Erkundungen unter der Oberfläche

27. August 2016, 14:00
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Sabrina Luimpöck erforscht die Erwerbsbiografien tschetschenischer Asylberechtigter

Wien – Rund 30.000 Tschetschenen leben als anerkannte Flüchtlinge in Österreich. Von manchen wird deren Integration als besonders schwierig wahrgenommen. Falls dieser Eindruck nicht trügt – wo liegen die größten Hürden? Auf der Suche nach Antworten befasst sich Sabrina Luimpöck in ihrer mit dem Dissertationspreis für Migrationsforschung der Akademie der Wissenschaften ausgezeichneten Doktorarbeit mit den Erwerbsbiografien tschetschenischer Flüchtlinge.

Dabei geht es ihr nicht um eine repräsentative Umfrage oder statistische Auswertungen: "In meiner Arbeit will ich biografische Verläufe im Detail erfassen und so herausfinden, welche Strategien die Asylberechtigten entwickeln, um die zwei großen Einschnitte in ihrer Erwerbsbiografie – die Flucht und die soziale Exklusion während des Asylverfahrens – zu überwinden", erläutert die ehemalige Sozialarbeiterin, die seit eineinhalb Jahren an der FH Burgenland unterrichtet.

Dass sich die 28-jährige Wienerin ausgerechnet für tschetschenische Immigranten interessiert, hat einen pragmatischen Grund: Durch ihr Slawistikstudium beherrscht Luimpöck die russische Sprache, in der sie stundenlange Interviews geführt hat. In 15 Biografien hat sie tiefe Einblicke bekommen, etwa in das Leben eines Bienenzüchters aus Tschetschenien, der zunächst in ein Nachbarland geflüchtet war und dort unter großen Schwierigkeiten ein Internetcafé eröffnet hatte. Eine neuerliche Flucht führte ihn nach Österreich, wo er sich als Hochzeitsfotograf selbstständig machen wollte, nach jahrelangen fruchtlosen Bemühungen im Behördendschungel sein Vorhaben jedoch aufgab.

Etliche Geschichten, in die sich Luimpöck vertieft hat, weichen verbreitete Vorurteile auf: "In den langen Gesprächen habe ich erfahren, dass das berüchtigte Kopftuch oft nicht viel über die Einstellung einer tschetschenischen Frau aussagt." Nicht selten handle es sich um sehr emanzipierte Frauen mit konkreten Berufswünschen, die sich nicht nur für Kinder, Küche und Moschee interessieren. "Oft werden Kopftuchträgerinnen gar nicht erst zu Bewerbungsgesprächen eingeladen", so Luimpöck. Wenn bei tschetschenischen Frauen die berufliche Integration über Jahre nicht funktioniert, definieren sie sich häufig über ihre Kinder – ein emotionaler Mechanismus, der auch bei Österreicherinnen lange gewirkt hat.

Insbesondere jüngere Tschetschenen wollen über einen Beruf Anerkennung finden. Was aber, wenn das nicht klappt? "Dann wird sie mitunter im Religiösen und Ethnischen gesucht", sagt Luimpöck. "Manche kommen als moderate Muslime nach Österreich und werden erst hier zu Strenggläubigen. Damit füllen sie vermutlich eine Leerstelle in ihrem Leben und ihrer Identität, die durch berufliche Anerkennung nicht entstanden wäre." Zudem ist Luimpöck aufgefallen, dass bei der Integration einzelne Personen wie Quartiergeber oder Deutschkursleiter eine zentrale Rolle spielen. "Leider wird diesen einflussreichen Integrationshelfern von offizieller Seite zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt."

Wie wichtig die Sprache und ihre Vermittler in einem fremden Umfeld sind, erfährt Luimpöck übrigens selbst immer wieder, ist sie doch gerade von einer Rucksackreise aus Kasachstan und Kirgisien zurückgekehrt. (Doris Griesser, 27.8.2016)

  • Sabrina Luimpöck nutzt ihre Russischkenntnisse für ausführliche Interviews.
    foto: stefan raber

    Sabrina Luimpöck nutzt ihre Russischkenntnisse für ausführliche Interviews.

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