Es braucht eine Opec für Wanderarbeiter

Kommentar der anderen22. August 2016, 17:09
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Millionen Menschen weltweit werden von Staaten als Arbeitskräfte "importiert". Sie helfen, oft weitgehend rechtlos, deren Wirtschaft und jener ihrer Herkunftsländer. Es wird Zeit, die Arbeitsmigranten endlich besser zu schützen

Im September 1960 fanden sich Delegierte aus dem Iran, dem Irak, Kuweit, Saudi-Arabien und Venezuela in Bagdad ein, um die Organisation erdölexportierender Länder zu gründen. Mit der weltweit zunehmenden Abhängigkeit von Öl wuchs auch die Macht der Opec. In Anbetracht der Tatsache, dass heute viele Entwicklungsländer, einschließlich eines Großteils der Länder des Nahen und Mittleren Ostens, als so etwas wie die Hauptexporteure von Arbeitskräften gelten, ist es vielleicht an der Zeit, über die Gründung eines Opec-ähnlichen Kartells für Arbeitsmigranten nachzudenken.

Die arbeitskräfteexportierenden Länder von heute unterscheiden sich nicht wesentlich von den Gründungsmitgliedern der Opec im Jahr 1960. Auf einem Markt, den die Kunden bestimmen, sind auch sie angreifbar. Reiche Länder, die Arbeitskräfte importieren, und arme Länder, die sie exportieren, stehen in einer wechselseitigen Abhängigkeitsbeziehung; doch die Importeure von Arbeitskräften können Einwanderungs- und Arbeitsmarktregulierungen einseitig verschärfen oder lockern, wodurch sich die Exporteure in einem ständigen Zustand der Unsicherheit befinden.

Dieses Ungleichgewicht kann für die arbeitskräfteexportierenden Länder gravierende Kosten mit sich bringen. Für viele Entwicklungsländer sind Überweisungen von im Ausland tätigen Arbeitskräften eine zentrale Einnahmequelle – noch wichtiger als alle anderen Zuflüsse an Finanzmitteln wie Direktinvestitionen und Hilfsgelder. Und sie leisten vielfach einen Beitrag zur Verbesserung der Finanzsituation des jeweiligen Landes. Laut Angaben der Weltbank betragen diese Überweisungen aus dem Ausland auf den Philippinen und in Indonesien 20 bis 24 Prozent des BIPs, 42 Prozent in Tadschikistan, 32 Prozent in Kirgistan, 17 Prozent im Libanon, 10,8 Prozent in Jordanien, 9,9 Prozent im Jemen und 6,6 Prozent in Ägypten und Marokko.

Für viele Entwicklungsländer stellen Arbeitskräfte einen strategischen Produktionsfaktor dar, ebenso wie Rohstoffe für Ökonomien, die reich an Bodenschätzen sind. Bei Arbeitsmigration denken wir an wenig qualifizierte Tätigkeiten in den Bereichen Landwirtschaft, Bauwesen, Dienstleistungen und in Privathaushalten. Allerdings bildet man mittlerweile (unter anderem) in Ländern wie Jordanien und dem Libanon Menschen aus, die anschließend als hochqualifizierte Arbeitskräfte ins Ausland gehen.

Nun müssen diese arbeitskräfteexportierenden Länder ihre Investitionen in das Humankapital schützen, und eine kartellähnliche politische Organisation ist die wirksamste Art, dies zu tun. Würden sich die oben erwähnten Länder mit China, Mexiko, Indien und anderen großen arbeitskräfteexportierenden Ländern zusammenschließen, hätten sie bei Verhandlungen über Löhne, Visabestimmungen und andere Bedingungen viele Trümpfe in der Hand – von denen in manchen Fällen auch Nichtmitglieder profitieren würden, da sich die weltweiten Standards ändern. Die Importeure von Arbeitskräften hätten es nicht mehr mit einem einzelnen nationalen Markt zu tun, sondern müssten sich um Zugang zu einem kollektiven Markt bemühen.

Gegen eigene Interessen

Ein Kartell würde verhindern, dass arbeitskräfteexportierende Länder gegen ihre eigenen Interessen handeln, wie das momentan mit bilateralen Abkommen der Fall ist. Käme es etwa zu separaten Abkommen mit den Ländern des Golf-Kooperationsrates, würden sich die einzelnen südostasiatischen Länder gegenseitig unterbieten, wodurch die Bedingungen für alle schlechter ausfielen.

Mit einem Kartell im Rücken könnten die Regierungen hingegen Mindestlöhne für verschiedene Berufe und Gewerbe sowie auch für unterschiedliche Qualifikationsniveaus etablieren. Da die Exporteure ihre Arbeitsmigranten ausbilden würden, würde auch die Nachfrage steigen, was wiederum eher die Konkurrenz zwischen den Abnehmern und nicht zwischen den Anbietern fördern würde. Dadurch käme eine positive Dynamik höherer Löhne und noch besserer Ausbildung in Gang. Und weil das alles auf den weltweiten Märkten stattfände, würden sich auch die mit bestimmten Qualifikationen verbundenen Kosten für Ausbildungsinstitutionen, Schüler, Mitarbeiter und Arbeitgeber transparenter gestalten.

Im Rahmen dieses neuen Systems würden die arbeitskräfteimportierenden Länder – auf Grundlage des neu bestimmten Mindestlohns – Steuern einheben, und die Überweisungen in das Herkunftsland blieben unversteuert. In diesem Sinne wäre das Kartell eine international agierende Gewerkschaft, die den Arbeitnehmern in Ländern, wo die Gewerkschaften schwach oder verboten sind, Verhandlungsstärke verleiht.

Ein Kartell arbeitskräfteexportierender Länder hätte weitreichende Auswirkungen auf das derzeitige System. Die Kartellmitglieder hätten die Möglichkeit, Dritte entweder zu belohnen oder zu bestrafen, wenn diese wider Treu und Glauben handeln. Und am allerwichtigsten: Die Arbeitskräfte selbst wären in der Lage, in einem System, das sie lange ihrer Würde beraubte, diese wiederzuerlangen. Tatsächlich könnte man erwarten, dass die Fremdenfeindlichkeit weltweit nachlässt, da der Zugang zu ausländischen Arbeitskräften vermehrt zu einem Vorrecht wird.

Insgesamt würde ein Kartell arbeitskräfteexportierender Länder Ordnung in eine Branche bringen, die lange Zeit in Kontroversen verstrickt war und den Ruf zahlreicher arbeitskräfteimportierender Länder beschädigte. Ein derartiges Kartell würde die Dynamik von Angebot und Nachfrage verändern – und zwar sowohl zugunsten der Arbeitnehmer, die von neuen Schutzbestimmungen profitierten, als auch zugunsten der importierenden Länder, die Zugang zu ausgebildeten Arbeitskräften hätten, um auf – oftmals durch technologische Fortschritte bedingte – rasche Veränderungen wirtschaftlicher Bedingungen zu reagieren. (Sami Mahroum, Übersetzung: Helga Klinger-Groier, Copyright: Project Syndicate,22.8.2016)

Sami Mahroum ist Direktor der Innovation-&-Policy-Initiative bei Insead sowie Verfasser von "Black Swan Start-ups: Understanding the Rise of Successful Technology Business in Unlikely Places".

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