Puce Mary: Mit den Fingern in der Autotür

24. August 2016, 08:00
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Mit "The Spiral" hat die Dänin Puce Mary eines der intensivsten Alben des Jahres veröffentlicht. Mit ihrem Programm zwischen Gänsehaut und Panikattacken gastiert die Musikerin im Oktober erstmals in Wien

Wien – Dass das Lärmmachen rein ursachenbedingt oft mit dicker Hose und Testosteronüberschuss verbunden ist, muss uns sicher kein weiterer Freistilsaxofonist mit Combat-Hosen, Muckibuden-Muckis und Bundesheerfrisur erklären. Für tatsächlich auch soundmäßig behämmerte Rockmusik, zuletzt ungefähr aus der Zeit, bevor Kurt Cobain immer so starke Magenschmerzen hatte, dass er sich Rauschgift spritzen musste, gilt übrigens dasselbe.

foto: frances morgan
Die dänische Musikerin Frederikke Hoffmeier alias Puce Mary erkundet die Schnittstelle von Lärm und Ruhe vor dem Sturm. Hier ist sie an einem historischen Buchla-Synthesizer zu sehen. Am 12. Oktober gastiert sie mit ihrem aktuellen Album "The Spiral" im Wiener Rhiz.

Auch die seit der Industrial-Bewegung der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre bis heute hinter Tasten und Knöpfen nicht unbedingt die Früchte einer klassischen Klavierausbildung auslebenden Künstler im Zeichen der Sinuswellen, Oszillatoren, Vibratoren und Torturen wussten schon immer, dass Männer zwar definitiv nicht mehr wissen als andere Geschlechter. Sie können es aber blöderweise schon rein von der tendenziellen Grundhaltung her lauter formulieren. Im Wesentlichen hat es auch mit etwas zu tun, das man mit "das Gebiet markieren" umschreiben kann.

Trötjazz, Hupkonzert, Kraftmeierei. Lautstärke nach rechts drehen. Die Hosen flattern. Power-Electronics, Auspufftopf aufbohren, Extreme Noise Terror. Grindmetal aus Absurdistan. Auf die sprichwörtliche Kacke hauen. Mama, beim Klappcomputer ist das Garage-Band-Programm kaputt, es lässt sich nicht abstellen. Das Grundrauschen von Großraumbüros klingt besser, wenn es in eine Sound-Journey gepackt ist. Ka-reisch. N-ts, n-ts, n-ts. Und: N-ts, n-ts, n-ts.

Das Haus zum Stinken bringen, jetzt fliegt mir gleich das Blech weg, der Saal geht durch die Decke. Männer sind anstrengend und oft relativ eindimensional, aber breitbeinig aufgestellt. Jetzt keine vermeintliche Morgenluft wittern: Frauen können zum Fachbereich Lärm und Musik oft auch nichts außer bestens durchdeklinierte Sachverhaltsdarstellungen beitragen. Leise ist der Mensch ja gewohnheitsmäßig nur bei Gewitter.

In den Abgrund starren

Manchmal aber scheint es doch so zu sein, dass hier neben aller gewohnten Formelhaftigkeit der gerade wieder bei erwachsenen Menschen beliebten Ausmalbücher aus den Wimmelbildern der Szene gewisse Künstler hervorstechen. Neben der jungen schwedischen Elektronikerin Klara Lewis, die 2016 mit ihrem zweiten Album Too an die präzisen wie stimmigen Raumerforschungen ihres Debüts Ett anschließen konnte, ist heuer eine weitere skandinavische Musikerin im Genre aufgefallen: Die in Kopenhagen beheimatete Noise- und Elektronikmusikerin Frederikke Hoffmeier veröffentlicht seit den Zehnerjahren unter dem Alias Puce Mary Tonträger an der Schnittstelle von Klang und Geräusch, die mit dem aktuellen, beim dänischen Label Posh Isolation erschienenen Album The Spiral ihren bisherigen Höhepunkt erreichen.

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Lärm wird hier nicht nur dazu eingesetzt, um durch eventuellen aggressiven Überdruck eine Form emotionaler Entladung mittels Hörsturz zu erreichen – oder irgendwelche dämlichen und längst obsoleten "physischen und psychischen Grenzerfahrungen" zu machen. Die Idee der total überzogenen Lautstärke (Hosenflattern, wir erinnern uns) erfreut zwar das ewige, Fensterscheiben einschmeißende und Luftballons zerstechende Kinderherz. Für Metallica sollte man aber circa spätestens dann zu alt sein, wenn die Mama das Teufelszeichen des Buben müde abwinkt.

Der wahre akustische Terror schleicht sich nicht an wie Godzilla bei einem Osterspaziergang auf dem New Yorker Broadway. Für den wahren Grusel und den Angstfaktor sorgen im Falle von Puce Mary auf The Spiral ins Unendliche zerdehnter Glockenklang, auf Schrittgeschwindigkeit gedrosselter Streicherakkord oder verhallter Hall im Hallraum. In den Abgrund wird ohnehin immer gestarrt.

Das Nichts weint

Das Nichts weint recht nervenzerrend mit Echoeffekten verstärkt dem ziemlich verhallten originalen Knöpferlsynthie-Dingsklang in Zeitlupe nach. Darauf erleiden aneinandergeriebene Leichtmetallplatten einen Nervenzusammenbruch. Mäusefallen klappen im Zweivierteltakt. Jemand schlägt eine Autotür zu. Jemand anderer hält die Finger dazwischen.

Irgendwo weit hinten schmiert jetzt ein Propellerflugzeug ab. Wo wollte es hinfliegen? Zu spät. Dazu pocht eine elektronische Basstrommel auf ihr Recht nach Durchhalten. Wutbürgerin Puce Mary ruft über ein Megafon ihre Mitdemonstranten dazu auf, endlich gegen das System aufzubegehren. Die Sinuswellen dürfen nicht noch länger unterdrückt werden. Harmonie ist ein Regelwerk, aus Verzagtheit und Kompromissen gebaut. Irgendwer wird jetzt wahnsinnig. Irgendwer dreht jetzt durch.

Wenn sich 2016 auch nur noch ein paar Leute für Musik interessieren sollten, die tatsächlich Spuren hinterlässt (Dreck, Herzblut, Sinnfrage): The Spiral von Puce Mary ist ihr Album des Jahres. (Christian Schachinger, 24.8.2016)

Live am 12. 10. im Wiener Rhiz

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