Behandlungsstandards sind oft "medizinischer Abfall"

22. August 2016, 15:15
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Mythen der Medizin: In der öffentlichen Wahrnehmung von Gesundheitsrisiken fehlen oft Relationen, heißt es bei den Gesundheitsgesprächen Alpbach

Es ist nicht alles sprichwörtliches Gold, was glänzt in der Medizin. Vor allem, was die Einschätzung von Gesundheitsrisiken angeht, wäre noch viel zu lernen, heißt es von Experten bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen. "Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) hat verarbeitetes Fleisch als Karzinogen eingestuft. Das Problem liegt darin, dass es damit mit dem Rauchen und Asbest in eine Kategorie fällt", sagt etwa Ian Johnson vom britischen Institut für Ernährungswissenschaften in Norwich.

Der Unterschied im Beitrag von Fleischkonsum zu Dickdarmkrebs und dem Rauchen beim Lungenkrebs sei enorm, werde aber so nicht in Relation gestellt. Immerhin ist Tabakkonsum für 85 Prozent der Lungenkarzinome (rund 20 Prozent aller Krebserkrankungen) verantwortlich. Starker Fleischkonsum wird mit einem Risikoanteil für Dickdarmkarzinome von um die 20 Prozent kalkuliert. Das sind eklatante Unterschiede.

Ein anderes Beispiel ist der Body Mass Index (BMI), bei dem seit Jahren propagiert wird, dass ein Wert von 18 bis 25 Normalgewicht bedeute, dann das Übergewicht beginne – mit einem Indexwert von mehr als 30 als Fettsucht. Jeffrey Hunger von der Abteilung für Psychologie und Hirnforschung der Universität von Kalifornien (Santa Barbara) dazu: "Der BMI ist ein schlechter Prognosefaktor für Gesundheit. In den USA fallen dadurch 74 Millionen Menschen in eine falsche Kategorie." Millionen von ihnen seien gesund, obwohl sie laut BMI als "krank" eingestuft würden, Millionen Menschen seien eigentlich krank, obwohl der BMI sie als "gesund" darstelle.

Harte Parameter als Ziel

"Übergewicht stigmatisiert, macht Stress und führt zu einem zwei- bis dreifach höheren Risiko für Substanzabhängigkeit", sagte Hunger. "Es wäre viel sinnvoller, nicht einen bestimmten BMI als Zielwert anzupeilen, sondern harte Parameter, wie den Blutdruck oder die Blutzuckerwerte, als Ziele anzusehen."

Im Nachhinein bewertet stellen sich viele Dogmen der Medizin nach wie vor als Mythen heraus. Dies betonte auch der finnische Orthopäde und Unfallchirurg Teppo Järvinen. Eine Analyse der im New England Journal of Medicine zwischen 2001 und 2010 erschienen Studien mit 363 in der Medizin praktizierten Therapien etc. hätte folgendes ergeben: "Ein erheblicher Teil dessen, was wir tun, ist nichts anderes als medizinischer Abfall." 38 Prozent der beurteilten Maßnahmen im Rahmen von "Behandlungsstandards" hätten sich als unwirksam oder schädlich, keinesfalls als Fortschritt, herausgestellt. (APA, 22.8.2016)

  • Fleischkonsum führt wesentlich seltener zu Dickdarmkrebs, als Rauchen zu Lungenkrebs.
    foto: wikipedia/mo riza/(CC-Lizenz)

    Fleischkonsum führt wesentlich seltener zu Dickdarmkrebs, als Rauchen zu Lungenkrebs.

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