Will Österreich überhaupt noch Spitzensport?

Userkommentar24. August 2016, 12:14
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Österreichs Meister mit dem Säbel hat Olympia knapp verpasst, nun sagt er: Ich gebe auf, die Vernunft hat gesiegt

Wie kann es sein, dass Österreich Millionen Euro Steuergelder ausgibt und bei Olympia mit einer Bronzemedaille bilanziert? Wie kann es sein, dass Ungarn in Rio zeitgleich fünfzehn Medaillen gewinnt? Es ist keine Frage der Einwohnerzahl, und es ist auch keine Frage des Geldes. Die Probleme liegen anderswo.

In San Francisco sagte ich einst in einer Bar: "Ich bin Sportler, österreichischer Meister mit dem Säbel, und verdiene meinen Lebensunterhalt mit dem Sport." Eine Gruppe Menschen stand um mich herum, sie fingen an mich zu googeln, stellten Fragen, interessierten sich. In Österreich hüte ich mich vor solchen Aussagen, denn zumeist folgt ein Augenrollen.

Sport oder Studium?

Als ich meine Trainingslager mit den Dozenten an der Universität Wien koordinieren wollte, hieß es: "Sie müssen sich entscheiden: Wollen Sie Sport machen oder studieren?" Ich entschied mich für den Sport.

In meinem Alter sollte man seinen Master in der Tasche und Praktika absolviert haben, um beruflich erfolgreich sein zu können. Wenn ich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen werde, kann ich kaum sagen, dass ich es zwischen 18 und 30 fast zu den olympischen Spiele geschafft hätte. Ich würde mich lächerlich machen.

Der Wert des Spitzensports

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Spitzensport keinen Wert (mehr) hat. Ich muss gegen Sportler antreten, die sich mit einer Medaille zu Millionären machen können. Wie kann ich mit diesen Gegnern konkurrieren? Ich werde auch nicht zum Helden, wenn ich es zu den Spielen schaffe. Selbst eine Medaille bringt mich lediglich für ein paar Tage in die Schlagzeilen.

In anderen Ländern wird alles von den Verbänden organisiert. Das ist in Österreich nicht anders – allerdings nur in "großen" Sportarten. Wenn Skifahrer per Hubschrauber zu Rennen geflogen werden, während ich alle Flüge buchen und vorstrecken muss, Trainingsanzüge für Weltmeisterschaften aus eigener Tasche bezahle, verliere ich das Gefühl, etwas wertvolles zu leisten.

Ein Haufen Verrückter

Wenn ich jedoch die Energie, die ich in den Sport fließen ließ, in meine akademische Karriere gesteckt hätte, hätte ich bereits einen Doktortitel. Welcher 18-Jährige wählt die Option "Trainieren bis zum Umfallen, keine Ausbildung, täglich mindestens eine Stunde administrative Tätigkeiten, jedes Jahr um Förderungen zittern, keine Perspektive nach 35 – und wenn die Leistung nicht mehr mit den Anforderungen übereinstimmt, fallen gelassen werden wie eine heiße Kartoffel"?

Trotzdem geht es nicht um Geld, kein einziger Sportler den ich kenne, übt seinen Sport um des Geldes Willen aus, denn mit dem gleichen Einsatz könnte man in einem anderen Beruf ein Vielfaches verdienen. Wir sind ein Haufen Verrückter, die jede Vernunft über Bord werfen und unser Leben dem Leistungssport widmen. Wären wir Helden, geliebt und getragen von der Gesellschaft, wäre uns allen das Geld egal, wir würden nicht so laut danach schreien, sondern uns die Anerkennung über den Jubel holen.

Auf der anderen Seite kann ich jeden verstehen, der nicht möchte, dass sein Steuergeld für diesen "Unsinn" ausgegeben wird. Mit der Bezeichnung "Unsinn" ist der Sport jedoch tot, damit wird ihm der nicht fassbare Wert genommen.

Es muss die Frage gestellt werden, ob wir als Gesellschaft Spitzensport in dieser Form überhaupt noch wollen. Sich als Nation nicht mehr über sportliche Einzelleistungen zu definieren, erscheint mir heutzutage absolut schlüssig.

Ich gebe auf, ich bin nicht gut genug, nicht stark genug und vor allem nicht erfolgreich genug. Oder mit anderen Worten: Die Vernunft hat gesiegt. (Matthias Willau, 24.8.2016)

Matthias Willau (24) aus Wien ist amtierender österreichischer Meister mit dem Säbel. Die Qualifikation für die olympischen Spiele von Rio hat er im letzten Kampf um zwei Punkte verpasst. Mit dem Fechtsport begann er im Alter von elf Jahren, sechs Jahre später war er U17-Vizeweltmeister. Derzeit studiert er in Köln Volkswirtschaft.

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    foto: judith mareich

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  • Der Säbelfechter in Aktion: "Kein einziger Sportler den ich kenne, übt seinen Sport um des Geldes Willen aus."
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