Gina-Lisa Lohfink: Warum ein "Partygirl" kein "Opfer" sein darf

Blog25. August 2016, 15:59
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Das Urteil im Prozess wegen falscher Verdächtigungen im Fall von Gina-Lisa Lohfink löste eine Welle der Empörung aus – zu Recht

Viel ist über den Prozess um Gina-Lisa Lohfink geschrieben worden. Darüber, wie das Model die Vergewaltigungsvorwürfe als PR-Gag inszeniert hätte, um noch mehr Berühmtheit zu erlangen. Und darüber, wie wenige "Opfereigenschaften" sie an den Tag legen würde. Dabei standen vor allem ihr Aussehen und der Blick auf ihre wasserstoffblonden Haare und vergrößerten Brüste im Vordergrund. Sie wurde als "It-Girl", "Superblondine" und "Doppel-D-Sternchen" beschrieben. Ihr Leben als "Partygirl" und Tatsachen wie jene, dass sie sich freizügig für das Magazin "Playboy" ablichten hat lassen, gehörten zum medialen Dauerrauschen rund um die Berichterstattung über den Vergewaltigungsprozess.

Weniger wurde darüber debattiert, wer die beschuldigten Männer sind. Wie sie aussehen, welches Vorleben sie hatten. Stimmt, diese Details tragen nichts zur Aufklärung eines Falls bei. Aber auch die Vergangenheit einer Frau, die eine Vergewaltigung zur Anzeige bringt, ist in Deutschland seit 1974 nicht mehr Gegenstand der gerichtlichen Verhandlung. Warum kommen diese Aspekte im Falle Lohfinks so sehr zum Tragen? Und warum fällt die Tatsache, dass die beiden im Fall involvierten Männer ihre Handyaufnahmen mit dem Titel "Vergewaltigungsvideo von Gina-Lisa – nagelneu" Redaktionen angeboten haben, wenig ins Gewicht? Mit dieser Bezeichnung landete der Clip schließlich auf der Porno-Plattform Pornhub. Darin ist auch zu hören, wie Lohfink mehrmals "Hör auf" sagt. (Für die Verbreitung des Videos wurde einer der beiden Männer mit einer Geldstrafe von 1.350 Euro schuldig gesprochen.) Die Art und Weise, wie respektvoll oder respektlos mit Vergewaltigungsvorwürfen umgegangen wird, ist symptomatisch für eine Gesellschaft.

"Echte Vergewaltigungsopfer" und Signalwirkung

Jemanden fälschlich der Vergewaltigung zu verdächtigen, ist zu verurteilen. Keine Frage. Lohfink wurde vom Gericht verurteilt, sie muss eine Strafe von 20.000 Euro zahlen. Die Richterin Antje Ebner sieht es als erwiesen an, dass sie zwei Männer fälschlicherweise einer Vergewaltigung beschuldigt hat. Staatsanwältin Corinna Gögge spricht von einem "Hohn für echte Vergewaltigungsopfer". Sie meint: Falsche Verdächtigungen kämen häufiger vor als gedacht. Das Faktum, dass zwei Frauen in den Funktionen als Richterin und Staatsanwältin entschieden haben, tut hier nichts zur Sache – sie gestalteten den Prozess weder empathisch noch feministisch.

Doch die Debatte über sexuelle Gewalt, Vergewaltigung und falsche Vorwürfe ist damit nicht abgeschlossen. Im Gegenteil: Das Urteil hat Signalwirkung auf mehreren Ebenen. Frauen, die bisher nicht wagten, eine Vergewaltigung zur Anzeige zu bringen, werden es jetzt noch weniger tun. Nicht nur, weil einer Frau, die eine Vergewaltigung angezeigt hat, nicht geglaubt wurde, sondern weil Gefahr droht, dabei selbst verurteilt zu werden. Laut einer vom deutschen Bundesfamilienministerium herausgegebenen Studie entscheiden sich 95 Prozent der Frauen, die eine Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung erlebt haben, gegen eine Anzeige.

Mythen und Opferbilder

Der Fall zeigt auch, wie tief sogenannte Vergewaltigungsmythen in der Gesellschaft verankert sind. Frauen würden durch ihr Auftreten einen sexuellen Übergriff herausfordern: "Wenn sich eine wie eine Schlampe kleidet, dann ist sie selber schuld." Auch die Vorstellung, dass man mit einem Mann einvernehmlich Sex haben und am nächsten Tag von diesem vergewaltigt werden kann, ist nicht überall angekommen. Als hätte ein Mann dadurch einen Verfügungsanspruch auf den Körper einer Frau. Gina-Lisa Lohfink entspricht ganz offensichtlich nicht dem in der Gesellschaft fest verankerten Bild eines "echten" Opfers. Man kreidet ihr unter anderem an, dass sie durch die nun erlangte Medienaufmerksamkeit ein lukratives Angebot als Teilnehmerin des RTL-"Dschungelcamps" erhalten hat. Darüber, dass sie eine Stiftung für Opfer sexueller Gewalt einrichten möchte, wird wenig geschrieben.

Der Fall Lohfink befeuerte die Reform des deutschen Sexualstrafrechts, wonach ein "Nein" nun gilt. Solidaritätsbekundungen gab es nicht nur auf der Straße und unter dem Hashtag #TeamGinaLisa, auch die deutsche Frauenministerin Manuela Schwesig meinte, ein "Hör auf" sei deutlich.

Vergewaltigungsdebatten und Geschlechterverhältnisse

Kein anderes Verbrechen sei so aufgeladen wie das der Vergewaltigung, sagt die Journalistin und Kulturwissenschafterin Mithu M. Sanyal. In ihrem neuen Buch "Vergewaltigung – Aspekte eines Verbrechens" bezeichnet sie den Vergewaltigungsdiskurs als "eine der letzten Bastionen und Brutzellen für Geschlechterzuschreibungen". Nirgendwo sonst würden die Zuschreibungen der Geschlechterrollen so rigide verlaufen. Sanyal fragt sich, wie Vergewaltigungen verhindert werden könnten, und sieht Präventionspotenzial in allen Maßnahmen, die eine Gesellschaft (geschlechter)gerechter machen würden. Denn in den Debatten über Vergewaltigung spiegelt sich auch das Verhältnis der Geschlechter zueinander.

Der Umgang mit Vergewaltigungsprozessen und Vergewaltigungsvorwürfen sagt demnach viel darüber aus, wie es um die Geschlechterverhältnisse in einer Gesellschaft bestellt ist. Empörend. (Christine Tragler, 25.8.2016)

  • Gina-Lisa Lohfink wurde vom Gericht wegen falscher Vergewaltigungsvorwürfe verurteilt.
    foto: reuters/pool

    Gina-Lisa Lohfink wurde vom Gericht wegen falscher Vergewaltigungsvorwürfe verurteilt.

  • In den Medien wird sie unter anderem als "Partygirl", "Doppel-D-Sternchen" und "Superblondine" beschrieben.
    foto: reuters fotograf: pool

    In den Medien wird sie unter anderem als "Partygirl", "Doppel-D-Sternchen" und "Superblondine" beschrieben.

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