"Bist du glücklich?": Was das schnelle Geld mit den Menschen macht

22. August 2016, 17:35
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Kai Hensels Thriller mit bitterböser Rasanz ist ein Stück Literatur auf dem Level der Gegenwart

Wien – Patrick und Laura sind eigentlich zwanzig Jahre zu jung für einen idyllischen Landsitz mit Karpfenteich. Patrick ist 28, sie ist 26. Er hat eine App am Laufen, sie schreibt ein Detox-Buch. Sie sind Prototypen eines neuen Berlin, das nicht mehr arm und sexy sein will. Es sei denn, man betrachtet eine Mitgliedschaft im Yachtclub von 1886 e. V. als sexy. Neues Geld kauft altes Prestige, das ist der Gang der Welt.

Selten aber sieht man diesen Gang so lustvoll aus dem Tritt gebracht wie in Kai Hensels Thriller Bist du glücklich? Das heißt nicht, dass sich am Gang der Welt etwas ändern würde – im Gegenteil. Aber man bekommt doch einen guten Eindruck davon, was das schnelle Geld so mit den Menschen macht. Und man kriegt ein Gefühl für die Opfer, für die Kollateralschäden, für das blöde Spiel des Zufalls.

Vor vier Jahren hat Hensel mit Das Perseus-Protokoll einen (eigentlich kaum, aber dann doch) denkbaren Verlauf der Griechenlandkrise beschrieben, der um einiges weiter ging als die üblichen Grexit-Debatten. Er hielt sich dabei aber auch streng an die Regeln: Das Buch hatte kein Gramm Theorie zu viel, alles war strikt mit Figuren verbunden, es ging um ein Leseerlebnis, das auf Identifikation setzte. Noch konsequenter setzt Hensel in Bist du glücklich? auf ein Verfahren, das in Computerspielen die Situationen bestimmt: Alles ist "point of view", einen souveränen Erzähler gibt es zwar immer noch, aber er zeigt sich darin, dass er Fragmente zunehmend hektischer werdender Erlebnisse höchst wirkungsvoll miteinander in Beziehung setzt.

Ein Tag und eine Nacht

Die Ereignisse in Hensels neuem Buch beschränken sich auf einen Tag und eine lange Nacht. Patrick und Laura fahren aufs Land, in einen fiktiven Ort namens Bugelow nahe der polnischen Grenze. Man kann hier gut jedes beliebige Landgut in der Uckermark einsetzen, auf dem sich die Erfolgreichen der Berliner Republik in den letzten Jahren ein Idyll geschaffen haben.

Das Schloss in Bugelow ist stark renovierungsbedürftig, aber als romantische Kulisse für ein Treffen mit einem amerikanischen "Angel"-Investor ist es bestens geeignet. Denn der heruntergekommene Charme des Ostens lässt auch die Profitsprünge erkennen, von denen Patrick träumt. Laura ist neben ihm vergleichsweise harmlos, eine höhere Tochter aus Hamburg, die sich um die Zahl der Likes sorgt, die sie mit einem Eintrag über jüdische Speiseregeln auf Facebook generiert.

Patrick und Laura werden verfolgt. Eine Krankenschwester, die eine Obsession für den gutaussehenden Jungunternehmer entwickelt hat, fährt in einem Käfer hinterher. Sie erweist sich als überraschend geschickt, wenn es darum geht, sich nicht abschütteln zu lassen. Und sie ist brutal. Die Gewalt, die davor eher nur implizit eine der Verhältnisse war, bekommt mit Schwester Brigitte eine konkrete Dimension, und allmählich wird deutlicher, welche Genreanleihen Hensel dieses Mal nimmt.

Mythologie des Vampirismus

Bist du glücklich? hat so manchen Moment, den man im Kino als "Splatter" bezeichnen würde; eine wesentliche Idee der Geschichte greift die grassierende Mythologie des Vampirismus auf. Hensel aber bezieht auch konkrete Verhältnisse im deutschen Grenzland mit ein. Eine hoch groteske Szene in einer Investitionsruine besiegelt das Schicksal zweier Figuren, bei denen man sich an Philip Scheffners Dokumentarfilm Revision über zwei illegale Migranten aus Rumänien erinnert fühlen könnte, die in Mecklenburg-Vorpommern bei einem "Jagdunfall" den Tod fanden.

Gute Genreliteratur lebt davon, dass sie ein Sensorium für Konstellationen hat. Und gerade darin liegt eine der Stärken des Buches. Denn Hensel geht es wesentlich darum, die Qualitäten der virtuellen Welten zurück in eine körperliche Wirklichkeit zu holen, die er drastisch beschreibt: Zwischen Captagon und Valium, zwischen K.-o.-Tropfen und Aufputschmitteln geht es hier ständig um eine Balance auf Messers Schneide. Von Detox kann keine Rede sein.

Computerspiele bestehen aus Ebenen, und ihnen eignet die Suggestion, dass man mit jedem Level einem Ziel näherkommt. Es ist schon fast perfide, wie Hensel seinem Helden ständig Prügel vor die Beine wirft, aber genau darin liegt natürlich auch der Genuss dieses Buches.

In seiner bitterbösen Rasanz ist Bist du glücklich?, wie die gleichnamige App im Buch, selbst in hohem Maße immersiv, versucht also, die Leser so unmittelbar wie möglich in das Geschehen zu verstricken. Zugleich ist Hensels Verfahren aber erkennbar so hochspekulativ, dass man kaum anders kann, als die ironische Distanz wiederzufinden, von der das Buch eigentlich geprägt ist. In dieser Spannung liegt dann fast schon mehr als nur handwerkliche Qualität: Bist du glücklich? ist Literatur auf dem Level der Gegenwart. (Bert Rebhandl, 22.8.2016)

Kai Hensel
Bist du glücklich?

Hoffmann & Campe 2016
336 Seiten, 20,60 Euro

  • Hat ein Sensorium für Konstellationen: Autor Kai Hensel.
    foto: laura j. gerlach

    Hat ein Sensorium für Konstellationen: Autor Kai Hensel.

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