Posse um Sitzplatz im Zug: Labour-Chef Corbyn erntet Spott

24. August 2016, 17:07
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Politiker fand nach eigenen Angaben nur auf dem Boden Platz – Die Bahngesellschaft wehrte sich mit Überwachungsaufnahmen

Jeremy Corbyn, Chef der britischen Labour Party, kämpft derzeit um den Vorsitz seiner Partei. Seit dieser Woche kämpft er auch um seine Glaubwürdigkeit.

Corbyn war Anfang August mit einem Zug auf dem Weg von London nach Newcastle, um dort in einer Debatte gegen seinen Gegner Owen Smith anzutreten. Eine Woche später, am 16. August, wurde auf der Webseite des "Guardian" ein Video von der Fahrt veröffentlicht, in dem Corbyn auf dem Boden des Zuges sitzend den Zustand des privatisierten Bahnbetriebs in Großbritannien kritisiert.

foto: screenshot/guardian
Ein Video, das auf der Webseite des "Guardian" veröffentlicht wurde, zeigt den Labour-Chef auf dem Boden eines Zuges der Bahngesellschaft Virgin Trains sitzen.

"Das ist ein Problem, das viele Passagiere jeden Tag betrifft, Pendler und Reisende auf langen Strecken. Dieser Zug heute ist komplett überfüllt. Die Mitarbeiter sind großartig und versuchen allen zu helfen", sagte Corbyn in die Kamera. Ein Upgrade in die erste Klasse der betreibenden Zuggesellschaft Virgin Trains lehnte Corbyn im Video öffentlichkeitswirksam ab. "Die Realität ist, dass es nicht genug Züge gibt, wir brauchen mehr davon – außerdem sind sie unglaublich teuer." Das ganze Erlebnis sei ein Beispiel für eine Wiederverstaatlichung des Bahnbetriebs, so Corbyn.

Gegenschlag von Richard Branson

Doch der Labour-Chef hat nicht mit dem Eigentümer von Virgin Trains, dem exzentrischen Milliardär Richard Branson, gerechnet. Dieser veröffentlichte diese Woche Aufnahmen aus den Überwachungskameras des Zuges, die zeigen sollen, dass in dem Zug nicht nur Sitze frei waren, sondern dass Corbyn sogar an freien Sitzen vorbeiging, bevor er das Videos von sich filmen ließ und sich auf den Boden setzte. "Herr Corbyn und sein Team sind an leeren, nichtreservierten Sitzplätzen in Wagen H vorbeigegangen, bevor sie durch den Rest des Zuges ans äußerste Ende liefen, wo sich sein Team auf den Boden setzte und zu filmen begann", kritisierte Virgin in einer Erklärung.

Eine Aufnahme zeigt Corbyn um 11.10 Uhr, also zehn Minuten nachdem der Zug aus London abgefahren ist, wie er an offenbar unbesetzten und nichtreservierten Sitzen vorbeigeht.

foto: virgin trains (cc by 3.0)

Eine zweite Aufnahme, diesmal von 11.43 Uhr, also 15 Minuten nachdem das Video gefilmt worden ist, zeigt, wie sich Corbyn auf einen Platz setzt.

foto: virgin trains (cc by 3.0)

Dem "Guardian" zufolge verteidigt sich Corbyn damit, dass zwar einige Sitze frei gewesen seien, diese aber nur Einzelsitze gewesen seien und er gemeinsam mit seiner Frau sitzen habe wollen. Außerdem seien Plätze zwar nicht mit Reservierkarten, aber mit Kleidungsstücken reserviert gewesen. Darüber hinaus habe er erst dann auf einem Doppelsitz Platz nehmen können, als andere Passagiere ein Upgrade für die erste Klasse erhalten hätten.

Auch andere Passagiere, die in dem Zug reisten, verteidigen Corbyn und behaupten, dass der Zug überfüllt war.

Auch der Filmemacher Charles Anthony, der Corbyn begleitete und das Video des Labour-Chefs filmte, bestätigt die Version Corbyns.

In den sozialen Netzwerken erntete Corbyn dennoch Spott. Die Angelegenheit wurde unter dem Schlagwort "#traingate" diskutiert.

Der Politikveteran Corbyn war im September bei der ersten Labour-Urwahl mit großer Mehrheit von der Basis zum Vorsitzenden gewählt worden und genießt weiterhin großen Rückhalt bei den Parteimitgliedern. In der Parlamentsfraktion findet der Vertreter des linken Flügels aber keinen Rückhalt: Bei einer Vertrauensabstimmung votierten Ende Juni mehr als 80 Prozent der Labour-Abgeordneten gegen ihn. (stb, 24.8.2016)

Update 17:00 Uhr: Wie der "Independent" berichtet, hat der britische Kommissar für Information Ermittlungen gegen Virgin Trains eingeleitet, da die Veröffentlichung der CCTV-Aufnahmen aus dem Zug, die Corbyn zeigen, wie er einen Sitzplatz einnimmt, möglicherweise gegen den Data Protection Act verstoßen.

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