Wenn Ältere eine Lehre machen, springt meist der Staat ein

26. August 2016, 06:00
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Lehrlinge im fortgeschrittenen Alter gibt es vorwiegend in überbetrieblicher Ausbildung

Wien – Die Lehre wäre nicht nur eine Option für Flüchtlinge, so Integrationsexperte August Gächter im STANDARD. Das Modell für Erwachsene zu öffnen sei auch für ältere Österreicher mit Schwierigkeiten am Jobmarkt hilfreich. In der Wirtschaftskammer ist man irritiert. "Jeder kann eine Lehre machen, auch ein 90-Jähriger", sagt Alfred Freundlinger, Vizeleiter der Abteilung für Bildungspolitik.

Theoretisch hat Freundlinger recht. Jeder, der einen Lehrherrn findet, kann eine Lehre antreten, wenn er mit der Lehrlingsentschädigung von gut 300 Euro auskommt. Diese ist auch Teil des Problems. Die Ausbildung beginnt in der Regel mit 15 Jahren. Wer älter ist, kann sich das – auch bei Überbezahlung – kaum leisten, selbst wenn in manchen Bundesländern – darunter in Wien – auf die Mindestsicherung aufgestockt wird. In anderen Bundesländern fällt, wer eine Lehre macht, ganz aus der Mindestsicherung heraus. Im Sozialministerium, wo man Gächters Idee etwas abgewinnen kann, heißt es, das sei jetzt in den Reformgesprächen zu behandeln.

Überbetriebliche Ausbildung

Ob eine bundesweite Aufstockung große Wirkung hätte, ist schwer abschätzbar. Laut WKO-Aufzeichnungen gab es im Vorjahr im unternehmerischen Regelbetrieb nur zwei Lehrlinge im Alter von 58 Jahren, zwei im Alter von 50, immerhin elf im Alter von 45. Insgesamt liegt die Zahl der ab 36-Jährigen bei gut 120 – bei einer Gesamtzahl von knapp 110.000 Lehrlingen derzeit.

Wer arbeitslos ist, greift stärker darauf zurück. In der überbetrieblichen Facharbeiterintensivausbildung haben vergangenes Jahr 8772 Arbeitslose einen Kurs mit Lehrabschluss absolviert, wie Zahlen des Arbeitsmarktservice zeigen. Mit 1343 Personen war jeder Siebente über 40 Jahre, fast 90 Prozent über 20 Jahre. Die Kosten dafür trägt naturgemäß der Staat.

Förderungen für Firmen

Staatlich gefördert werden auch ausbildungswillige Firmen. Laut Zahlen des AMS werden Betriebe bei rund 10.000 Lehrlingen unterstützt, davon rund 1400, die über 19 Jahre alt sind. Ein echtes Indiz dafür, dass Unternehmen sich angesichts der Mühen der Ebene tatsächlich überlegen, Lehrlinge selbst auszubilden, ist das aber noch nicht. Der Anteil jener, die im Alter von 15 Jahren eine Lehre machen, liegt etwa bei 40 Prozent. Damit ist er entsprechend der demografischen Entwicklung seit Jahren recht stabil.

Was die Lehre für Ältere betrifft, würde man im Sozialministerium gerne das Fachkräftestipendium wiederbeleben, sagt ein Sprecher. 2013 für verschiedene Mangelberufe eingeführt, wurde es Anfang 2016 ob großen Zuspruchs und weil das Geld anderswo gebraucht wurde, eingestellt. Interessiert haben dürfte es aber ohnehin eher bildungsaffine Menschen. (Regina Bruckner, 26.8.2016)

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