Restitution: Frische Ware für den Markt

23. August 2016, 09:00
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15.000 Objekte seit 1998 aus Bundesmuseen restituiert

Wien – Geht es um die systematische Erforschung in der NS-Zeit entzogener Kulturgüter in Staatsbesitz, dann hat sich Österreich im internationalen Vergleich mittlerweile die Bezeichnung Musterschüler verdient. Wenngleich die Motivation dazu spät einsetzte: 1998, als mit den Washingtoner Principles ein internationales Abkommen vereinbart und im Dezember des gleichen Jahres das Bundeskunstrückgabegesetz verabschiedet wurde.

Damals nahm auch die Kommission für Provenienzforschung ihre Arbeit auf und begann die Überprüfung von Objekten, die seit 1933 in den Bestand österreichischer Bundesmuseen und Sammlungen gelangten. Dabei ging es nicht immer um Werke der bildenden Kunst, sondern auch um Porzellane, volkskundliche Objekte, Mobiliar, technische Geräte oder Bücher. Die ursprüngliche Annahme, diese Arbeit wäre in zwei, maximal drei Jahren erledigt, erwies sich als Irrtum. Sowohl der Umfang als auch der Aufwand war schlicht unterschätzt worden.

Die in Dossiers zusammengefassten Ergebnisse der Provenienzforschung werden dem Prozedere zufolge dem Kunstrückgabebeirat vorgelegt, der abschließend eine Rückgabe oder auch nicht empfiehlt. Bisher hielten sich die zuständigen Bundesminister an die Empfehlungen, wiewohl sie das nicht mussten.

Resitutionsentscheidungen

Im jährlich publizierten Restitutionsbericht, seit 2008 im Kulturbericht integriert, wird der Nationalrat über die Tätigkeit der Kommission informiert. An Empfehlungen orientiert beläuft sich die Bilanz 2015 auf insgesamt zehn: In sieben Fällen sprach man sich für und in drei gegen eine Rückgabe aus.

Zu letzteren Entscheidungen gehörte das einst in der Sammlung Lederer beheimatete Beethovenfries (Secession) oder auch zwei Papierarbeiten von Egon Schiele aus der Albertina bzw. der Sammlung Fritz Grünbaum. Die Causa des legendären Kabarettisten gilt als eine der komplexesten und steht seit November 2015 bei einem New Yorker Gericht zur Diskussion. Die Erben nach Grünbaum sehen, ungeachtet der Einschätzung österreichischer Provenienzforscher, den Tatbestand der Entziehung gegeben.

Bilanz

Die Bilanz in Österreich kann sich nach 18 Jahren indes durchaus sehen lassen: Laut Eva Blimlinger, der Stellvertretenden Vorsitzenden des Beirates, wurden seither 350 Dossiers erstellt und etwa 15.000 Objekte an Nachfahren zumeist jüdischer Vorbesitzer restituiert. Die Mehrheit entschließt sich anschließend für einen Verkauf, um den Erlös dem Erbschlüssel gemäß aufzuteilen.

Aus globaler Sicht spielen Restitutionen als Quelle für marktfrische Ware musealer Güte für den Kunstmarkt eine wichtige Rolle. Internationale Markplätze profitieren davon naturgemäß öfter als nationale, da die weltweit verteilten Erbengemeinschaften etwa Versteigerungen in New York oder London den Vorzug geben. Nachfolgende Verkäufe in Österreich blieben eher die Ausnahme.

Mehr als 550 Millionen Dollar

Der Wertumfang der bislang aus österreichischen Museumsbeständen restituierten und verkauften Kunstwerke, darunter zahlreiche Gemälde Gustav Klimts, dürfte sich grob geschätzt auf etwa 550 Millionen Dollar belaufen. In dieser Kalkulation sind Privatrestitutionen oder -vergleiche (z. B. Leopold-Museum) jedoch nicht inkludiert. (Olga Kronsteiner, 23.8.2016)

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