweise die Caritas und Amnesty International. Oft verwendet, als NGOs den Flüchtlingsrücknahme-Deal mit der Slowakei kritisierten oder als das BMI ankündigte, den NGOs die Kosten der Flüchtlingshilfe nicht zu ersetzen. Kam schon 2007 in einer FPÖ-Aussendung vor.

Welcome-Klatscher, der / Bahnhof-Klatscher, der:

Neue Wortkombinationen, die entstanden, nachdem im September 2015 Flüchtlinge an Bahnhöfen in Wien und München mit Applaus empfangen wurden. Im Forum am öftesten unter einem Artikel über den Anschlag auf ein Musikfestival in Ansbach verwendet.

Kulturbereicherer, die:

Hämischer Begriff für Flüchtlinge oder Zuwanderer. Macht sich über jene lustig, die darauf hinweisen, dass Migration bereichernd fürs Aufnahmeland sein kann (siehe auch: "Gutmensch, der"). Im Forum oft gesehen unter Berichten über Gewalttaten, deren Tatverdächtige einen Migrationshintergrund haben. Beispielsweise bei einem Artikel über eine Vergewaltigung. Implizit wird durch die Verwendung des Begriffs unterstellt, dass ähnliche Taten durch "echte" Österreicher nicht passieren würden. Dieser Eindruck kann auch deswegen entstehen, weil Medien dazu tendieren, nur die Herkunft von Tatverdächtigen mit Migrationshintergrund zu nennen.

Welche Daten sind enthalten?
Alle Postings, die seit dem 1. Jänner 2015 geschrieben und abgesendet wurden. Auch gelöschte Beiträge sind enthalten. Die Auswahl der Begriffe erfolgte durch die Forenmoderatoren, gesucht wurde inklusive einfacher Abwandlungen (beispielsweise Mehrzahl). Der "Kulturbereich" (ohne "-erer") wurde für die Analyse wieder entfernt. (Gerald Garnter, Markus Hametner, 6.9.2016)

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