"Verrückt": Aufregung nach "islamistischem" Fake-Angriff in Prag

23. August 2016, 17:01
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Prag debattiert über "Happening" von Islamfeinden. Auch Premier Sobotka schaltete sich ein

Prag – Was am Sonntag auf dem Prager Altstädter Ring als angebliche "Theatervorstellung" begann und mit einem Polizeieinsatz und geschockten Menschen endete, sorgt in Tschechien derzeit für heftige Diskussionen. Bei der Aktion waren Männer mit Flaggen der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), Gewehrattrappen, aufgeklebten Vollbärten, einem Jeep und einem Kamel auf dem zentralen Platz in der Prager Innenstadt vorgefahren, hatten in die Luft geschossen und lauthals "Allahu akbar" geschrien.

Die Islamgegner, die hinter der Aktion standen, nennen das eine "Parodie": Sie hätten zeigen wollen, "wie die Ausrufung einer islamistischen Regierung aussehen könnte", erklärte später einer der Hauptakteure, der bekannte tschechische Islamkritiker Martin Konvička. Auf dem Altstädter Ring hatte Konvička zuvor öffentlich die Schließung der Hochschulen, Bücherverbrennungen und die Steinigung von Frauen "angekündigt" – so verkleidet, wie sich Konvička eben einen muslimischen Besatzer vorstellt.

foto: apa picture desk / čtk / markéta horešovská
Passanten auf dem Altstädter Ring ließen sich durch das Schauspiel kaum beeindrucken. Etwas abseits jedoch brach nach Gewehrsalven und "Allahu akbar"-Rufen Panik aus. Das Kamel war übrigens gemietet – von einer tschechischen Kamelverleihfirma.

Den meisten Menschen, die das Geschehen direkt auf dem Platz verfolgten, war bald klar, dass es sich um einen Fake-Angriff handelte. Anders stellte sich die Situation für diejenigen dar, die nur Bruchstücke davon wahrnehmen konnten. Zum Beispiel für die Gäste eines nahegelegenen Restaurants, das hinter ein paar Bäumen versteckt liegt und von dem man nur eingeschränkte Sicht auf den Platz hat. Sie hörten lediglich die Rufe, hörten die Schüsse, sahen die IS-Fahnen.

In dem Lokal brach Panik aus. Einige Gäste flüchteten durch einen Seitenausgang, andere versteckten sich hinter der Bar, in der Küche, im Keller und sogar auf dem Dach des Nachbarhauses. "Die Leute stolperten übereinander, sprangen über Stühle, einige stürzten und wurden getreten", berichtete eine Kellnerin der Tageszeitung "Právo". Der Chef des Restaurants erzählte von zwei 17-jährigen Aushilfskellnerinnen, die so geschockt waren, dass sie sich zwei Stunden lang in der Garderobe versteckten.

"Hysteriker und arabische Touristen"

Vor allem im Internet ist das Personal des Lokals nun Angriffen von islamfeindlichen Sympathisanten der Aktion ausgesetzt: Die Berichte über Panikausbrüche seien erfunden, die Kellnerinnen hysterisch. Als Beweis für die tumultartigen Szenen in seinem Restaurant hat der Chef mittlerweile eine kurze Sequenz eines Videos aus einer Überwachungskamera ins Internet gestellt.

Doch Martin Konvička legt nach: Die Medien würden ein verzerrtes Bild liefern. Er selbst habe ausschließlich "überraschte Leute gesehen, die sich gut unterhalten haben". Die Aktion auf dem Altstädter Ring sei lediglich von "Hysterikern und arabischen Touristen" gestört worden.

Offiziell "Theatervorstellung"

Die Veranstaltung war offiziell als "Theatervorstellung" angemeldet, wurde jedoch nach einer späteren Entscheidung des Magistrats von der Polizei aufgelöst – just in dem Moment, als ein Gefangener "hingerichtet" werden sollte.

Prags Oberbürgermeisterin Adriana Krnáčová räumt ein, dass es ein Fehler gewesen sei, die Aktion überhaupt zu erlauben: "Ich bin gegen die Aufnahme von Migranten, aber ich glaube, es ist nicht normal, mit Waffen über den Altstädter Ring zu fahren und dabei Angst und Panik zu verbreiten", erklärte Krnáčová – und bekräftigte damit implizit einen Konnex zwischen Flüchtlingen und Terrorattacken. Ihre Beamten verteidigten sich: Sie hätten nichts über den Ablauf der Veranstaltung gewusst, nur dass es sich um eine "Theatervorstellung" mit dem Titel "Okkupanten besetzen Prag" handeln sollte.

Möglicherweise hat auch der historische Bezug des Datums zusätzliche – wenngleich wohl nicht ganz zufällige – Verwirrung gestiftet: Am 21. August gedenkt Tschechien jedes Jahr des Einmarschs der Warschauer-Pakt-Truppen und der Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahr 1968. Konvička jedenfalls widerspricht den Magistratsbeamten: Alles sei detailliert abgesprochen gewesen.

Kritik von Premier Sobotka

Mittlerweile hat sich auch Premierminister Bohuslav Sobotka in der Debatte zu Wort gemeldet. Der Sozialdemokrat bezeichnete Konvička in einem Interview mit der Tageszeitung "Právo" (Dienstagausgabe) als "Verrückten", vor dem die Gesellschaft geschützt werden müsse. Auch das Prager Rathaus musste sich Kritik von Sobotka gefallen lassen: Gerade wegen der oft geäußerten Sicherheitsbedenken "hätte man gut darüber nachdenken sollen, ob man mitten in der Touristensaison an einem der meistfrequentierten Plätze Prags eine solche Aktion erlaubt", sagte Sobotka.

foto: gerald schubert
Vor der Prager Burg werden seit kurzem die Taschen der Besucher kontrolliert. Es bilden sich lange Schlangen.

Die tschechische Regierung hatte erst vor wenigen Wochen stärkere Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz sogenannter "weicher Ziele" angekündigt. Auch die kürzlich eingeführten Taschenkontrollen vor der Prager Burg, dem Sitz von Staatspräsident Miloš Zeman, sorgen derzeit für Aufsehen. Täglich bilden sich nun lange Warteschlangen vor den Eingängen in das Burgareal, das man zuvor ungehindert betreten konnte. Die Sinnhaftigkeit der Maßnahme ist umstritten. (Gerald Schubert, 23.8.2016)

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