"Reigns" im Test: Tinder trifft blutiges Mittelalter

26. August 2016, 10:54
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Ein kurzweiliger Monarchiesimulator für die Hosentasche

Der König ist tot! Lang lebe der König! Zugegeben: Sehr lange dauert die durchschnittliche Regierungszeit vor allem zu Beginn von "Reigns" nicht. Das macht aber nichts, denn der Nachfolger springt schon auf den Thron, kaum dass die Leiche des Vorgängers unter der Erde ist. Ja, das "Indie-Game der Woche" ist diesmal eines, das auch – und sogar prominent – auf Smartphones zuhause ist, doch keine Sorge: "Reigns" ist weder Free2Play noch der zweihundertachtundsechzigste Klon eines zu Recht vergessenen Spieleklassikers aus den frühen Achtzigerjahren.

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Video: Trailer zu "Reigns"

Minimialistischer Cartoonstil

Im Gegenteil: Überaus originell bedient sich das in stylisch minimialistischem Cartoonstil gehaltene Spiel vor allem beim Interface an höchst Zeitgenössischem. Wie bei der Dating-Plattform Tinder besteht die einzige Interaktionsmöglichkeit nämlich im Wischen nach links oder rechts – ja oder nein. In zufälliger Reihenfolge stellen sich den hoffnungsfrohen Jungmonarchen in jedem Jahr ihrer Herrschaft unterschiedliche Entscheidungsfragen, die durch diese lässige Geste beantwortet werden: Soll die pestverdächtige Schiffsladung verbrannt oder verkauft werden? Bauen wir dem mächtigen Bischof noch eine Kathedrale? Sollen die unverschämten Nachbarn im Norden per Hochzeit beschwichtigt oder mit dem Heer überfallen werden?

Jede Entscheidung hat direkte Auswirkungen auf eine der vier wichtigen Ressourcen Glaube, Bevölkerung, Militär und Geld. Fällt eine davon auf Null, ist das das Ende des jeweiligen Königs – ebenso aber, wenn sich einer der Balken ganz füllt. Der Exitus kann somit zum Beispiel sowohl durch Verhungern als auch durch dekadentes Überfressen erfolgen.

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Video: Gameplay-Mitschnitt zu "Reigns"

Haarsträubendes Mittelalter

Es ist ein Drahtseilakt, bei dem immer wieder sorgfältig abgewogen werden muss – das durchwegs fragwürdige Beraterpersonal, vom mörderischen Henker bis zum wirren Propheten, trägt das Seine dazu bei, für Unklarheit zu sorgen. Wie genau sich die zum Teil haarsträubend komischen Situationen am besten lösen lassen, erfahren Spielerinnen und Spieler oft nur durch Versuch und Irrtum. Der Tod des jeweiligen Königs führt dabei vor allem am Anfang zum Freischalten neuer Karten, alternativer Berater oder witziger Ehrentitel. Auf einer wachsenden Zeitleiste werden die vergangenen Könige akribisch vermerkt: Auf die sagenhaft lange Regenz Leos des Uralten folgt dann die gnädig kurze Heinrichs des Verfluchten, dessen Name, so viel Nachruf muss sein, noch künftigen Generationen als Schimpfwort in Erinnerung bleibt.

Vor allem zu Beginn begeistert "Reigns" durch seine originelle Spielmechanik, das schrittweise Aufdecken aller möglichen Entscheidungsmöglichkeiten und seinen Humor, der auch in der sehr guten deutschen Übersetzung zum Tragen kommt. Die ehrgeizigsten Thronanwärter finden in teils knifflig erreichbaren Aufgaben längere Motivation, auch wenn sich später bei stetig wiederkehrenden Situationen Routine einstellt. Für die Wartezeit an der Bushaltestelle bietet "Reigns" allerdings vor allem in den ersten Spielstunden höchst originelle Unterhaltung für das kurze Spiel zwischendurch. (Rainer Sigl, 25.8.2016)

"Reigns" ist für iOS, Android, Windows, Mac und Linux erschienen. UVP: 2,99 Euro.

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