Pressestimmen zum türkischen Einmarsch in Syrien

25. August 2016, 08:20
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"NZZ": Kurden sind im Vergleich zum IS das wichtigere Ziel – "FAZ": Türkei will Freier Syrischer Armee zu Renaissance verhelfen

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

"Die Türkei hatte lange gezögert, direkt in den Krieg im Nachbarland Syrien einzugreifen. Zwar hatte Ankara seine Hände stets im Spiel und unterstützte etwa die Gruppen, die den Sturz des syrischen Machthabers Assad wollen. Immer hat die türkische Armee die zivile Führung in Ankara aber vor einem direkten militärischen Eingreifen gewarnt. Dass dies jetzt geschieht, hat zwei Gründe: Der Terror, mit dem der IS die Türkei überzieht, und die Notwendigkeit, jenseits der Grenze einen kurdischen Korridor zu verhindern. In der Pufferzone um die Stadt Dscharabulus, um die jetzt gekämpft wird, soll nicht länger der IS geduldet werden; vielmehr will die Türkei dort der "Freien Syrischen Armee" zu einer Renaissance verhelfen.(...)

"De Standaard" (Brüssel):

"In Syrien, dem Land der unzähligen Fronten, hat die Türkei die nächste Phase des Krieges eröffnet. Türkische Panzer, Elitesoldaten und Kampfflugzeuge haben die Terrormiliz 'Islamischer Staat' (IS) aus der Gegend rings um den Grenzort Jarablus vertrieben. Die Zeiten sind vorbei, in denen die Türkei ruhig zuschauen konnte, wie sich ihre Feinde – vor allem der IS und die Kurden – gegenseitig bekämpfen. Jetzt hat der Kampf um das Territorium begonnen, das vom IS gesäubert wird. Da kann die Türkei nicht vom Rand aus zuschauen. Sie will um jeden Preis verhindern, dass die Kurden aus einer autonomen Zone an ihrer Grenze ein Gebilde formen, das einem Staat gleicht. (...)

Die Türkei geht außenpolitisch entschlossener vor. Eine regionale Großmacht, die auf Terror mit Krieg antwortet und die gewagte Allianzen eingeht. Eine neues Bündnis zeichnet sich ab zwischen (Staatspräsident Recep Tayyip) Erdogan und (dem russischen Präsidenten Wladimir) Putin. Absehbar ist eine von gegenseitigem Verständnis geprägte Beziehung mit jener Koalition, die Putin mit (dem syrischen Präsidenten Bashar al-)Assad und dem Iran schmiedet. Das ist ein unheilvoller Club. Der Krieg an Syrien beginnt die Weltkarte zu verändern."

"Neue Zürcher Zeitung":

"In Wahrheit aber geht es Ankara nicht in erster Linie um die Mörderbande des IS. Deren Präsenz hinter dem Grenzzaun duldete man gerne, solange die Kurden in Schach gehalten werden konnten. Das wichtigere Ziel des türkischen Vormarsches sind die kurdische 'Partei der Demokratischen Union' (PYD) und ihre YPG-Miliz, die sich seit 2011 den größten Teil Nordsyriens gesichert haben und auf diesem eine Art Staat ins Leben riefen. (...)

Die Unterdrückung kurdischer Autonomiebestrebungen zählt aber seit je zur Staatsräson in der Türkei. Sie erklärt, warum Regierung und Generalität in dieser Frage stets an einem Strang ziehen und warum Erdogan den IS und die YPG auf eine Stufe stellt – obwohl die syrische Kurdenmiliz bisher nachweisbar keinen einzigen Terroranschlag auf türkischem Boden verübt hat. Dass sich die Türkei nicht länger nur mit Spezialeinheiten in den 'syrischen Sumpf' begeben würde, war letztlich eine Frage der Zeit."

"Kölnische Rundschau":

"Ankara versucht, die Islamisten von der eigenen Staatsgrenze zu vertreiben und zugleich zu verhindern, dass die von syrischen Kurden beherrschten Gebiete westlich und östlich des IS-Gebiets zusammenwachsen. Ein zusammenhängendes Territorium syrischer Kurden im Anschluss an das türkische Kurdengebiet ist der ultimative Albtraum Ankaras. Der Besuch des US-Vizepräsidenten Joe Biden in der Türkei, der geheimdienstliche und gar militärische Unterstützung anbot, deutet auf eine Vereinbarung hinter den Kulissen hin: Die Kurdenmilizen, 'Washingtons Bodentruppen' im Kampf gegen den IS, und die türkische Armee sollen sich bei der Bekämpfung des gemeinsamen Feindes nicht in die Quere kommen. Ob dieser fragile Pakt jedoch lange Bestand hat, ist zu bezweifeln."

"Neue Osnabrücker Zeitung":

"Mit der Aktion dreht die türkische Regierung erneut an der Eskalationsschraube. Nordsyrien ist ein blutiges Spielfeld der Großmächte. Jede protegiert unterschiedliche Milizen. Keine sagt die ganze Wahrheit über ihre Ziele und Methoden. Das bereitet den Boden für Schlimmeres. Eine russisch-amerikanische Konfrontation rückt in den Bereich des Möglichen. Einziger Lichtblick ist der Dialog zwischen den USA und der Türkei beim Besuch von US-Außenminister Biden. An dem Austausch jenseits des nutzlosen UN-Sicherheitsrats muss sich auch Russland beteiligen. Berechenbarkeit durch Dreiergespräche ist vorläufig die beste Versicherung gegen das totale Chaos." (APA, 25.8.2016)

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