Mindestens 120 Tote und dutzende Verletzte bei schwerem Erdbeben in Mittelitalien

24. August 2016, 16:06
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Hilfskräfte suchen nach 150 Vermissten – Epizentrum in der Nähe von Perugia

Rom – Bei dem schweren Erdbeben in Mittelitalien sind nach den Worten von Regierungschef Matteo Renzi mindestens 120 Menschen umgekommen. "Und diese Bilanz ist nicht endgültig", sagte Renzi am Mittwochabend bei einem Besuch in der Region. Nach wie vor werden 150 Menschen vermisst. Die Erdstöße, deren Epizentrum nahe der Ortschaft Norcia in der Provinz Perugia lag, erreichten eine Stärke von 6,2, wie das US-Erdbebenzentrum USGS mitteilte. Premier Matteo Renzi kündigte an, die am stärksten betroffenen Gebiete noch am Mittwoch besuchen zu wollen. Sein Büro stellte ein Video von seinem Statement auf Twitter zur Verfügung.

Die Sachschäden sind enorm. Der Zivilschutz zog Vergleiche mit dem Erdbeben in L'Aquila im Jahr 2009, bei dem 300 Menschen gestorben waren. Am stärksten betroffen waren Accumoli, Amatrice, Posta und Arquata del Tronto. Dichtbesiedelte Gebiete scheinen jedoch verschont geblieben zu sein, da sich das Beben in einer Bergregion ereignete, in der mehrere Nationalparks liegen. Das Beben führte in zahlreichen Gemeinden zu Stromausfällen, insgesamt waren rund 70.000 Haushalte betroffen. Probleme gab es im regionalen Bahnverkehr, da die Staatsbahnen die Sicherheit der Anlagen überprüften.

Am stärksten betroffen war nach Medienangaben der Ort Arquata in der Region Marken, wo zehn Tote und 20 Verletzte gemeldet wurden. Allein in dem Ort Amatrice gebe es 35 Opfer, weitere elf in Accumoli.

"Jetzt, wo die Sonne aufgegangen ist, sehen wir, dass die Lage schlimmer ist als befürchtet", sagte Stefano Petrucci, der Bürgermeister von Accumoli in der Region Latium, dem Epizentrum des Erdbebens. Dort gibt es mindestens sechs Tote.

"Drei Viertel des Ortes sind weg"

Amatrices Bürgermeister Sergio Pirozzi sagte, es seien Menschen unter eingestürzten Gebäuden eingeschlossen. Ziel sei es nun, so viele Verschüttete zu retten wie möglich. "Drei Viertel des Ortes sind weg." Auch das Krankenhaus wurde schwer beschädigt, Patienten wurden auf die Straße in Sicherheit gebracht.

Die Kleinstadt rund 140 Kilometer von Rom entfernt gibt es mindestens fünf Tote. Die Gemeinde ist isoliert, da Geröll die Straßen blockierte. Eine Brücke, die nach Amatrice führt, stürzte teilweise ein, was die Rettungsarbeiten erheblich erschwerte. Die Regierung entsandte Soldaten, um Hilfe zu leisten.

Berggemeinden betroffen

Zwei Todesopfer wurden in Pescara del Tronto in der Region Marken gemeldet, darunter mindestens ein Kind. Rettungsmannschaften arbeiten gegen die Zeit, um dutzende Menschen aus den Trümmern zu holen.

Das Erdbeben hatte die gesamte Region zwischen Umbrien, Latium und den Marken erschüttert. In der Hauptstadt Rom war es deutlich zu spüren, es folgten mehrere kräftige Nachbeben. Die gesamte Gemeinde Arquata in der Region Marken wurde aus Sicherheitsgründen evakuiert.

Auch in südlichen Regionen von Kärnten und der Steiermark war das Beben spürbar, vor allem in oberen Stockwerken von Hochhäusern, berichtete der Erdbebendienst der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik.

Hypozentrum in vier Kilometern Tiefe

Eine Angstnacht erlebte auch die umbrische Kleinstadt Norcia, Geburtsort des heiligen Benedikt. Schäden wurden in der Kathedrale gemeldet. Die vielen Touristen, die sich in der Ortschaft befinden, strömten in Panik auf die Straßen.

Das Hypozentrum lag in einer Tiefe von vier Kilometern. Nach dem ersten Erdbeben um 3.36 Uhr kam es zu einem Nachbeben der Stärke 4,9 auf der Richterskala. Ein weiteres Nachbeben wurde gegen 6 Uhr in Arquata gemeldet.

Für obdachlos gewordene Personen sollen zwei Zeltstädte in Pescara und Arquata del Tronto aufgebaut werden. Zunächst sollten dort an die 50 Zelte aufgestellt werden, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf den Chef des Zivilschutzes der Region Marken, Cesare Spuri. Auch in Sporthallen sollen Menschen untergebracht werden. Nach ersten Schätzungen sind mehrere tausend Menschen ohne Unterkunft, darunter auch zahlreiche Touristen.

Papst trauert

Papst Franziskus trauert um die Toten des Erdbebens. Bei der Generalaudienz am Mittwoch verzichtete er auf die Katechese und bat die Pilger, mit ihm den Rosenkranz für die Todesopfer und die Verletzten zu beten. Er dankte den Rettungseinheiten und dem Zivilschutz für ihren Einsatz.

Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) schrieb am Montag auf Twitter an seinen italienischen Amtskollegen Paolo Gentiloni: "Wir bieten unsere bestmögliche Unterstützung an. Meine Gedanken sind bei den Opfern und Angehörigen." (APA, Reuters, red, 24.8.2016)

Hinweis: Dieser Artikel wird laufend aktualisiert.

Wissen: Schwere Erdbeben in Italien

20. Mai 2012: Durch Erdstöße in der Region Emilia Romagna kommen 27 Menschen ums Leben, 14.000 werden obdachlos.

6. April 2009: Ein schweres Beben reißt in der mittelitalienischen Region Abruzzen mit ihrer Hauptstadt L'Aquila rund 300 Menschen in den Tod. Nach Stößen mit einer Stärke von mehr als 6,0 sind Zehntausende obdachlos.

31. Oktober 2002: Unter Erdstößen der Stärke 5,4 bricht eine Volksschule in der Kleinstadt San Giuliano di Puglia zusammen. Unter den 30 Toten sind 27 Erstklässler und eine Lehrerin.

26. September 1997: Ein Beben der Stärke 5,7 in den Apenninen-Regionen Umbrien und Marken beschädigt in 77 Orten etwa 9.000 Gebäude. Betroffen ist auch die Basilika von Assisi. Zwölf Menschen sterben in den Trümmern oder bei Herzinfarkten.

13. Dezember 1990: Erdstöße der Stärke 5,9 reißen 19 Einwohner in Ost-Sizilien in den Tod und machen 500 obdachlos. Besonders stark betroffen sind Syrakus und Carlentini.

11. Mai 1984: L'Aquila und benachbarte Provinzen werden von einem Erdbeben der Stärke 5,2 heimgesucht. Drei Menschen sterben, 27.000 werden obdachlos. Rund 150 Kirchen und andere historische Bauten werden schwer beschädigt.

23. November 1980: Mindestens 3.000 Menschen sterben, als in Neapel und 100 weiteren Orten der Region Kampanien die Erde bebt. Die Erdstöße erreichen die Stärke 6,5.

6. Mai 1976: Ein Beben mit der Stärke 6,5 erschüttert die Region Friaul. Etwa 980 Menschen werden getötet. Zehntausende werden obdachlos. Besonders betroffen ist das Kanaltal.

  • Ein Mann, der eine Decke um sich gewickelt hat, vor einem eingestürzten Haus in Amatrice.
    foto: reuters

    Ein Mann, der eine Decke um sich gewickelt hat, vor einem eingestürzten Haus in Amatrice.

  • Luftaufnahmen, die Italiens Behörden veröffentlichten, zeigen das Ausmaß der Zerstörung in Amatrice.
    foto: reuters

    Luftaufnahmen, die Italiens Behörden veröffentlichten, zeigen das Ausmaß der Zerstörung in Amatrice.

  • Menschen neben einer Straße in Amatrice. Im Hintergrund sind beschädigte Häuser zu sehen.
    foto: reuters

    Menschen neben einer Straße in Amatrice. Im Hintergrund sind beschädigte Häuser zu sehen.

  • Hilfskräfte bei der Arbeit.
    foto: reuters

    Hilfskräfte bei der Arbeit.

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    foto: apa / afp / filippo monteforte
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    reuters/grilloti
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