Forschungsexperte: "Man braucht eine Kultur des Zulassens"

Interview28. August 2016, 19:43
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Das Austrian Institute of Technology (AIT) investiert mehr denn je in Infrastruktur und Wissenschaft. Und traut sich an einige Experimente heran, wie Geschäftsführer Anton Plimon erzählt

STANDARD: Das Austrian Institute of Technology (AIT) hat zuletzt einige Großinvestitionen in Infrastruktur getätigt. Was ist der Hintergrund dieser Initiative?

Plimon: Wir haben seit der Gründung laufend Gewinne erwirtschaftet. Deshalb fiel uns die strategische Entscheidung leicht, heuer nicht wie üblich sechs Millionen Euro, sondern 12,5 Millionen Euro in die Erneuerung der Infrastruktur zu investieren. Damit werden bestehende Einheiten und Labors ausgebaut. Wir sind ja angetreten, um in Europa sichtbar zu werden. Das gelingt einerseits durch Industriekooperationen, andererseits durch einen wissenschaftlichen Output, der sich im Vergleich sehen lassen kann. Wir wollten von Anfang an in bestimmten wissenschaftlichen Indikatoren über dem Durchschnitt europäischer Vorbilder liegen: der Fraunhofer-Gesellschaft, der niederländischen TNO und der finnischen VTT. In den vergangenen beiden Jahren ist es uns gelungen, vor jedem einzelnen dieser Institute zu liegen. In keinem großen Abstand – aber immerhin. Das heißt: Wir sind in dieser Liga etabliert. Und wir haben, wissenschaftlich betrachtet, die richtige Flughöhe. Um all das beizubehalten, muss man nach Jahren der Konsolidierung auch investieren.

STANDARD: Können Sie Beispiele nennen?

Plimon: Wir haben bereits ein gutes Smart-Grids-Labor, das aber im Bereich des Gleichstroms ausbaufähig war. Auch mit dem Batterielabor können wir sehr zufrieden sein – hier kann man viele chemische Analysen umsetzen, aber eben nur für kleinere Batterien, für Knopfzellen. In Zukunft werden wir dort größere Einheiten analysieren. Auch im Leichtmetallbereich in Ranshofen haben wir investiert, um wieder vor der Industrie zu sein, das waren wir zuletzt nicht mehr. Es ging da wie dort um eine Besserstellung für den Wettbewerb.

STANDARD: Ist der so bestimmend? In Österreich gibt es bezüglich der Größe ohnehin kaum ein vergleichbares Forschungsinstitut.

Plimon: In der Strategie heißt es eindeutig: Der Heimmarkt für uns als Forschungsunternehmen ist Europa. Und wir haben einige Kooperationen, die auch darüber hinausgehen. Die aus der Bildverarbeitung kommenden Fahrerassistenzsysteme für Bombardier zum Beispiel. Oder im Bereich Quantenkryptographie. Das haben unsere Vorgänger lanciert, danach gab es ein langes Wellental, was die Wirtschaftlichkeit dieser Entwicklungen betrifft. Nun wird es eine Kooperation mit dem chinesischen Telekommunikationsriesen Huawei geben.

STANDARD: Gibt es Bereiche, wo es wissenschaftlich und wirtschaftlich nicht nach Wunsch läuft?

Plimon: Sicher. Wir haben einige Themen, die wir nachschärfen müssen. Es gibt auch Bereiche, die wissenschaftlich hervorragend laufen, die wirtschaftlich aber noch Zeit brauchen. Die Forschung an Speichelproben zum Beispiel im Department "Health and Environment". Diese Wissenschafter haben große EU-Projekte an Land gezogen. Die Erlöse werden auch irgendwann kommen.

STANDARD: Wie ist in all diesen anfangs erwähnten strategischen Überlegungen das Engagement des Wissenschafters Andreas Kugi einzuordnen, der ja an der TU Wien Vorstand des Instituts für Automatisierungs- und Regelungstechnik bleibt und nicht in die AIT-Departmentstruktur eingegliedert wurde?

Plimon: Mit Kugi haben wir jemanden im Team, der in seinem Bereich auf der Wissenschaftslandkarte gut sichtbar ist. Er ist selbst mit der Idee gekommen, bei uns die Grundlagenarbeit von der TU Wien zur Anwendung zu bringen, also die Wertschöpfungskette damit abzuschließen. Das ist für uns ein Experiment und natürlich strategisch interessant, weil die Entwicklung von Automatisierungsprozessen, seine Arbeit, uns im Bereich Industrie 4.0 sicher besser positioniert. Wir denken da zunächst einmal an Inhalte – und erst später an Strukturen, an Departmenteinteilungen, deswegen ist seine Tätigkeit auch nirgendwo eingegliedert. Auch die enge Zusammenarbeit mit einer Universität ist ein Experiment. Ich bin mir sicher, dass wir, wenn es weiterhin gut läuft und wir gelernt haben, worauf es ankommt, weitere folgen lassen.

STANDARD: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang das AIT-Engagement in der Komplexitätsforschung?

Plimon: Auch der Complexity-Science-Hub ist ein Experiment. Kein eigenes Zentrum, sondern eine Kooperationsplattform. Sechs Institute und Unis zahlen ein, alle profitieren von den wissenschaftlichen Ergebnissen. Das geschieht, weil Netzwerkanalysen mit Big Data für viele Bereiche wichtig sind. Für die Medizin, aber auch für die Stadtentwicklung, um nur zwei zu nennen.

STANDARD: Die finanziellen Mittel für derartige Engagements scheint es zu geben. Was braucht man sonst noch dafür?

Plimon: Man braucht Menschen, die sich für ein Thema begeistern können, die etwas bewegen wollen. Und man braucht eine Kultur des Zulassens.

STANDARD: Wie essenziell sind denn gut arbeitende Unis für ein Anwendungsforschungszentrum wie das AIT?

Plimon: Enorm wichtig. Hier entsteht die Basis für viele Forschungsarbeiten. Wenn die Unis in einem Land nicht funktionieren, dann haben wir ein Problem. Ein anderes positives Beispiel ist die TU Graz mit ihrer Computer-Vision-Abteilung. Wir haben in Österreich ganz hervorragende Unis. Ihre Tragik besteht vor allem im Betreuungsverhältnis zwischen Studenten und Professoren. Das können wir aber von unserer Seite nicht ändern, da braucht es den politischen Willen dazu. (Peter Illetschko, 28.8.2016)


Anton Plimon, Jahrgang 1958, geboren in Wolfsberg in Kärnten, ist seit 2009 kaufmännischer Geschäftsführer des Austrian Institute of Technology (AIT). Davor war er Geschäftsführer der Vorgängerorganisationen Austrian Research Centers (ARC) und Arsenal Research. Er studierte Technische Physik an der TU Graz.

  • AIT-Geschäftsführer Anton Plimon ist überzeugt, dass man auch Forschungsthemen,  die wirtschaftlich noch nicht nach Wunsch laufen, Zeit lassen muss.
    foto: corn

    AIT-Geschäftsführer Anton Plimon ist überzeugt, dass man auch Forschungsthemen, die wirtschaftlich noch nicht nach Wunsch laufen, Zeit lassen muss.

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