VW-Kurzarbeit wegen Streitsumme von 76 Euro

22. August 2016, 17:43
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Der auch in Österreich stark vertretene Zulieferer Prevent fordert Volkswagen heraus. Offenbar geht es in dem Streit um eine winzige Differenz

Wolfsburg/Wien – Kleiner Wert und großer Streit. So könnte man das Tauziehen zwischen dem Kfz-Zulieferer Prevent, in Österreich seit der Eybl-Übernahme bekannt, bezeichnen. Die Weigerung zweier Gesellschaften des von Bosnien aus aufgebauten Autoteileherstellers, Volkswagen weiter zu beliefern, legt Teile der deutschen Produktion lahm. U. a. sind Motoren- und Getriebewerke sowie die Golf- und Passat-Fertigung an den VW-Standorten in Wolfsburg, Kassel, Zwickau, Salzgitter, Braunschweig und Emden betroffen. Fast 30.000 Mitarbeiter können derzeit nicht arbeiten.

Über die Gründe des Streits zwischen Prevent und VW wird seit Tagen gerätselt. Am Montag kamen neue Hinweise für die Motive der Auseinandersetzung. Demnach beanstanden die Deutschen eine Rechnung der Prevent-Gesellschaft ES Automobilguss über knapp 400.000 Euro für die chinesische Produktion. Sie soll um 76,35 Euro zu hoch sein.

Nicht ungewöhnlich

Aus dem Hause Volkswagen war am Montag zu hören, dass es sich um keinen ungewöhnlichen Vorgang handle. In der Rechnungsbearbeitung tauche manchmal Klärungsbedarf auf. Das Geld sei daher derzeit in der Tat noch nicht überwiesen. Das heiße aber noch lange nicht, dass das auch bis zum Fälligkeitsdatum 25. August so bleiben müsse.

Bei ES Automobilguss sieht man das dagegen anders: "Ich hoffe sehr, dass diese Handlungsweise nicht einem ungerechtfertigten VW-seitigen Embargo wegen unserer derzeitigen Auseinandersetzung hinsichtlich der Belieferung Ihres Hauses geschuldet ist", schreibt der Verantwortliche auf Zuliefererseite an VW und betont, dass "die Juli-Rechnung in keinem kausalen Zusammenhang mit unserem Lieferstopp seit Anfang August in Verbindung steht".

Der hängt dann wohl doch eher mit größeren Beträgen und einer anderen Prevent-Gesellschaft zusammen. Der Sitzebezügehersteller Car Trim hatte einen Entwicklungsauftrag von VW und Porsche mit einem Volumen von 56 Millionen Euro erhalten. Im Falle der Umsetzung der Entwicklung hätte sich das Geschäft annähernd verzehnfacht. Diese Order wurden von den Deutschen Ende Juni aber gecancelt. Nun beansprucht Car Trim die 56 Millionen als Entschädigung für bereits getätigte Investitionen.

Schlüsselzulieferer

Dass es tatsächlich "nur" um Abrechnungsprobleme geht, davon ist allerdings nicht auszugehen. Vielmehr wird gemunkelt, dass sich Prevent zum Schlüsselzulieferer aufschwingen wolle und damit höhere Ansprüche verbunden seien. Das geht nicht immer reibungslos, wie VW aus eigener Erfahrung weiß. In Brasilien hatte Volkswagen aus ähnlichen Gründen bereits Ärger mit dem Sitzzulieferer Keiper, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete. Sie gehört ebenso wie Prevent einer niederländischen Finanzholding, die von der bosnischen Familie Hastor kontrolliert wird.

In Österreich wiederum sind neben der ebenfalls auf Autotextil spezialisierten Gesellschaft Eybl die Lederfabrik Mattighofen und die Erlenbruch TVG unter Prevent-Kontrolle. Zudem werden von der Prevent Austria Aktivitäten in Ungarn, Rumänien und Deutschland geleitet.

Volkswagen dürfte frühestens Ende dieser Woche die Möglichkeit haben, sich die fehlenden Teile mithilfe des Gerichtsvollziehers zu besorgen. Das für die anhängigen einstweiligen Verfügungen zuständige Landgericht Braunschweig rechnet "nicht vor Ende dieser Woche" damit, dass die nächsten nötigen Schritte erfolgen. Derzeit stehe noch eine finale Entscheidung aus.

Ohne sie könne VW den Gerichtsvollzieher noch nicht bemühen. Trotz des Eilverfahrens vor Gericht, in dem der Autobauer bisher Etappensiege einfuhr, ist die Sache damit für VW noch immer eine Frage mehrerer Tage. Beantragt wurde die Verhängung von Ordnungsgeld, Ordnungshaft sowie die Beschlagnahme der benötigten Teile. (as, dpa, 22.8.2016)

  • Die Idylle trügt, denn der Streit mit einem Zulieferer wird von VW erbittert geführt. Offenbar geht es – zumindest vordergründig – um geringe Beträge, die den Konflikt mit ausgelöst haben.
    foto: ap photo/markus schreiber

    Die Idylle trügt, denn der Streit mit einem Zulieferer wird von VW erbittert geführt. Offenbar geht es – zumindest vordergründig – um geringe Beträge, die den Konflikt mit ausgelöst haben.

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