Woher die weißen Flecken auf Munchs "Der Schrei" stammen

26. August 2016, 14:42
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Röntgenanalysen konnten die populäre Hypothese widerlegen, dass Vogelkot auf dem Meisterwerk gelandet sei

Hamburg – Es brauchte den Hightech-Einsatz des Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY), um eine Frage zu klären, über die sich Kunsthistoriker seit langem uneins sind: Nämlich woher die mysteriösen weißen Flecken auf Edvard Munchs weltberühmtem Gemälde "Der Schrei" stammen. Genauer gesagt auf der ältesten und berühmtesten von vier Versionen des "Schreis", die Munch malte und die sich der Sammlung des Norwegischen Nationalmuseums befindet.

Eine Röntgenuntersuchung durch die Forschungslichtquelle PETRA III von DESY hat das Rätsel nun gelöst. Und es handelt sich weder um weiße Farbe noch um – so eine beliebte Hypothese – Vogelkot. Laut den DESY-Verantwortlichen bestehen die Flecken aus Wachs.

Warum man Vögel im Verdacht hatte

Das Gemälde kam einst direkt aus dem Atelier des Malers in die Sammlung des Norwegischen Nationalmuseums und besaß bereits damals die weißen Flecken. Das führte zu der Vermutung, dass Munch den "Schrei" im Freien aufbewahrt hatte, wo vorbeifliegende Vögel eine weitere Schicht auf das Meisterwerk aufgetragen haben könnten.

"Vogelkot kann eine nennenswerte Gefährdung für Denkmäler, Freiluftstatuen und neue Autos darstellen", sagt Kunsthistoriker Van der Snickt. Tine Frøysaker von der Universität Oslo, die bei ihrer Arbeit als Konservatorin wiederholt mit Vogelexkrementen an den berühmten norwegischen Stabkirchen zu tun hatte, war von der Vogelkot-Theorie allerdings wenig überzeugt – nicht zuletzt, weil die weißen Flecken unter dem Mikroskop keineswegs nach Ausscheidungen aussehen.

Nächster Kandidat: Farbe

Gegen die Vogelkot-Theorie sprach außerdem, dass Munch diese Version auf Pappe gemalt hat, die bei einer Lagerung im Freien vermutlich Schaden genommen hätte. "Es schien plausibel, dass die weißen Spritzer eher von weißer Farbe oder Kreide stammten, die versehentlich auf den 'Schrei' getropft waren, während Munch in seinem Atelier an anderen Gemälden arbeitete", so Frøysaker.

Die Farbspritzertheorie konnte heuer jedoch ausgeschlossen werden, da sich bei einer Röntgenscanneruntersuchung durch Antwerpener Kunstexperten keinerlei weiße Pigmente oder Kalzium entdecken ließen. Die Forscher beschlossen daraufhin, endlich die wirkliche Lösung des Rätsels zu finden. Sie nahmen winzige Proben der weißen Flecken, um sie an DESYs Röntgenquelle PETRA III zu analysieren.

Die Antwort

In der Anlage erzeugen schnelle Teilchen aus einem Teilchenbeschleuniger ein besonders brillantes Röntgenlicht. "Über das Streumuster, das bei der Durchleuchtung einer Probe entsteht, lässt sich unter anderem die innere Struktur der untersuchten Materialien auf atomarer Skala bestimmen", sagt DESY-Forscher Gerald Falkenberg.

Die Analyse brachte dann eine Überraschung: Beide früheren Hypothesen waren falsch, stattdessen zeigten sich Streumuster von Wachskristallen. Im Fall des "Schreis" ist die wahrscheinlichste Erklärung, dass es sich bei den weißen Flecken um Wachsspritzer handelt, die aus Versehen von einer Kerze in Munchs Atelier auf das Bild getropft sind. (red, 25. 8. 2016)

  • "Oh nein, das geht nie wieder raus!"
    foto: norwegisches nationalmuseum

    "Oh nein, das geht nie wieder raus!"

  • Ein besonders dicker Schmatzer in Großaufnahme.
    foto: norwegisches nationalmuseum

    Ein besonders dicker Schmatzer in Großaufnahme.

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