Das Wort, das uns so schwer über die Lippen kommt

24. August 2016, 07:00
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Wir sagen schnell ja, wenn der Chef uns eine ungeliebte Zusatzaufgabe gibt. Aber warum fällt Neinsagen so schwer? Und wie ginge es besser?

Freitagmittag, der Feierabend rückt näher und mit den Gedanken ist man eigentlich schon im Wochenende. Dann der Reality-check: Die Chefin hat kurzfristig für Montag eine wichtige Präsentation zugesagt bekommen und bittet bei der Vorbereitung um Hilfe. Nein, denken wir, ein Wochenende voller Arbeit? Nicht schon wieder. Das Nein kommt uns aber nicht über die Lippen, wir sagen lieber Ja.

Heiß oder kalt?

Was im Gehirn abläuft, während wir zwischen Ja oder Nein entscheiden, weiß man inzwischen genau: Das Gehirn greift auf zwei unterschiedliche Denkprozesse zurück: dem intuitiven und dem rationalen System. Erstere Impulse kommen aus dem entwicklungsgeschichtlich älteren Teil des Gehirns, dem limbischen System. Hier werden Emotionen verarbeitet und Belohnungen ersehnt. Psychologen sprechen vom "System 1", Hirnforscher nennen es hingegen das "Hot System".

Zurück zum Freitag im Büro: Die Emotionen gewinnen Oberhand – die Befürchtung, die Chefin zu verärgern, wiegt in diesem Moment schwerer, als der Ärger über ein stressiges Wochenende. In Situationen wie dieser – wenn man überrumpelt wird oder unter Stress steht – ist es besonders schwer Nein zu sagen. Das Gehirn schaltet auf Ja, weil ein Konflikt vermieden wird – das fühlt sich besser an.

Gefühlschaos

Das so genannte "Cold-System", oder "System 2", liegt im präfrontalen Kortex und ist zuständig für Planen, komplexes Denken, Konzentration und Reflexion. Hier werden Gefühle unter Kontrolle gebracht, vorausgesetzt es gibt genug Zeit dafür. Je nachdem, welche Art von Entscheidung getroffen werden muss, übernimmt das heiße oder das kalte System: Pizza oder Burger? "System 1" entscheidet. Bewerbe ich mich für Job X oder Job Y? "System 2" kommt zum Zug.

Zu Problemen kommt es bei diesem Entscheidungsmuster nicht nur, wenn wir überrumpelt werden, sondern auch wenn komplexe Entscheidungen anstehen, mit unterschiedlichen lang- und kurzfristigen Konsequenzen – positiv und negativ. Auch dann gewinnen oft die Emotionen, unter anderem weil die negativen Auswirkungen in naher Zukunft überschätzt werden.

Vier Tipps fürs Neinsagen

Das Potenzial Nein zu sagen haben wir grundsätzlich alle – was es dafür braucht, damit uns das Wort über die Lippen kommt, ist die Kontrolle jener Verhaltensmuster, die uns unter Stress setzen und das emotionale System triggern – der präfrontale Kortex wird dann blockiert. Diese Kontrolle kostet allerdings sehr viel Energie und ist limitiert, ähnlich wie eine Batterie, fanden Neurowissenschafter heraus. Ein Nein kommt uns deswegen Morgens, wenn noch genug Energie da ist, leichter über die Lippen. Das ist nur ein Tipp für all jene Menschen, die das Gefühl haben zu selten Nein zu sagen.

Andere Strategien:

- Bedenkzeit einfordern

Wie das Beispiel mit der Wochenendarbeit zeigt, ist etwas mehr Bedenkzeit oft der Schlüssel zum Nein. Muss das Gehirn eine Entscheidung ad hoc treffen, schaltet es meistens auf Ja, um Streit und Konflikte zu vermeiden. Eine Strategie die sich bewährt hat, als der Homo Sapiens begann in Gruppen zu leben. Eine kurze Bedenkzeit ermöglicht es dem rationalen System sich einzuschalten. Am besten also um zehn Minuten Bedenkzeit bitten und sich dann mit einer Antwort melden.

- Höflichkeiten beiseite

Hilfreich ist es auch, mit dem Mythos aufzuräumen, dass ein Nein unhöflich ist. Unehrliche Höflichkeitsfloskeln weiß auch das Gegenüber zu deuten – ein freundlich formuliertes, aber entschiedenes Nein ist da die bessere Wahl. Menschen, denen es besonders schwer fällt Nein zu sagen, sollten sich bei Anfragen oder Bitten darüber Gedanken machen, ob es nicht das Gegenüber ist, das vielmehr unhöflich agiert mit Art und Weise oder dem Zeitpunkt der Bitte.

- Sich selbst kennen

Wann fällt ein Nein besonders schwer? In welchen Situationen hätte ich in der Vergangenheit lieber abgelehnt, habe es aber nicht getan? Seine eigenen Ja-Nein-Muster zu kennen kann helfen, sie zu durchbrechen. Ob Angst vor Gesichtsverlust oder Ablehnung, Harmoniebedürfnis oder Anerkennung – jeder Mensch hat unterschiedliche Motive für ein nicht ausgesprochenes Nein. Viel hat dabei auch mit Selbstbewusstsein zu tun: Sich nicht über die Reaktionen des Gegenübers auf ein Nein den Kopf zerbrechen, sondern daran denken, dass das Nein auch auf Akzeptanz und Respekt stoßen kann.

- Üben

Ja, es gibt kleine und große Neins. Den Arbeitsvertrag doch nicht unterschreiben zählt zu letzterem. Damit diese Situation gelingt kann man im Kleinen üben: Den Arbeitskollegen heute doch nicht mehr nachhause bringen zum Beispiel. Die Formulierung ist wichtig: Wertschätzend, damit sich das Gegenüber nicht vor den Kopf gestoßen fühlt, gut begründet und eventuell mit einer Alternative: "Nein, das geht leider nicht. Ich bin nach der Arbeit direkt zum Essen verabredet, aber morgen kann ich dich wieder mitnehmen."

Sind wir alle Jasager?

Ist es überhaupt so, dass ein Nein so selten über die Lippen kommt? Monika Radecki schreibt in ihrem Buch "Nein sagen. Die besten Strategien", es sei ein Mythos, dass wir seltener Nein sagen, als wir wollen. Man würde es oft tun, nur würden jene Momente, in denen es nicht gelingt, besonders im Gedächtnis bleiben und das Gefühl verstärken, ein Jasager zu sein. Und: Die Erkenntnisse der Nein-Forschung beziehen sich nur auf unseren Kulturkreis – in anderen Kulturen gibt es manchmal nicht einmal ein Wort für Nein – etwa auf Malaiisch oder Indonesisch. Dort würde man auf die Frage, ob man verheiratet ist, mit "noch nicht" antworten. (lhag, 24.8.2016)

  • Was im Kopf passiert, wenn man vor einer Entscheidung steht, weiß die Forschung. Das limbische System, wo Emotionen verarbeitet werden, konkurriert mit dem kühleren System im präfrontalen Kortex. Das geht meistens gut – außer die Möglichkeiten sind zu komplex oder man steht unter Stress.
    foto: istock

    Was im Kopf passiert, wenn man vor einer Entscheidung steht, weiß die Forschung. Das limbische System, wo Emotionen verarbeitet werden, konkurriert mit dem kühleren System im präfrontalen Kortex. Das geht meistens gut – außer die Möglichkeiten sind zu komplex oder man steht unter Stress.

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