"Making": Vom Garagenhobby zum politischen Hoffnungsträger

26. August 2016, 10:17
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Österreichische Forscherin setzt sich mit neuer Do-it-yourself-Kultur auseinander – Demokratisierung der Produktion als Vision

Tüfteln, eigene Ideen entwickeln und gleich selbst umsetzen: "Maker" lösen Probleme mit moderner Technik im Do-it-yourself-Verfahren. Silvia Lindtner, Assistenzprofessorin an der Universität Michigan in Detroit, erforscht diese Kultur mit einem ethnografischen Ansatz von innen heraus – im speziellen die aufstrebende Szene in Shenzhen, dem chinesischen "Hollywood" der "Maker".

3D-Drucker, CNC-Fräsen, Laserschneider, Elektronik, Modellbau, Robotik oder Upcycling

Beim "Making" gibt es kaum Grenzen für die Bastler-Fantasie. Zentrale Elemente sind 3D-Drucker, CNC-Fräsen, Laserschneider, Elektronik, Modellbau, Robotik oder Upcycling – das Neuerfinden und Aufwerten scheinbarer Abfallprodukte und "nutzloser" Stoffe. Grenzen zu herkömmlichen Produktionsprozessen verschwimmen dabei zusehends. "Das ist auch die Ambition Vieler, die in dem Bereich arbeiten, die sagen: Wir wollen, dass die industrielle Produktion für jeden zugänglich ist", sagte Lindtner, die am Freitag bei einem Arbeitskreis der Alpbacher Technologiegesprächen zum Thema "Making" teilnimmt, zur APA.

Die österreichische Forscherin war nach dem Studium Medientechnik und Design an der Fachhochschule (FH) Hagenberg mehrere Jahre bei Siemens in der Forschung – in München und in Princeton (USA) – tätig und hat sich viel mit Game Design und Research beschäftigt. Im Rahmen ihres Doktorats an der University of California kam sie bei einem Projekt mit der Frage in Berührung, warum Online-Spiele wie "World of Warcraft" in China derart populär sind: "Wir wollten studieren, wie die Leute in China das Internet verwenden – und Gaming im Speziellen." So spornte das von der chinesischen Regierung zensurierte "World of Warcraft" die Spieler an, eine eigene, auf einer Raubkopie aufbauende Version des Spiels zu kreieren – mit eigener Software und Servern und einer kleinen Mikroökonomie, die daraus entstand.

"Wir im Westen haben das verloren. Wir wissen gar nicht mehr wie ein Computer von innen funktioniert."

In China fand Lindtner eine Community vor, die sich gegen technische Widerstände und Zensur ihre eigene Welt erschafft und bereit ist, zu experimentieren und zu basteln – anstatt beim kleinsten Problem neuwertige Geräte wegzuwerfen: "Wir im Westen haben das verloren. Wir wissen gar nicht mehr wie ein Computer von innen funktioniert."

Die Informationswissenschafterin wollte es genauer wissen. Sie lernte chinesisch, schloss sich einer Gruppe von Bloggern und Künstlern in der Technologieszene an, war von 2008 bis 2010 beim Entstehen des ersten "Maker Space" dabei, in die Gründung eines Start-ups integriert und blieb schließlich insgesamt fünf Jahre in China. Ihre Erfahrungen lässt Lindtner in ein Buch einfließen, das in etwa einem Jahr fertig sein soll.

"Es sind auch Start-ups und ein neues Unternehmertum dadurch entstanden."

Besonders im Süden Chinas hat sich im Lauf der Jahre eine Szene entwickelt, die nicht mehr nur Prototypen, sondern auch Produkte entwickeln wollte. In der westlichen Welt ist die an Hongkong angrenzende 13-Millionen-Einwohner-Metropole Shenzhen vor allem als Herkunftsort von elektronischen Konsumgütern bekannt. Dort ansässig sind viele der erfolgreichsten chinesischen Hightech-Unternehmen, aber auch Produktionsstätten ausländischer IT-Konzerne wie etwa der Apple-Zulieferer Foxconn. Die massive Präsenz der Elektronik- und Telekommunikationsindustrie hat auch viele Maker angezogen: "Alles zusammengenommen hat dazu geführt, dass 'Making' nun mehr als nur ein Hobby ist. Es sind auch Start-ups und ein neues Unternehmertum dadurch entstanden."

Damit eröffnet das "Making" auch eine politische Dimension. Die Idee: Durch die Demokratisierung des kreativen Schaffens und der Produktion wird auch die Gesellschaft offener. "Man könnte viel mehr Schichten der Bevölkerung in kreative Tätigkeiten einbinden und so schafft man womöglich auch Arbeitslosigkeit ab. Das ist die Vision, die auch für Regierungen reizvoll ist. Die Frage ist natürlich, inwiefern sich das implementieren lässt", sagte Lindtner. Sehr viel davon sei auch nur "schöne Rhetorik" und eine "sehr idealistische Ambition". Nicht zuletzt sei es für sozial benachteiligte Menschen und Minderheiten schwierig, unternehmerische Risiken einzugehen und auch die Zeit dafür aufzubringen. "Man sieht kaum einen Arbeiter aus einer Fabrik in einem 'Maker Space' und auch wenige Frauen. Es ist noch immer eine männliche, privilegierte Vision." (APA, 26.8. 2016)

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