Wer wenig schläft, entscheidet weniger rational

26. August 2016, 05:30
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Neue Forschung zeigt: Wer wenig schläft, entscheidet risikofreudiger, auch im Job. Warum das nicht immer gut ist, erklärt Psychologin Vicki Culpin

Wir schlafen zu wenig: im Schnitt sechseinhalb Stunden. Das hat Schlafforscherin Vicki Culpin in einer groß angelegten Studie mit mehr als 1000 Berufstätigen herausgefunden. Laut American Sleep Association benötigen gesunde Erwachsene im Alter von 20 bis 60 Jahren jedoch im Schnitt zwischen sieben und neun Stunden Schlaf pro Nacht, um gesund zu bleiben. Schlafentzug führt zu Kopfschmerzen und Konzentrationsschwäche. Wer zu wenig schläft wird von anderen gar als weniger intelligent wahrgenommen, zeigten schottische Forscher. Die Culpin, die an der Business School Ashridge Executive Education lehrt und forscht, hat jedoch noch weitere Folgen von Schlafmangel ausgemacht – und zwar am Arbeitsplatz: Schwierigkeiten mit Kollegen zu interagieren, sich in Meetings zu konzentrieren und sogar eingeschränkte soziale Fähigkeiten.

Risikofreudiger entscheiden

"Bei manchen Menschen verlangsamt sich die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen", sagt Culpin auf der Messe Zukunft Personal in Köln. Weil sie nicht alle Informationen rational aufnehmen, fällen sie riskantere Entscheidungen. Dies ließe sich sowohl bei Personen beobachten, die von Natur aus sehr risikofreudig seien als auch bei solchen, die sonst eher Risiko scheuten. Erschwerend komme hinzu, dass die Unausgeschlafenen einer solchen riskanten Entscheidung, egal ob richtig oder falsch, mehr vertrauten. Insgesamt berichteten Mitarbeiter davon noch stärker betroffen zu sein als solche in höheren Führungspositionen. "Schlafmangel betrifft nicht nur die Beschäftigen, die den höchsten Verantwortungsdruck und entsprechenden Stress haben. Das ist ein unternehmensweites Problem – vom Mitarbeiter bis zum CEO."

Manager prahlen mit Schlafentzug

Es könne jedoch auch sein, dass die Mitarbeiter der niedrigeren Hierarchien eher bereit sind, offen über die Auswirkungen von schlechtem Schlaf zu sprechen. "Weil das für sie kein Karrierekiller ist", mutmaßt Culpin. Daher würden sie die Auswirkungen von Schlafmangel vielleicht eher verschleiern – oder geben im Gegenteil sogar damit an, mit wenig Schlaf auszukommen. Prominente Beispiele sind Marissa Mayer von Yahoo, Tesla-CEO Elon Musk oder US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump.

Aber es gibt auch einen Gegentrend: Erste Top-Führungskräfte wie Arianna Huffington werben mit Schlaf als Erfolgsrezept. Möglicherweise ein Grund für den Change in den Köpfen vieler Personalverantwortlicher – auf deren Corporate-Health-Agenda würde zunehmend auch Schlaf stehen, sagt Expertin Colpin. Mark Bertolini, CEO bei Aetna, einem der größten Krankenversicherer der USA, kündigte unlängst gar eine Art Schlaf-Bonus für Mitarbeiter an. Wenn Angestellte mittels Fitness-Tracker beweisen können, dass sie 20 Nächte hintereinander mindestens sieben Stunden geschlafen haben, sollen sie 25 Dollar pro Nacht mehr Gehalt bekommen. (lib, 26.8.2016)

Der KarrierenSTANDARD gibt Tipps für einen erholsamen Schlaf:

• Mindestens eine Stunde vor dem Zu-Bett-Gehen alle elektronischen Geräte abschalten – sagt auch der Wiener Neuropsychologe Johann Beran. "Fernseher und Internet sind Aufregungshilfen, keine Entspannung."

• Dimmt man die Beleuchtung, schüttet der Körper das Schlafhormon Melatonin aus. Für Smartphones gibt es bereits Apps, die die Zusammensetzung des Bildschirms nach Tageszeit verändern: Nach Sonnenuntergang gibt es mehr gelbe und rote, aber weniger blaue Anteile, mit dem Sonnenaufgang kommen die blauen Wellenlängen wieder dazu.

• Jegliche Technik aus dem Schlafzimmer verbannen. Dazu Experte Beran: "Machen Sie ihr Schlafzimmer zur finsteren Höhle, weil wir immer noch Höhlenmenschen sind."

• Auch tagsüber sind Online-Pausen wichtig: Smartphone und Tablet mehrmals pro Tag bewusst zur Seite legen und "nicht auf jede einzelne Benachrichtigung reagieren wie ein Pawlow'scher Hund", rät der US-Psychologieprofessor Larry Rosen. Er erforschte in einer großangelegten Studie die sogenannte "Fear of missing out", die Angst etwas zu verpassen. Geräte abschalten wirke dagegen.

• Aktivitäten im Freien helfen, das Bewusstsein auf das Hier und Jetzt zu lenken – Achtsamkeitstraining, eigene Bedürfnisse und Nöte wieder zu spüren und abzuschalten. Die radikalere Maßnahme: Eine Woche Camping in der Natur. Wie ein Experiment von Wissenschaftern der Uni Colerado zeigte. passt sich die innere Uhr des Menschen an den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus an – und mindert Schlafstörungen.

• Eine digitale mögliche Lösung hat Schlafexperte Colin Epsie: Der Professor an der University of Oxford entwickelte "Sleepio". Die Applikation verspricht, den Schlaf durch personalisierte Beratung wieder auf ein gesundes Level zu bringen.

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  • Schlafentzug führt zu Kopfschmerzen und Konzentrationsschwäche – aber zu riskanteren, oft irrationalen Entscheidungen.
    foto: istock

    Schlafentzug führt zu Kopfschmerzen und Konzentrationsschwäche – aber zu riskanteren, oft irrationalen Entscheidungen.

  • Wenn Mitarbeiter genug schlafen, wirke sich das positiv für den Unternehmenserfolg aus, erkannte Mark Bertolini, CEO bei Aetna. Der Manager führte deshalb einen Schlaf-Bonus ein.
    foto: istock

    Wenn Mitarbeiter genug schlafen, wirke sich das positiv für den Unternehmenserfolg aus, erkannte Mark Bertolini, CEO bei Aetna. Der Manager führte deshalb einen Schlaf-Bonus ein.

  • US-Topmanagerin Marisa Mayer (Yahoo) rühmt sich damit, mit wenig Schlaf auszukommen. Pepsi-Chefin Indra Nooyi steht morgens um vier Uhr auf. Disney-Vorstandschef Robert Iger hält es bis 4.30 Uhr im Bett.
    foto: apa/afp/getty images/stephen lam

    US-Topmanagerin Marisa Mayer (Yahoo) rühmt sich damit, mit wenig Schlaf auszukommen. Pepsi-Chefin Indra Nooyi steht morgens um vier Uhr auf. Disney-Vorstandschef Robert Iger hält es bis 4.30 Uhr im Bett.

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