Burka und Burkini – zwei Perspektiven

Kommentar der anderen23. August 2016, 17:10
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In der allgemeinen Debatte um das Verbot von Burka und Burkini braucht es vor allem das eine: politisches Augenmaß. Es könnte durchaus sein, dass Musliminnen vor lauter Befreiungsdiktat mehr unterdrückt werden

Reiner Zufall: Gerade in dem Moment, in dem sich Frankreich über den "Burkini" erhitzt – das Kleidungsstück jener Musliminnen, die Anstandsvorschriften respektierend ins Wasser gehen wollen –, bringt "Paris Match" eine Fotoreportage über den Wirtschaftsminister Emmanuel Macron, der am eleganten (und keinesfalls FKK-)Strand von Biarritz einen splitternackten Urlauber grüßt, ohne dass dies zu schockieren vermag.

In Frankreich wird 2016 Nacktheit toleriert, während eine verhüllende Kleidung die Öffentlichkeit erregt. Vor 40 Jahren bestrafte man Frauen, die es wagten, das Oberteil ihres Bikinis fallenzulassen, heute werden in einzelnen Gemeinden Frauen verfolgt, weil sie einen "Burkini" tragen. Über die Initiative einzelner französischer Bürgermeister, die selbst bei Premier Manuel Valls Verständnis findet, hat die westliche Presse nicht ohne Ironie berichtet. Und ein Muslim hatte mit einem kommentarlos geposteten Foto katholischer Schwestern in voller Montur am Strand großen Erfolg.

Um eines klarzustellen: Ich bin für das Verbot der Burka, der Vollverschleierung – seit zwei Jahren in Frankreich gesetzlich verankert, wird diese Diskussion zunehmend auch in Österreich geführt. Vorerst aus einer prinzipiellen Überlegung heraus: In einer Gesellschaft, die auf Demokratie und Gleichheit fußt, soll das Gesicht aller in der Öffentlichkeit sichtbar sein. Ich halte daher die Entscheidung eines kanadischen Gerichts, welche von den Bundesbehörden angefochten wurde, für desaströs, die einer Muslimin das Recht gab, den Eid auf die kanadische Verfassung zur Erreichung ihrer Staatsbürgerschaft vollverschleiert abzugeben.

Sicherheitsbedenken sind ein weiterer Grund. In einer Zeit, die von Attentaten geprägt ist, ist es nur legitim, dass die Identität der Menschen kontrolliert werden kann. Während des Algerienkriegs vermuteten die französischen Behörden, dass sich algerische Kämpfer unter dem traditionellen weißen Schleier, dem Haik, verbergen. Das war auch manchmal der Fall. Die Militärs haben eine Kampagne zur "Entschleierung der Mauresquen" betrieben, wie die Franzosen in Algerien die Musliminnen bezeichneten. Der Antikolonialist Frantz Fanon kam zum Schluss, dass diese Propaganda, angeblich zugunsten der Emanzipation der Frauen, in Algerien den Schleier als identitäres Symbol gestärkt hat.

Meine Kenntnis Algeriens erlaubt mir bezüglich des Schleiers wie des Burkinis eine etwas differenziertere Haltung als jene mancher meiner französischen Freunde, die darin einen inakzeptablen Angriff auf die Freiheit der Frauen sehen. Als ich 1963 mit meinen Eltern in das gerade unabhängig gewordene Algerien kam, sah man nur wenige europäisch gekleidete Algerierinnen. Die große Mehrheit zeigte sich nicht in der Öffentlichkeit. Wenn doch, dann umhüllten sie sich mit dem Haik.

Die Mehrheit der Progressiven war überzeugt, dass der Schleier dank der Bildung allmählich verschwinden wird. Als ich zwanzig Jahre später als Korrespondentin französischer Medien nach Algerien zurückgekehrt bin, war der Haik tatsächlich im Verschwinden. Er wurde allerdings ersetzt durch den damals völlig neuen "Hijab", eine Kopfbedeckung, oft mit einem langen, weiten Körpergewand getragen. Das war umso markanter, als die Frauen in der Öffentlichkeit wesentlich präsenter waren – auf der Straße, in den Universitäten oder den Moscheen.

Diese neuerliche Verschleierung war sicherlich ein Rückschritt unter dem Einfluss islamistischer Strömungen, oft von reaktionären arabischen Staaten finanziert. Aber ich sehe es auch als eine Art Kompromiss: Weil er die Hände freilässt, erhöht der Hijab die Beweglichkeit der Frau und entspricht mehr den Bedürfnissen der modernen Welt.

Oft ist sicherlich der Schleier – ebenso wie der Burkini – Ausdruck sozialen Drucks seitens der Familie oder der Umgebung. Es kann auch eine Wahl seitens der Frauen sein, die ihre Zugehörigkeit zu einer Kultur und Religion unterstreichen wollen. Letztlich ist es auch eine (bewusste oder unbewusste) Strategie, um den ästhetischen Erwartungen der Gesellschaft zu entkommen.

Für Frauen islamischer Kulturen steht das im Westen herrschende Schlankheitsideal im krassen Kontrast zu den in ihrem Milieu erwünschten mütterlichen Rundungen. Ich habe lange genug in islamischen Ländern gelebt, um zu wissen, dass der Schritt ins Wasser, ja gar das Schwimmenlernen das Überwinden mentaler Schwellen, besonders für Frauen, bedeutet. Warum sollte man sich nicht freuen, wenn Frauen diesen Schritt wagen, wenn auch in einem Anzug, der uns ebenso unbequem wie die einstigen Badekostüme erscheint? In Österreich bietet ein Fitnessklub Bereiche für Frauen, ohne die die Hijab-Trägerinnen wohl nie dorthin kommen würden. Wäre es etwa besser, wenn sie darauf verzichten würden?

Wie Roger Cohen in der "New York Times" schreibt, ist ein Burkini an sich kein "politisches Projekt", wie Manuel Valls meint. Es ist Zeit, etwas Wasser in den so reinen Wein der Laizität à la française zu schütten. Natürlich geht es nicht darum, Gegengesellschaften, die die republikanischen Werte ignorieren, in unserer Mitte zu akzeptieren. Aber Vernunft sollte man schon walten lassen. Die französische Schleierobsession schürt unnötige Wut.

Dies kann auch ein Grund für den Umstand sein, dass Frankreich öfters das Ziel terroristischer Attacken war. Andere europäische Länder, die ebenso gegen den IS militärisch vorgehen, wie Dänemark oder die Niederlande, blieben relativ verschont. (Joëlle Stolz, 23.8.2016)

Joëlle Stolz ist Journalistin bei "Le Monde". Sie war langjährige Korrespondentin in Wien und auch in Algerien, Nigeria und Libyen tätig. Sie lebt heuer in den Niederlanden.

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