Syrien-Geisel: "Jeder kann dich verkaufen"

Interview23. August 2016, 09:52
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Der spanische Journalist Ángel Sastre war mit zwei Kollegen zehn Monate lang Geisel der radikalislamischen Al-Nusra-Front

STANDARD: Wie geht es Ihnen nach Ihrer Rückkehr nach Spanien?

Sastre: Kurz nach der Rückkehr ging es mir einige Tage sehr gut. Doch es kam rasch eine Art psychologisches Tief. Mit Symptomen posttraumatischen Stresses, Angst- und Panikattacken. Das ist normal nach derartigen Erlebnissen. Aber den Umständen entsprechend geht es mir gut. Ich bin auch noch nicht in psychologischer Behandlung. Dazu hatte ich noch keine Zeit. Einzig im Spital hat man mir einige Tabletten verschrieben. Beruhigungsmittel und etwas dafür, dass ich schlafen kann.

STANDARD: Was hat Sie dazu bewegt, just nach Ihrer Befreiung an die Öffentlichkeit zu gehen?

Sastre: Ich bin noch in einer Phase der Aufarbeitung, am Ordnen der Eindrücke. Meine Motivation ist es jedoch, über den Syrienkrieg an sich zu sprechen. Denn ich und meine Kollegen, wir sind nicht die Nachricht, um die es eigentlich geht. Sondern es sind die abertausenden Zivilisten, die tagaus, tagein systematischen Bombardements ausgesetzt sind. Darum sind wir auch nach Syrien gereist, um Interviews mit den Bewohnern zu machen, mit den Menschen, die dort leben. Denn wo einst eine arabische Revolution startete, ist diese nun verwelkt und instrumentalisiert von radikalen islamistischen Milizen. Ich sehe meine Interviews nach meiner Freilassung nun als eine Möglichkeit, Syrien und vor allem die Syrer wieder ins mediale Rampenlicht zu rücken. Leider interessieren sich die Medien generell nur mehr wenig für Syrien. Es sei denn, es passiert uns aus dem Westen etwas vor Ort. Doch das Leben eines Syrers ist nicht weniger wert als das unsere.

STANDARD: Was kritisieren Sie an der Syrien-Berichterstattung?

Sastre: In erster Linie kann ich von Spanien sprechen, aber auch international zeigt sich eines: Es wird nicht die Arbeit im Feld unterstützt. Es fehlt an Mitteln, um Informationen zu beschaffen, und auch daran, diese in ihren Kontext zu setzen. Man muss dafür Platz bereithalten in den Abendnachrichten, in den Zeitungen. Und auch den Reportern, die sich in den Konflikt wagen, faire Honorare zahlen. Wir fordern eine würdige Bezahlung ein, auf dass wir auch weiterhin über solche Konflikte berichten können. Die circa 35 Euro, die in Spanien für einen Text oder eben ein Foto aus dem Krieg bezahlt werden, sind eine Zumutung. Wohlgemerkt: da wir auch Kosten zu tragen haben. Ein jeder noch so kleine Gefallen kostet in Syrien bares Geld. Hohe Summen sind für Führer, Fahrer, Übersetzer, für Unterkünfte, ja selbst für Lebensmittel aufzubringen. Dabei ist es eben genau dort, wo wir Journalisten wirklich gebraucht werden.

STANDARD: Wie haben sich Ihre Auftraggeber über die Zeit der Entführung hinweg verhalten?

Sastre: Ich arbeite für Cuatro, den Radiosender Onda Cero und die Tageszeitung "La Razón". Letztere war die Einzige, die mich weiterhin bezahlt hat. Dort hat man sich vorbildlich verhalten. Das ist keinesfalls Usus.

STANDARD: Wie ist es Ihren Kollegen ergangen?

Sastre: Darüber kann und will ich nicht sprechen. Beide wollen nicht an die Öffentlichkeit gehen. Und unser Pakt ist: Ich rede nicht über sie. Frage: Welche Sicherheitsvorkehrungen kann man treffen, bevor man etwa nach Syrien reist? Antwort: Ich würde allen Kollegen abraten, nach Syrien zu fahren. Es ist meiner Meinung nach unmöglich. Auch wenn es die eine oder andere Möglichkeit gibt. Etwa mit der kurdischen PKK oder auf Einladung des Regimes. Es ist auch das sehr riskant. Die Lage ist katastrophal. Entführungen sind dort, wie auch im Jemen, ein allgegenwärtiges Risiko. Ein jeder kann dich verkaufen. Dein Fahrer, deine Dolmetscher, jeder Kontakt, jeder Informant. Das ist ein neuer Kontext für uns Kriegsberichterstatter. Anders wie etwa in Lateinamerika, wo ich den Großteil meiner Karriere verbracht habe.

STANDARD: Planen Sie bereits weitere Projekte?

Sastre: Ich will schon bald – also sobald es mir psychisch und auch finanziell besser geht – nach Mexiko. Doch ich muss mir auch erst eine neue Ausrüstung kaufen. Denn die Entführer haben uns alles gestohlen.

STANDARD: Wie haben Sie die Entführung kurz nach dem Überschreiten der Grenze in Erinnerung?

Sastre: Im Großen und Ganzen hat man uns mit einem gewissen Respekt behandelt. Es gab solche und solche, klarerweise. Wie Sie wissen, war ich ja in den Händen der Al-Nusra-Front, die stets in einem Atemzug mit Al-Kaida und dem Daesh ("Islamischer Staat", Anm.) genannt wird. Es sind dieselben Verrückten, wahnsinnige Arschlöcher, Hurensöhne, wie der "Islamische Staat". Das muss man ganz klar sagen. Auch wenn sie eben versuchen, sich eine Imagekampagne zu gönnen. Und sich versuchen, davon zu distanzieren. Einigen von uns, die in Gefangenschaft waren, bot man akzeptable Bedingungen. In den letzten vier Monaten konnten wir sogar ein wenig fernsehen. Ich schaffte es, internationale Sender zu empfangen, CNN, BBC und Deutsche Welle etwa. Aber insgesamt war die Zeit – zehn Monate – sehr, sehr hart. Sie sagten uns auch stets, die Verhandlungen um unsere Freilassung liefen schlecht. Und sie würden uns im Falle des Scheiterns an den IS verkaufen. Oder eben gleich umbringen. Sprich: Wir waren permanent Todesängsten ausgesetzt.

STANDARD: Haben Sie je die Hoffnung verloren?

Sastre: Ständig. Es gab keine Hoffnung. Ich ging davon aus, dass wir beim IS enden würden. Und man uns hinrichten würde.

STANDARD: Was hat schlussendlich zu Ihrer Freilassung geführt?

Sastre: Ich kann nur sagen, dass das Team der spanischen Regierung hochprofessionell agiert hat. Sie haben ständig und hart an unserer Freilassung gearbeitet. Mit einem erstklassigen Team, das uns niemals aufgegeben und ständig um unsere Freiheit gekämpft hat. Ob Lösegeld geflossen ist, kann ich nicht sagen. Ich weiß es nicht. Genauso wenig, ob es zu einem Austausch von Gefangenen gekommen ist. Aber ich bin der Regierung immens dankbar, dass sie alles getan hat, um unser Leben zu retten.

STANDARD: Wie sehen Sie die Debatte um Flüchtlinge in Europa?

Sastre: In den letzten Monaten der Geiselhaft konnten wir die Nachrichten verfolgen. Und ich identifizierte mich sehr stark mit den Flüchtlingen, die auf dem Balkan oder in Griechenland und Mazedonien festsaßen und festsitzen. Und es stammt auch der Großteil der Flüchtlinge just aus der Zone um Aleppo, wo wir gefangengehalten worden sind. Wir waren wie sie in Lagern gefangen, umzäunt oder zwischen Grenzen im Niemandsland. Wir waren ebenso eine Art Währung, die man erpresserisch im Tausch, in ihrem Fall im Abkommen zur Rückführung in die Türkei, auf den Verhandlungstisch brachte. Visafreiheit und Geld im Gegenzug. Wir als Geiseln waren zudem mit Material des UNHCR versorgt, paradoxerweise. Teppiche, Decken, Nahrungsmittel usw. trugen alle das Logo des UN-Flüchtlingshilfswerks. Woher dieses Material stammen mochte, darüber kann ich nur spekulieren: Vielleicht hat man es bei Überfällen auf Lager oder Konvois geraubt. Ich empfinde die gesamte Debatte um das Flüchtlingsthema als absolut ungerecht. Es wird mit Flüchtlingen Angst geschürt in den Bevölkerungen der westlichen Staaten. Und dabei klammert man die grenzenlose Verzweiflung derjenigen, die fliehen mussten, gänzlich aus der Debatte aus.

STANDARD: Gibt es Hoffnungsschimmer, dass wieder Frieden in Syrien herrschen wird?

Sastre: Ich habe keinerlei Hoffnung. Die Bevölkerung vor Ort ebenso wenig. Und noch weniger die Milizionäre, mit denen wir sprechen konnten. Alle Optionen sind schlecht. Schlechter als vor dem Krieg. Auf der einen Seite die Lösung, dass das Assad-Regime wiederhergestellt wird – eines, das sein eigenes Volk systematisch bombardieren ließ und selbst vor Giftgasangriffen nicht zurückschreckte. Eines, das Schulen und Spitäler angegriffen hat. Auch wenn diese Lösung als eine logische erscheinen mag und auch von Alliierten wie dem Iran oder Saudi-Arabien präferiert wird – sowie auch von Russland, klarerweise. Aber das wäre der Ausweg, den sonst niemand, vor allem niemand in der Bevölkerung, wollte.

STANDARD: Die Alternative hierzu wäre jedoch der Daesh.

Sastre: Korrekt, denn unter den sogenannten Rebellengruppen existiert eigentlich keine moderate Kraft mehr. Es sind quasi alles Radikalislamische, die dem IS nahe stehen. Die Kräfte, die im Zuge der Revolution einen liberalen, laizistischen Staat forderten, sind aufgerieben worden. Hier zeigen sich auch Parallelen zu Libyen und dem Sturz von Muammar al-Gaddafi. Syrien ist auf dem Weg, ein permanentes Pulverfass zu werden. Keine Lösung des Konfliktes erscheint kurzfristig möglich zu sein oder mittelfristig eine gute Variante zu bieten, den Staat wiederherzustellen. Syrien ist und bleibt ein Tunnel ohne Ausweg und ohne jegliches Licht. (Jan Marot aus Madrid, 23.8.2016)

Ángel Sastre (36) ist ein mehrfach preisgekrönter Kriegsberichterstatter und Journalist. Er lebt in Spanien und Buenos Aires. Sastre war im Juli 2015 kurz nach dem Überschreiten der syrischen Grenze bei Aleppo von der radikalislamischen Al-Nusra-Front entführt worden, und mehr als zehn Monate in Geiselhaft, ehe er und zwei seiner Kollegen, Antonio Pampliega und José Manuel López, diesen Mai auf Vermittlung der spanischen Regierung freigelassen worden waren. Jahrelang arbeitete Sastre zu Konflikten in Lateinamerika und zuletzt auch der Ukraine. Er ist freier Mitarbeiter bei der Tageszeitung "La Razón", dem Radiosender Onda Cero und dem privaten TV-Sender Cuatro.

  • Die Journalisten Ángel Sastre (rechts), José Manuel Lopez (Mitte) und Antonio Pampliega kehrten am 8. Mai nach Madrid zurück. Sie waren zehn Monate in Gefangenschaft der radikalislamischen syrischen Al-Nusra-Front gewesen.
    foto: apa/afp/presidencia del gobierno

    Die Journalisten Ángel Sastre (rechts), José Manuel Lopez (Mitte) und Antonio Pampliega kehrten am 8. Mai nach Madrid zurück. Sie waren zehn Monate in Gefangenschaft der radikalislamischen syrischen Al-Nusra-Front gewesen.

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