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Analyse28. August 2016, 08:00

"Ist das wirklich sicher?"
"Da ist doch vor kurzem etwas passiert!"
"So, wie es dort politisch zugeht, möchte ich da nicht hin."

In der Urlaubsplanung ist die Sicherheitslage im potenziellen Zielland eine wichtige Entscheidungsgrundlage. Die Gästezahlen eines Landes sind ein unmittelbarer Seismograf für Unsicherheit und Angst. Aber wie beeinflussen Terrorangriffe, politische Instabilität und Revolutionen den Tourismus im Detail? Wir haben die Entwicklungen in drei Zielländern analysiert: Frankreich, Türkei, Ägypten.

Das Hotel de Louvre gegenüber dem gleichnamigen Museum in Paris.

Paris & Frankreich

"Ein Desaster für unsere Branche": So sieht Frédéric Valletoux die aktuellen Gästezahlen für Paris. Er ist Leiter des Tourismusverbands. Valletoux berichtet von Besuchereinbrüchen am Triumphbogen (minus 35 Prozent), am Grand Palais (minus 44 Prozent) und dem Schloss Versailles (minus 16 Prozent). 750 Millionen Euro seien der Metropole dadurch entgangenen. "Wir brauchen einen Hilfsplan", sagt Valletoux. Fast acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts kommen in Frankreich aus dem Tourismus. Steuert das Land auf einen langfristigen Abwärtstrend zu?

Internationale Gäste meiden Paris, aber ein Abwärtstrend für Frankreich selbst ist (noch) nicht erkennbar. Das geht aus einer Analyse der Ankunftszahlen des Tourismusverbandes sowie aus Eurostat-Daten hervor.

Für Paris zeichnet sich unmittelbar nach dem Anschlag des "Islamischen Staats" im November ein starkes Minus ab. Bei dem Angriff auf die Bataclan-Konzerthalle, Bars und Restaurants sowie das Stade de France wurden 130 Menschen getötet. Vorherige Attentate, wie etwa auf das Büro des Satiremagazins "Charlie Hebdo" mit 17 Opfern im Jänner 2015, haben sich nicht oder nur geringfügig auf das Reiseverhalten ausgewirkt. Der Ausnahmezustand im Land, den die Nationalversammlung bis Ende Jänner verlängert hat und der seit den November-Anschlägen gilt, ist an den Ankunftszahlen klar abzulesen.

Im Gegensatz dazu ist die Zahl der Ankünfte von Franzosen in der Hauptstadt moderater gefallen.

Für Frankreich als Nation entwickeln sich die Gästezahlen bis dato weniger negativ. Die jüngsten Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat reichen bis zum Mai dieses Jahres – also vor der Europameisterschaft und vor dem Anschlag an der Küste von Nizza. In den Beherbergungsbetrieben ist im Monat nach dem Anschlag im November ein klarer Rückgang an internationalen Gästen zu verzeichnen: minus 16 Prozent. Für im eigenen Land verreiste Franzosen gilt das nicht: minus 0,02 Prozent. Macht ein Gesamtminus bei Ankünften in Hotels, Gasthöfen, Pensionen, Ferienunterkünften und Campingplätzen von vier Prozent. In den Folgemonaten war die Entwicklung im Vergleich zu den Vorjahreszahlen nicht negativ. Die Nettobelegungsrate der Schlafgelegenheiten ist um ein bis zwei Prozent gesunken. Ein Abwärtstrend ist saisonbereinigt noch nicht ersichtlich.

Mit den exakten Daten der Sommermonate und den nächsten Monaten könnte der Trend kippen. Außenminister Jean-Marc Ayrault sagte am Dienstag, dass dieses Jahr sieben Prozent weniger Touristen nach Frankreich gekommen seien als im Vergleichszeitraum des Vorjahrs. Vor allem wohlhabende Gäste und Touristen aus Asien würden ausbleiben.

Die Sultan-Ahmed-Moschee in Istanbul.

Türkei

Bereits länger in einer Abwärtsspirale ist die Tourismusbranche der Türkei – das war sie auch schon vor dem Putschversuch im Juli. Seit August 2015 hat es in keinem einzigen Monat einen Zuwachs bei den monatlich ankommenden ausländischen Gästen gegeben. Das negative Entwicklung hat sich Monat für Monat verschärft. Im Juni zählte das Tourismusministerium 40 Prozent weniger Gäste als ein Jahr davor.

Vor allem Gäste aus Russland bleiben aus. Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets verhängte Präsident Wladimir Putin Sanktionen gegen die Türkei, die vor allem den Tourismus trafen. Charterflüge wurden eingestellt, russische Reiseveranstalter durften keine Urlaube in die Türkei anbieten.

Ein Drittel weniger Besuche aus Österreich

Die Besucherzahlen brachen ein: Im ersten Halbjahr 2016 gastierten 87 Prozent weniger Russen in der Türkei als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs. Mit etwa vier Millionen Gästen pro Jahr ist Russland einer der wichtigsten Märkte für die Türkei. Aus Österreich sind ein Drittel weniger Gäste angekommen. Das ist für den Sektor weniger tragisch, weil nur jeder hundertste Tourist in der Türkei aus Österreich kommt.

Ein Ende der Krise ist nicht abzusehen, obwohl sich Ankara und Moskau ausgesöhnt haben: Seit dem Putschversuch gilt der Ausnahmezustand, es gab weitere Terroranschläge und die erste Bodenoffensive türkischer Truppen in Nordsyrien.

foto: ap / petros giannakouris
Die Pyramiden von Gizeh nahe Kairo.

Ägypten

Dauerhaft in der Krise steckt die ägyptische Tourismusbranche. Seit dem Beginn der Revolution im Jänner 2011 haben die Gästezahlen nie wieder das Niveau vor dem Umbruch erreicht.

Als sich die Lage zu erholen schien, entmachtete das Militär Staatspräsident Mohammed Morsi. Ende Oktober 2015 stürzte eine Passagiermaschine mit russischen Touristen über dem Sinai ab, 224 Insassen wurden bei dem Anschlag getötet. Die Gästezahlen rutschten daraufhin erneut nach unten. Im Jänner lag das Niveau bei 35 Prozent der Zahlen vor der Krise.

Die politische Instabilität hat das Vertrauen der Touristen nachhaltig negativ beeinflusst. Dagegen waren Besucherrückgänge nach Terroranschlägen meist von kurzer Dauer. Um das Vertrauen wiederzuerlangen, dürfen sich Anschläge nicht wiederholen. Dann könnte auch Frankreich eine langfristige negative Entwicklung abwenden. Eine erste Charmeoffensive hat bereits begonnen. (Gerald Gartner, Markus Hametner, 28.8.2016)

Wissen: Wie werden saisonbereinigte Daten errechnet?

Im Rahmen der Saisonbereinigung haben wir die Monatsdaten in Komponenten geteilt: die zyklische, die saisonale und den Trend. Dargestellt wird in den Grafiken die Trendkomponente. Berechnet haben wir die Daten mit der Programmiersprache R und der Software X-13ARIMA-SEATS.