Mahrer wünscht sich mehr Mut in der Politik

25. August 2016, 14:23
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"Entscheidungen fallen viel zu langsam"

Wien – Staatssekretär Harald Mahrer (ÖVP) wünscht sich mehr Mut und Risikobereitschaft in der Politik: "Meine Observation nach zwei Jahren in der Bundesregierung und auch auf europäischer Ebene ist: Die Entscheidungen fallen viel zu langsam, mehrheitlich werden sie feige getroffen, und es werden faule Kompromisse eingegangen", so Mahrer bei einer Pressekonferenz am Donnerstag beim Forum Alpbach.

"Das ist vermutlich all das, was wir in Zeiten wie diesen nicht brauchen", meinte der Staatssekretär. "Wir würden mutige Entscheidungen brauchen, sollten wesentlich schneller entscheiden und manchmal nicht auf diese gewohnte Kompromissorientierung eingehen, sondern uns einfach die Faktenorientierung ansehen und sagen: Okay, das ist das Richtige, und das ist der richtige Zeitpunkt, es zu machen."

Angesichts der Herausforderungen der seiner Ansicht nach gerade erst am Anfang befindlichen digitalen Revolution müsse man die Herangehensweise ändern. "Da wird Unfassbares möglich", verwies er auf Beispiele wie den Organdruck auf Basis der 3D-Technologie, smarte Materialien oder Emotion Tracking (Emotionsmessung über physiologische Verfahren).

Hammerschmid: Schule und Unterricht neu erfinden

Auch Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) ist der Ansicht, dass Technologie die Lebenswelt der meisten Menschen in den nächsten Jahrzehnten neu gestalten wird. "Die Herausforderung wird sein: Wie begegnen wir dieser Ungewissheit? Wir haben keine Ahnung, wie unsere Arbeitswelt in 15, 20 Jahren aussehen wird."

Konsequenz: "Wir müssen Schule und Unterricht neu erfinden", sagte Hammerschmid. Zwar wisse man, dass Sprach- und Mathematikkompetenz immer zentral sein würden. Dann gehe es aber schon um Dinge wie Kreativität, Teamfähigkeit, Mut, soziale Kompetenz, Verantwortung und Entrepreneurship. "Diese Skills müssen wir einbauen", so die Ministerin, das funktioniere derzeit noch nicht ausreichend.

"Ist der Fächerkanon wirklich der richtige – oder müssen wir nicht ganz anders unterrichten?", fragte Hammerschmid. Das könne beispielsweise themenzentriert sein, wo Klimawandel etwa vom Biologie- und vom Geografielehrer gemeinsam vermittelt wird. Natürlich werde es immer Spezialisten brauchen – aber eben auch solche, die über den Tellerrand hinausblicken. Derzeit werde im Ministerium eine Gesamtstrategie im Bereich "Digital Skills" erarbeitet, so Hammerschmid. Dabei gehe es nicht nur um die Ausstattung von Schulen mit Tablets und anderen Geräten, sondern auch um die Aus- und vor allem Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte, die noch keine "Digital Natives" seien. Durch neue Technologien könne man sehr einfach personifiziertes Lernen ermöglichen: So könnten sowohl besondere Talente gefördert als auch Schwächere mit Aufgaben unterschiedlicher Levels abgeholt werden.

IV-Kapsch für Technologie-Affinität

Um die Herausforderungen der Digitalisierung zu bewältigen, müsse schon im vorschulischen Bereich angesetzt werden, waren sich die Präsidenten der Industriellenvereinigung (IV), Georg Kapsch, und des Forschungsrats, Hannes Androsch, am Mittwoch in Alpbach einig. Für Kapsch geht es um grundsätzliche Einstellungen, "wir müssen die vorherrschende Technologieaversion in Technologieaffinität umdrehen". "Wir müssen die Überzeugung untermauern, dass wir die Herausforderungen der Welt nur mit Technologie lösen können, und diese Erkenntnis muss sich bei den Menschen durchsetzen", sagte Kapsch bei einem Pressegespräch im Vorfeld der am Donnerstag beginnenden Alpbacher Technologiegespräche.

Weil der digitale Wandel alle Lebensbereiche erfassen werde, sei es notwendig, "schon im vorschulischen Alter Digital Natives zu schaffen", sagte Androsch. Wobei es für Kapsch nicht nur um die Frage geht, ob man die Grundzüge der digitalen Welt beherrscht, sondern "wie man damit umgeht und wie man sie optimal für sein persönliches, geistiges, wirtschaftliches Fortkommen einsetzt".

Kritik an Mittelmaß

Einig waren sich Kapsch und Androsch auch in ihrer Kritik am "Mittelmaß" Österreichs, etwa in der Innovation. Einen der Gründe dafür sieht Kapsch in der Struktur der Forschungsförderung, die kürzlich auch der Rechnungshof kritisiert hat. Für Kapsch ist diese "so zerklüftet und klein, klein zergliedert", mit zu gering dotierten Fördertöpfen. Alles sei "zu kleingliedrig, sowohl auf Bundesebene als auch über die verschiedenen Gebietskörperschaften hinweg, wir haben Doppelförderungen, keine Konzentration der Mittel auf ganz bestimmte Themen, wir haben die Forschungsförderung über Ministerien verteilt, anstatt einmal ein Innovationsministerium zu machen", so Kapsch. Auf welche Themen man sich konzentrieren sollte, wollte der IV-Chef nicht sagen, "aber man sollte nicht Krethi und Plethi fördern, sondern überlegen, wo hat Österreich Stärken – und diese sollte man ausbauen".

Auch Androsch betonte, dass man nicht alles machen könne, "man muss die Kunst der Reduktion und Fokussierung üben, aber dort klotzen und nicht mit der Gießkanne herumkleckern". Androsch nannte konkrete Beispiele: So ist er etwa skeptisch, ob sich Österreich so massiv bei autonomen Fahrzeugen engagieren sollte, weil "es noch lange nicht praktikabel sein wird". Dagegen zähle man in Innsbruck in der Quantenphysik zur Weltklasse, deshalb wäre es wert, dort ein europäisches Projekt für Quantencomputer aufzusetzen. Im Zusammenhang mit dem Generalthema des diesjährigen Europäischen Forums Alpbach – "Neue Aufklärung" – sieht Androsch die von Karl Popper propagierte "offene Gesellschaft" "heutzutage an allen Ecken von innen und außen mehr als gefährdet". Die offene Gesellschaft wisse um die Notwendigkeit der Veränderung und sei bereit dazu, während die verkrustete Gesellschaft veränderungsavers sei.

Aufbruch gefragt

Auch Kapsch meint, "ja, wir brauchen einen Aufbruch, einen geistigen Wandel, Mut und Willen zu massiven Veränderungen – die Bevölkerung trägt das auch mit, wenn man transparent ist". Früher sei es sowohl für Arbeitnehmer als auch für Unternehmer "einfacher, angenehmer und ruhiger gewesen, die Welt ist aber dynamischer und wilder geworden, und jetzt stehen wir vor der Entscheidung, wollen wir den Wohlstand bewahren, ausbauen wird ohnedies nicht mehr möglich sein, oder wollen wir am Ende 'happy people on a sinking boat' sein". (APA, 25.8.2016)

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