Unsicherer Schulweg: Smartphones lenken ab

23. August 2016, 10:43
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Grazer Kindersicherheitsexperten warnen vor "Pokemon Go" am Weg zur Schule – Nachlassendes Gefahrenbewusstsein lässt Schulwegunfälle ab Oktober hochschnellen

Graz – Der Weg in die Schule hat im Vorjahr für rund 500 Kinder im Spital geendet. Zu der am meisten gefährdeten Gruppe zählen aber nicht die Schulanfänger, sondern die Zehn- und Elfjährigen, sagte der Vorstand der Grazer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendchirurgie, Holger Till, im APA-Gespräch. Eindringlich warnte der Primar vor dem Gebrauch von "Pokemon Go" am Schulweg.

Schulweg üben

Eltern sollten den Schulweg mit allen Schulanfängern immer wieder üben. Doch auch Volksschulabgänger sollten sich rund zwei Wochen vor Ferienende wieder auf den Weg machen und richtiges Verkehrsverhalten "üben, üben, üben", wie Till betonte. Immerhin sei die Altersgruppe der Zehn- und Elfjährigen rund dreimal häufiger in Unfälle am Weg in die Schule verwickelt, als die Schuleinsteiger.

Laut den Erhebungen der Grazer Kindersicherheitsexperten "Große schützen Kleine" am Grazer LKH-Uniklinikum erleiden Taferlklassler unter allen Schülergruppen am seltensten einen Schulwegunfall. "Sie werden in der Regel gut vorbereitet und oftmals begleitet", erklärte Till. Das Risiko verdopple sich jedoch zu Beginn der zweiten Klasse: "Die Kinder gehen dann schon alleine zur Schule, haben aber nach den Ferien einiges vergessen oder sind umgezogen, so dass für sie die Strecke wieder neu ist", gab Till zu bedenken.

Während das Risiko in der dritten Klasse sinkt, erreichen die Unfallzahlen bei den Elfjährigen einen absoluten Höhepunkt, wie die langjährigen Erhebungen der Grazer Experten zeigen. "Nach der freiwilligen Radfahrprüfung in der vierten Volksschulklasse werden die Fähigkeiten der Kinder im Herbst oft überschätzt, die Routine fehlt jedoch noch", warnte Till.

In den ersten Schulwochen ereignen sich übrigens noch wenig Unfälle. "Hier werden die Kinder noch oft begleitet, die Aufmerksamkeit ist groß, weil alles noch neu ist. Doch mit zunehmender Routine – und anscheinend nachlassendem Gefahrenbewusstsein – passiert mehr", betonte Till. So komme es, dass sich die Unfallzahlen im Oktober verdoppeln.

Risiko mit "Pokemon Go"

Zusätzlich steige das Risiko für diese Altersgruppe durch Ablenkungen wie Smartphones stark an. Das Bewusstsein für vorhersehbare Gefahren sei bei Elfjährigen zwar voll ausgebildet, werde aber offenbar durch fesselnde Smartphone-Spiele stark ausgeblendet: "Spiele wie 'Pokemon Go' dürften im Herbst für ein noch höheres Risiko sorgen", zeigte sich der Mediziner besorgt. "Auf dem Schulweg sollte darauf ganz verzichtet werden", so Till.

"Das Spiel hat ein extrem hohes Ablenkungspotenzial", sagte der Primar. Im Verkehr sei das Unfallrisiko ein doppelt hohes: "Da gibt es Kinder, die dann einfach über die Straße laufen, ohne zu schauen. Gar nicht zu denken an spielende Erwachsene, die vielleicht mit dem Fahrrad oder Pkw ihren Weg kreuzen könnten", gab Till zu bedenken.

"In der Hand von Schülern am Weg zur Schule hat es nichts zu suchen", betonte der Präsident von "Große schützen Kleine", der die App auch selbst getestet hat. Die Grazer Experten wollen bei künftigen Kinderunfällen im Verkehr nun auch erheben, ob es Zusammenhänge zwischen der Spielanwendung und dem Unfall gibt. Wer es seinen Kindern als aktive Verkehrsteilnehmer erlaube, verletzte aus seiner Sicht die Aufsichtspflicht. (APA, 23.8.2016)

  • Hohes Ablenkungspotenzial: Nicht bei Taferlklassler, sondern bei den Zehn- und Elfjährigen ist das Unfallrisiko am Schulweg am höchsten.
    foto: istock / getty images / imgorthand

    Hohes Ablenkungspotenzial: Nicht bei Taferlklassler, sondern bei den Zehn- und Elfjährigen ist das Unfallrisiko am Schulweg am höchsten.

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