Terrorserie gegen türkische Polizei

26. August 2016, 17:27
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Vor dem Hintergrund des Einmarsches in Syrien hat die PKK einen weiteren Anschlag auf die türkische Polizei verübt. Die Armee feuerte auf kurdische Stellungen in Syrien, um die Milizen zum Rückzug zu zwingen

Ankara/Wien – Fünf schwere Bombenanschläge in nicht ganz zwei Wochen, dazu offenbar noch ein versuchtes Attentat auf den türkischen Oppositionsführer Kemal Kiliçdaroglu: Die kurdische Untergrundarmee PKK setzt, wie schon lange nicht mehr, den türkischen Staat unter Druck. Auch der Autobombenanschlag am Freitagmorgen, der den Sitz der Bereitschaftspolizei in Çizre zerstörte, ging auf das Konto der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans, sie bekannte sich dazu. Elf Polizisten wurden getötet und 75 verletzt; auch drei Zivilisten erlitten bei der Explosion des Sprengsatzes Verletzungen.

Çizre, weit im Südosten der Türkei, an der Grenze zu Syrien und zum Irak, war monatelang Schauplatz des Städtekriegs zwischen türkischen Sicherheitskräften und von der PKK bewaffneten jugendlichen Einwohnern. Viele dieser mehrheitlich kurdischen Städte liegen nun in Schutt und Asche. Sie sollen – wenn es die Sicherheitslage erlaubt – nach den Bedürfnissen von Polizei und Armee wieder aufgebaut werden.

Einmarsch in Syrien

Grenzstädte wie Çizre oder das eine Fahrtstunde entfernte Nusaybin haben mittlerweile jedoch eine besondere strategische Bedeutung, weil sie neben dem kurdisch verwalteten Gebiet Rojava in Syrien liegen. Der sich abzeichnende Einmarsch der Türkei in Syrien diese Woche scheint ein Grund für die Anschlagswelle der PKK in der Türkei zu sein. Der Einmarsch in die syrische Grenzstadt Jarablus am Dienstag richte sich, anders als gesagt werde, nicht gegen den "Islamischen Staat" (IS), sondern sei ein Angriff der Türkei auf alle Kurden, erklärte PKK-Chef Murat Karayilan.

Türkische Sicherheitsexperten wie Metin Gürcan äußerten Überraschung über die schnelle Einnahme von Jarablus durch die türkische Armee und Rebellen der von Ankara unterstützten Freien Syrischen Armee (FSA). Gürcan zitierte in einem Beitrag für das Nachrichtenportal Al-Monitor ungenannte Quellen, denen zufolge der IS bereits vor zwei Wochen mit dem Rückzug aus Jarablus begonnen hätte.

Der türkische Regierungschef Binali Yildirim wies am Freitag als "Lüge" zurück, dass sich die Bodenoffensive auf die syrischen Kurden konzentriere. Die türkische Armee feuerte gleichwohl weiter auf Stellungen der Kurdenmiliz YPG. Ankara beharrt darauf, dass die YPG und deren politischer Arm, die Partei der Demokratischen Union PYD, mit der PKK verbunden sei und deshalb ebenfalls als Terrororganisation zu gelten haben.

Augenzeugen beobachteten am Freitag die Durchfahrt weiterer weniger türkischer Panzer über die Grenze nach Jarablus auf die syrische Seite. Der Einsatz wird vom Kommandanten der türkischen Spezialkräfte, Zekai Aksakalli, befehligt. Er hatte beim Putsch am 15. Juli einem Unteroffizier die Tötung des Putschgenerals Semih Terzi befohlen. Terzis Liquidierung soll die Putschisten schon zu einem frühen Zeitpunkt demoralisiert haben. Bei der zeitlich offenen Bodenoffensive in Syrien geht es Ankara darum, den IS von der Grenze zu verdrängen und eine Zusammenlegung weiterer von den Kurden gehaltenen Gebiete zu verhindern.

Die ganze Welt bewundere die Intervention der türkischen Armee, erklärte die regierungstreue Tageszeitung Takvim ihren Lesern. Verschwörungstheorien wurden wieder in verschiedenen Medien ausgebreitet, denen zufolge IS und die PYD Konstrukte des Auslands seien, um die Türkei zu schwächen. Diesen Plan habe die Türkei nun vereitelt.

Dritte Bosporusbrücke offen

Staatspräsident Tayyip Erdogan und sein Premier Yildirim eröffneten am Freitag die dritte Brücke über den Bosporus in Istanbul. Die Jubelfeier gab den Türken etwas Ablenkung angesichts der Terrorwelle, den Nachrichten vom Kriegseintritt in Syrien und der andauernden Säuberungswelle gegen angebliche Unterstützer des Gülen-Netzwerks und gegen Regierungskritiker.

Erdogan betete vor der Eröffnung in der Yavuz-Sultan-Selim-Moschee in Istanbul. Die 2164 Meter lange Hängebrücke trägt den Namen des Sultans, der in seiner kurzen Regierungszeit von 1512 bis 1520 das Osmanische Reich über den Nahen Osten ausdehnte, aber auch wegen seiner Massaker an den Aleviten berüchtigt wurde. (Markus Bernath, 26.8.2016)

  • Nur noch eine Ruine war der Sitz der Bereitschaftspolizei in der Kurdenstadt Çizre nach der Explosion einer Bombe. Elf Polizisten starben.
    foto: apa/afp/dogan news agency/str

    Nur noch eine Ruine war der Sitz der Bereitschaftspolizei in der Kurdenstadt Çizre nach der Explosion einer Bombe. Elf Polizisten starben.

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