Wifo: Wirtschaftspolitik ging Strukturprobleme nur halbherzig an

26. August 2016, 14:44
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Warnungen schon lange am Tisch – Probleme wurden bisher überdeckt – Sozialpartnerschaft half Schocks zu verarbeiten, verhinderte dadurch aber grundlegende Reformen

Wien – Die Strukturprobleme in Österreichs Wirtschaft bestehen schon lange und die Wirtschaftsforscher, insbesondere das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo), hätten diese schon lange erkannt und auf bevorstehende Probleme hingewiesen, schreibt Wifo-Forscher Gunther Tichy im Wifo-Monatsbericht. Die Politik sei die Probleme aber nur halbherzig angegangen, kritisiert er.

"Die Probleme blieben – wenn auch auf jeweils höherem Niveau – bestehen, weil Politik und Wirtschaft an ihre Lösung bloß halbherzig herangingen", schreibt Tichy. Und weiter: "Die Persistenz der Probleme war vielfach durch das Fehlen längerfristiger Konzepte bedingt, vor allem aber durch mangelnde Effizienz von Wirtschaftspolitik und Unternehmen. In den meisten Bereichen stand umfassenden Inputs kein entsprechender Output gegenüber. Ein erheblicher Teil der Ineffizienzen im öffentlichen Sektor resultiert aus der mangelnden Identität von Leistungsträger und Financier und der Zersplitterung der Kompetenzen".

Günstige Entwicklung trotz Probleme

"Das Wifo wies schon früh auf die strukturbedingte Abflachung des Wachstumstrends hin", schreibt Tichy. Es habe zwar Versuche der Gegensteuerung durch die Wirtschaftspolitik gegeben, dennoch sei die österreichische Wirtschaft "kontinuierlich hinter jener der als Benchmark gewählten EU-Länder" zurückgefallen.

Warum Österreichs Wirtschaft trotz der ungelösten Strukturproblem lange Zeit eine "relativ günstige" Entwicklung genommen habe, müsse zwar erst erforscht werden, Tichy hat aber drei Hypothesen: Erstens habe Österreich immer wieder von zwischenzeitlichen Entwicklungen profitiert: Die Grundstoffkonjunktur der Nachkriegsjahre, die Konzentration auf höchste Qualität im Bereich der Mittelhochtechnologie sowie zuletzt die rasche und großteils erfolgreiche Nutzung der Ostöffnung seien hier zu nennen.

Zweitens habe Österreich mehr investiert als die meisten Konkurrenten. Und drittens habe Österreich vom Grundkonsens der Sozialpartnerschaft profitiert. Diese habe Kompromisse erleichtert, weil ihre Elemente nicht "ausdefiniert" waren. Die Sozialpartnerschaft habe flexible Reallöhne und – teilweise dadurch bedingt – die bessere Verarbeitung von Schocks ermöglicht – "wie sich zeigte allerdings auf Kosten grundlegender Reformen", so Tichy. (APA, 26.8.2016)

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