Wolfgang Hermann: Das Flirren in den Städten

1. September 2016, 13:19
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Zwei neue Bücher und eine Neuauflage von Wolfgang Hermann: ein neuer Faustini-Roman, ein Band mit Erzählungen und Stadtimpressionen

Da ist er wieder, der kleine Antiheld. Der Herr Faustini. Dem sein Häuschen in Hörbranz passt wie ein weicher Handschuh. Was vor allem jetzt praktisch ist, jetzt im Winter. Im Dezember, der sich beträchtlich dem Weihnachtsfest und Jahreswechsel nähert, und dann im Jänner. Beide Monate eisig kalt. Dass alles im Haus so wohlgeraten seinen Gang geht, dafür bedankt sich Herr Faustini nacheinander laut bei allen Geräten des Hauses zwischen Keller und Dachboden.

Die alte Waschmaschine, irreparabel kaputt, verabschiedet er warm. Und begrüßt dann umständlich das neu erworbene Modell und wünscht der Maschine ein angenehmes Einleben in seinem Haushalt, der abgezirkelt ist. So abgezirkelt, dass es selbst dem Kater zu langweilig bei ihm ist, weshalb sich das Tier mehr bei der Nachbarin Frau Gigele aufhält.

Herr Faustini ist jene Figur, die Wolfgang Hermann erstmals 2006 in Herr Faustini verreist eingeführt hat. Nun bleibt er zu Hause, in Maßen jedenfalls. Denn es ist einiges los im ruhigen Faustini-Kosmöschen, einer sonderbar bezaubernden Idylle eines Sonderlings, der weder Fernseher noch Automobil oder VN-Abo besitzt.

Kritikventil

Es ist der vierte Faustini-Band innerhalb von zehn Jahren. Und der Roman, der am wenigsten diese Bezeichnung verdient. Im Grunde handelt es sich um eine lange Erzählung. Und wie auch bereits bei den Vorgängerromanen nutzt ihn Wolfgang Hermann als Kritikventil.

Die Kritik wird etwas grob mit dem Florett ausgeteilt. Herr Faustini kommt in die Bregenzer Innenstadt auf den Markt, sieht einen mit teuer bekleideten Kundinnen flirtenden Verkäufer, der charmante Lügengeschichten präsentiert. Und wird dann abgeschleppt von einem früheren Mitschüler, der ein weltgewandter Reisender ist. Doch dieser Herr Carbonara erweist sich als Luftnummer, als Hochstapler, der nicht einmal das Geld für zwei Kaffee aufbringen kann.

Genau diese sich echauffierenden Passagen, unnötig schrille Gesellschaftskarikaturen, fallen sonderbar heraus aus dem Buch. Genau so wie die papierene Nichtbeziehung zu Uschi, einer einstigen Mitschülerin, die Herrn Faustini nach Jahrzehnten wieder ausfindig macht. Karten und Pendel nämlich haben der zweifachen Alleinerziehenden in sorgsam aufgeräumtem Schachtelhaus gezeigt, dass ausgerechnet Herr Faustini ihre große Liebe sei.

Gänzlich unaufgeregt lässt dieser diese Emotionen an sich abperlen. Und zieht der ihn physisch Bedrängenden eine zehntätige Anstellung als Nachtwache in den Dornbirner Messehallen vor. Einmal ist ihm schon ein Engel, ein angelisches Licht erschienen. Und dann am Ende wieder. Entlässt der 1961 geborene, in Wien lebende Vorarlberger Wolfgang Hermann seine Figur ins Mystische? So ganz abwegig erscheint dies nicht, dieser Faustini-Band mutet dafür jedoch einen Tick zu leichtgewichtig an.

Der Erzählband Die letzten Gesänge zeigt Wolfgang Hermann als offenkundig unablässig Schreibenden. Seine 24 Bücher, erschienen in 28 Jahren, hat er ja auf mehr als ein Dutzend Verlage verteilt. Dazu kamen ein Halbdutzend Theaterstücke, ebenso viele Hörspiele und vier Libretti. Auch die vier Romane um und mit Herrn Faustini sind in drei Verlagen erschienen.

Die letzten Gesänge, erschienen im Tiroler Limbus-Verlag, dem er in den letzten Jahren kleinere Arbeiten überlassen hat – und dem es nun gelungen ist, kurioserweise das Inhaltsverzeichnis einzusparen -, zeigen Hermann allerdings auch als Autor, der auf seiner Verlagsodyssee sich wohl so manchen kritischen Einspruchs des Lektorats entschlagen hat.

Das falsche Leben

Denn ein größeres Haus hätte ihm unmissverständlich davon abgeraten, den Band mit "Es ist alles da" zu beginnen, einer ab dem ersten Satz bereits missratenen Litanei über falsches Leben in der falschen, gesellschaftlich abgehängten Siedlung und, klischeehaft dagegengesetzt, das angeblich ach so oberflächliche Leben der Reichen und schönen Eskapisten. Hier knüpft er unmittelbar an die Wahrnehmung der Gesellschaft in Gestalt des Herrn Carbonara im Faustini-Buch an.

Am Ende zersplittert die Dramaturgie. "Atem" ist ein mathematisch durchkonstruierter, auf austarierte Aussagen hin montierter Trockenlauf, in "Die Läuferin" zielt er, bizarr wie platt, auf eine animistische Verschmelzung von Läuferin und Pferd ab. In "Aus dem Saatkrähen-Dokument" versucht er sich als Autor einer tierischen Dystopie, in "Zwei Gasthöfe" exerziert er auf platte Weise Traumata und Ewiggestrigkeit durch, "Die Zeit wird kommen" ist eine laue Etüde über einen Sinnsucher, "Die Hände meines Vaters" und "Die Eisenbahn" sind autobiografische Erinnerungsstücke.

Die letzte Erzählung "Zeit vergeht", nicht einmal eine Druckseite lang, zeigt wie auch alle anderen Miniaturtexte, dass gerade extreme Verkürzung Hermann so gar nicht liegen will. Hier fehlen Atmosphäre, Rhythmus, Pointiertheit. Alle diese Texte sowie das banale, weil in einer Nichtpointe auslaufende "Brotzeit" sind entbehrlich.

Aber: Allein für "Die Neuseeländerin", viereinhalb Seiten kurz, lohnt sich die Anschaffung dieses Bandes. In dieser großartigen Erzählung stimmt einfach alles, der Ton, die Tonlage, die Atmosphäre, das emotionale Flair. Paris, ein junger Mann, eine junge Frau, beide haben soeben ein Kino verlassen und La Maman et la putain gesehen, einen Film des heute kaum mehr bekannten französischen Filmemachers Jean Eustache (1938- 1981). Er vielleicht ein Österreicher, sie eine Neuseeländerin, reichlich unbekümmert, auf der Suche nach der Kultur Europas. Ein Annähern, ein Entfernen, ein Ver- und Entlieben, Flirren, Ferne, Nähe. (Und für Cineasten: ein feinsinniges Spiegeln der Triangelkonstellation von Eustaches Film.) Ein Verwandeln.

Verwandeln ist auch das Basisthema in Hermanns Städteimpressionsbuch Paris Berlin New York, das erstmals 1992 im längst verblichenen Berliner Gatza-Verlag erschien und 2008, leicht überarbeitet, bei Limbus. Reisen, Sich-Verwandeln, Sich-Anverwandeln, das Wandeln in Form von Gehen, nicht immer ist das ganz stilsicher. Zu sehr ist Wolfgang Hermann der Lektüre des mittelspäten Peter Handke verhaftet.

Hauch und Klang

Der Name der Reihe "Preziosen" ist sinnig. Denn immer wieder ist die Attitüde hier eine allzu prätentiöse, allzu sehr der Behauptung des Sinnlichen verhaftet als echter Sinnlichkeit. Zu sehr predigend, zu wenig lebend. Und dann gibt es doch aufleuchtende Sätze und großartige Passagen. Wie jene ganz am Ende: "Die Augen südwärts nach der lodernden Stadt, das Licht tief in mir. Dann, tiefdunkel, nebelwärts, das Nebelhorn von einem Dampfer. Still, ganz still bin ich, fühle den schweren stählernen Körper dort draußen, fühle, wie der Tag in seinen Schatten geduckt herankommt, schließe die Augen, nichts bin ich als zwei offene Handteller, nur Hauch, nur Klang, als das Nebelhorn des Dampfers noch einmal tönt, endlos." (Alexander Kluy, Album, 27.8.2016)

Wolfgang Hermann, "Herr Faustini bleibt zu Hause. Roman." € 15,90 / 144 Seiten. Langen-Müller-Verlag, München 2016

Wolfgang Hermann, "Die letzten Gesänge. Erzählungen." € 15,- / 176 Seiten. Limbus-Verlag, Innsbruck 2015

Wolfgang Hermann, "Paris Berlin New York. Verwandlungen." € 10,- / 104 Seiten. Limbus-Verlag, Innsbruck 2015

  • Unablässig schreiben, stetig verwandeln: Wolfgang Hermann.
    foto: heribert corn

    Unablässig schreiben, stetig verwandeln: Wolfgang Hermann.

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