Maya gingen womöglich an ihrer ausgeklügelten Wassertechnik zugrunde

23. August 2016, 12:41
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Sozio-hydrologische Rechenmodelle an der TU Wien weisen auf Verwundbarkeit hoch entwickelter Gesellschaften hin

Wien – Die Kultur der Maya, ein Flickenteppich unterschiedlicher Völker und Reiche, geeint durch eng miteinander verwandte Sprachen, erreichte im heutigen Mittelamerika zwischen 300 und 900 ihren Höhepunkt – um dann beinahe plötzlich zu kollabieren. Welche dramatischen Ereignisse die Maya bereits im neunten Jahrhundert dazu veranlassten, ihre gewaltigen Städte aufzugeben, ist bis heute umstritten.

Nach dem Ende der Spätklassik um 900 verfiel die blühende Zivilisation jedenfalls binnen weniger Jahrzehnte. Bereits ab der Mitte des 10. Jahrhunderts werden im gesamten Tiefland keine monumentalen Steinstelen mehr errichtet. Neben Epidemien oder Kriegen wird oft auch Wassermangel als Ursache für den Zusammenbruch genannt. Wissenschafter von der TU Wien lieferten nun auf Basis sozio-hydrologischer Rechenmodelle dafür neue Belege: Gerade die Bewässerungstechnik, die den Maya in Dürrezeiten oft wichtige Dienste geleistet hat, könnte die Gesellschaft verwundbarer gegenüber großen Katastrophen gemacht haben.

Wasser lässt Bevölkerung wachsen

"Wasser beeinflusst die Gesellschaft und die Gesellschaft beeinflusst das Wasser", erklärte Linda Kuil, Dissertantin von Günter Blöschl im FWF-Doktoratskolleg "Wasserwirtschaftliche Systeme" an der Technischen Universität (TU) Wien in einer Aussendung. So bestimme der Wasservorrat wie viel Nahrung zur Verfügung stehe und beeinflusse somit das Bevölkerungswachstum. Bei steigender Einwohnerzahl werde umgekehrt in den natürlichen Wasserkreislauf eingegriffen – etwa durch den Bau von Wasserreservoirs.

Die TU-Wissenschafter versuchen, diese Wechselwirkungen zwischen soziologischen und hydrologischen Effekten in mathematische Modelle zu fassen. So können etwa zwischen vorhandener Nahrungsmenge und Geburtenrate mathematische Zusammenhänge hergestellt werden, oder zwischen den Erinnerungen an eine Dürre und der gesellschaftlichen Entscheidung, neue Wasserreservoirs zu bauen. Kombiniert man solche Zusammenhänge mit historischen oder aktuellen Daten, lassen sich verschiedene Szenarien des Zusammenspiels von Mensch und Natur berechnen.

Gerüstet für die Trockenzeit

"Mit unserem Modell kann man nun analysieren, welche Auswirkungen die Wasserbautechnik der Maya auf ihre Gesellschaft hatte", so Kuil. So haben die Wissenschafter die Auswirkungen der Wasserreservoirs berechnet, die die Mayas für ihr Bewässerungssystem gebaut haben, um für Trockenzeiten gerüstet zu sein, und ihre Ergebnisse im Fachjournal "Water Resources Research" veröffentlicht.

Wie sich zeigt, können solche Reservoirs tatsächlich helfen, kleinere Dürreperioden gut zu überstehen. Während die Bevölkerung in der Simulation ohne Wasservorräte nach einer Dürre zurückgeht, kann sie mit Reservoirs weiter wachsen. Doch genau das mache die Bevölkerung in bestimmten Fällen verwundbar: Wenn das Verhalten gleich bleibe, der Wasserbedarf pro Kopf also nicht gesenkt werde, aber die Bevölkerung weiter wachse, könne eine weitere Dürre zu einem Bevölkerungsrückgang führen. Und dieser sei dramatischer als er ohne Wasserreservoirs gewesen wäre.

Verwundbar durch Ressourcenknappheit

Es werde sich wohl nie eindeutig klären lassen, ob das tatsächlich der Grund für den Niedergang der Maya war, betonen die Wissenschafter. Das Modell zeige aber, wie verwundbar eine technisierte Gesellschaft sein kann. "Wenn man es mit knappen Ressourcen zu tun hat, dann sind die scheinbar einfachsten Lösungen nicht immer die besten", so Kuil. Ohne Verhaltensänderung und Reduktion des Verbrauchs könne es "trotz kluger technischer Lösungen passieren, dass die Gesellschaft nicht sicherer sondern im Gegenteil immer katastrophenanfälliger wird". (APA, red, 23.8.2016)

  • Tempel I in der Mayastadt Calakmul im mexikanischen Bundesstaat Campeche. Möglicherweise haben Probleme mit der Wasserversorgung vor tausend Jahren zum Untergang der Hochkultur geführt.
    foto: reuters/bernardo montoya

    Tempel I in der Mayastadt Calakmul im mexikanischen Bundesstaat Campeche. Möglicherweise haben Probleme mit der Wasserversorgung vor tausend Jahren zum Untergang der Hochkultur geführt.

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